Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-09-25 · Heft 77 (25.9.1902) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 77 (25.9.1902)
Date
1902-09-25
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449867--56733-2519418
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1621 und nur zum Unterhalte von zwanzig Betten finden sich die Mittel! Wo bleibt da die jüdische Mildihätigkeit? Wie beschämend für uns Juden ist doch die Aeußerung, die jüngst Miß Gordvich Fiöre, eine englische katholische Schriftstellerin, unseren Freunden gegenüber that. Nachdem dieselbe das englische Missionsspital, wie das Hospital Schaare Zedek besucht, in ersterem jeden Raum besetzt, in letzterem nur zwanzig Betten belegt gefunden hatte, erklärte sie staunend, es sei ihr unverständlich, daß die Juden ein so geringes Jntereffe für eine so nothwendige Sache bekundeten und einem großen, jüdischen Spitale nur für zwanzig Betten die Mittel gewährten, um die Fürsorge für die unglücklichen Kranken den Missionären der englischen Kirche abzutreten. Dies das Urtheil einer Katholikin. Und .wir Juden? Haben wir wirklich das Recht, theilnamslos unsere armen Glaubensbrüder dem Abfall preiszugeben, dem-sie beim Aufenthalt in einer Anstalt der Gesellschaft entgegen gehen, die das leitende Prinzip ihres Hospitals in der Aufschrift auf dem Gebäude kündet? Aber auch ohne Rücksicht auf diese Erwägung, sind wir nicht als Juden verpflichtet, unseren Brüdern in der Roth zu helfen. 'Hier ist jetzt mit relativ geringen Mitteln vollkommene Hülfe zu bringen möglich. Es handelt sich darum, arme, unglückliche Kranke' in der heiligen Stadt, die Juden sind und bleiben wollen, bei Leben, Kraft und Gesundheit zu erhalten: da ists rechte Wohlthat, echt jüdisches Gemiluth Chesed, dem Hospitas Schaare Zedek die Mittel zu der unbedingt nothwendigen Vermehrung der Betten zu gewähren. Der Segen dieser Anstalt kommt allxn Juden Jerusalems und der benachbarten jüdischen Ansiedlungen zu Gute, gemäß den Bestimmungen des Centralkomitees, daß ohne jedweden Unterschied der Gemeindezugehörigkeit die Aufnahme, Behandlung und Verpflegung der Kranken eine völlig unentgeltliche sein, und wenn die Zahl der zur Verfügung stehenden Betten nicht genügt, um alle der Spitalbehandlung Bedürftige aufzunehmen, für die Auswahl nur die Schwere der Erkrankung und der Grad der Armuth bestimmend sein soll. Wenn das Hospital so seine Fürsorge nicht von der Staatsangehörigkeit der Aufnahme Suchenden abhängig macht, deutsche, englische, französische, österreichisch-ungarische, russische, türkische etc. Unterthanen in gleicher Weise berücksichtigt, so ruht auch auf den Juden aller Länder die Ehrenpflicht, sich an der Erhaltung dieses Wohlthätigkeitswerkes zu betheiligen. Jedermann darf gewiß sein, hiermit in zweckmäßiger Weise Armen und Kranken zu helfen. Judenthum und Menschlichkeit sind ein Begriff, und so entspricht auch die ganze kernige Ordnung und Führung des Werkes den speziell jüdischen, wie allgemein idealen Ansprüchen, die wir im Interesse der Humanität an unsere Institute der Mildthatigkeit zu stellen berechtigt sind. Ohne andere Wege der Hulfeleistung auszuschließen, sei es mir gestattet, der jüdischen Gesammtheit einen Vorschlag zu unterbreiten, dessen Ausführung den vorher dargelegten Nothstand lindern könnte, ohne zugleich andere nothwendige Wohlthätigkeitsbestrebungen in der Nähe oder Ferne zu kürzen. Wenn sich jeder bemittelte jüdische Familienvater verpflichten würde, wöchentlich mindestens 10 Pfennig, also jährlich 5 Mark, für das Hospital Schaare Zedek zu Jerusalem zu spenden, dann wird es der Verwaltung nicht nur ermöglicht, in achtzig Betten arme, hülflose Kranke unentgeltlich zu verpflegen, sondern zugleich ließe sich eine Krankenküche * einrichten, aus der die Rekonvaleszenten, die in Folge - Andranges Schwerkranker früher, als wünfchenswerth, in das häusliche Elend zurückgesandt werden müssen, oder die Unglücklichen, die auch trotz Vermehrung der Betten Aufnahme noch nicht finden können, mit dem Nothwendigsten für Kranke,, mit kräftiger, zweckentsprechender Kost versorgt werden. Daß es bei der Armuth und Zahl der jüdischen Bevölkerung unbedingt nothwendig ist, die Spitalbetten zu vermehren, ist nicht nur die einstimmige Mehrung der in Jerusalem praktizirenden Aerzte; auch der Fremde und Laie kann die Nothlage der armen, jüdischen Kranken ermessen. . Einer Bevölkerung von ca. 30,000 Seelen stehen in den vier jüdischen Spitälern insgesammt nur ca. 140 Betten zu Verfügung. Die Wohlfahrtspflege verlangt in einer europäischen Stadt mindestens sechs Spitalbetten, für je 1060, Eintvohner. Armuth und Elend derselben stehen aber in keinem Vergleich mit der'traurigen Lage der Bewohner Jerusalems. Während, dort bekanntlich höchstens der fünfte Theil der Bevölkerung so arm ist oder so unzureichende Räume bewohnt, daß er im Erkrankungsfalle gezwungen ist, in einem Spitale Zuflucht zu suchen, gilt dies in Jerusalem für mindestens vier Fünftel der jüdischen Gemeinde. Es sind daher in Jerusalem nicht '6, sondern 24 Betten für 1000 Einwohner erforderlich, und demgemäß für die mindestens 30,000 Seelen zählende jüdische Bevölkerung ca. 720 Spitalbetten nothwendig. Wenn 'man aber sich nur aus die obige Ziffer beschränkt, und 240 Betten genügend erachtet, bleibt immer noch der fühlbare Mangel von 100 Betten. Selbst der Ortsfremde ersieht, daß bei dem unglaublichen Elend, das hier herrscht, 140 Betten' durchaus unzureichend sein müssen. Und sie sind es in der Tbat: Wer nachforscht, findet hierfür traurige Belege. Das Ziel, den armen undkranken jüdischen Mitbrüdern in Jerusalem wirksam zu helfen, ist erreichbar, wenn ein jedes Mitglied der jüdischen Gefammtheit den für das Spital Schaare Zedek erbetenen kleinen Beitrag willig leistet. Niemand erwächst hierdurch eine Last, und Niemand ist wohl durch eine so kleine Ausgabe von 10 Pfg. wöchentlich zur Entbehrung | geztvungen. Zumal an diejenigen Leute, die bereits

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.