Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 77 (25.9.1902)
- Date
- 1902-09-25
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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folgen denselben zu gleichem Zwecke in den ebenso einfachen wie würdigen Betraum. Hiernach entsprechen wir gerne einer liebenswürdigen Einladung des Spitalarztes, . Herrn Dr. Moritz Wallach aus Eöln, und des Verwalters, Herrn Jonas Marx aus Fürth, zur Besichtigung der Krankensäle. Zugleich erfreuen wir uns der willkommenen Gelegenheit, mit beiden Herren, die seit mehreren Jahren in Jerusalem ansässig sind, gemeinsame Erinnerungen aus der Heimath austauschen und lieber Freunde gedenken zu können. Die Einrichtung des Hospitals ist bereits mehrmals beschrieben worden, so daß ich eine Wiederholung unterlassen darf. — Die s. Z. gegebene Schilderung der soliden Ausführung des Baues und der praktischen Anordnung aller Einzelheiten entspricht voll der Wirklichkeit. Hinzufügen kann ich jedoch heute, daß die höchste Anerkennung der Ordnung, Sorgfalt und Sauberkeit geziemt, die . in der ganzen Anstatt obwalten. Der gesammte Betrieb, die Anordnung der Einzelheiten des Dienstes, wie ganze Wartung und Pflege bekunden den wahren, frommen, jüdischen und darum echt humanen Zweck, dem das Werk geweiht ist. Ich nahm Einsicht in den Speisezettel der Woche, wie in das Verzeichniß Extraverordnungen: beides bringt unter Vermeidung alles Ueberflüssigen die nöthige Abwechslung und zugleich die erforderliche Menge von kräftiger Nahrung, die bei den durch häusliches Elend schon vorher geschwächten Kranken hier notwendiger ist als anderswo. Das Odium, das man früher oft mit dem Begriffe der Spitalkost verband, hat hier gewiß keine Geltung. Unvergeßlich ist mir die liebevolle Sorgfalt, mit der ich im Kindersaal die Wärterinnen den ihnen anvertrauten kleinen Patienten die Suppe darreichen sah.. Die armen Kinder sind, sobald sie sich an die neue Umgebung gewöhnt haben, so zufrieden, daß einige auf die Frage, ob sie lieber hier bleiben oder nach Hause wollten, antworteten, sie wollten bei ihrer Muhme (Tante), d. i. bei ihrer Wärterin bleiben. Kein Wunder das, wenn man bedenkt, unter welchem Jammer und Elend die'armen Kleinen daheim aufwachsen .und wie wenig die unglücklichen Eltern für ihre Kinder zu thun in der Lage sind. Die allgemeine Armuth der jüdischen Bevölkerung Jerusalems, die gänzlich zu lindern bisher nicht gelang, ist eben so groß und schier unerträglich. Leider kann der Spitalarzt, wie er mir mit Bedauern mittheilte, die kleinen wie die erwachsenen Patienten nicht so lange in der Anstalt behalten, wie es ihr Zustand und das Elend daheim wünschenswerth machen. Die bisher dem Spital zugehenden Gaben ermöglichen nur die Belegung von ungefähr 20 Betten, und ist daher bei dem Andrang von Schwerkranken eine v frühzeitige Entlassung der Reconvalescenten unvermeidlich. Aus dem gleichen Grunde konnten bisher nur ausnahmsweise einige schwerkranke Männer ausgenommen werden. Die vorhandenen Betten mußten für Frauen und Kinder reservirt bleiben, da diese daS weitaus größte Kontingent der Kranken stellen. Die im Spital daniederliegenden Patienten gehören den verschiedensten Altersstufen, Gemeinden und Berufsklaffen an: vom Säugling bis zur Greisin ist fast jedes Alter'und ebenso die aschkenasifchen und portugiesischen (sephardischen) Gemeinden aus Nord, Süd, Ost und West vertreten: es liegen hier Patienten, deren Heimath Sana im südlichen Arabien oder Schiras in Persien ist, neben solchen aus Wilna und Warschau, und wiederum Frauen und Kinder von Talmudgelehrten und Handwerkern aus Jerusalem, neben den Angehörigen von Bauern aus den jüdischen Dörfern Rischon le Zion und Rehoboth. Alle finden hier die gleiche liebende Berücksichtigung. Eine wahre Wohlthat für die zahlreichen armen Kranken sind auch die im Spital täglich stattfindenden unentgeltlichen Sprechstunden: ihr Besuch steht auch Nichtjuden frei. Es beträgt in diesen Sommermonaten, in denen ein großer Theil der Bevölkerung, zumal Kinder, an Augenentzündung leidet, die Zahl der täglich unentgeltlich behandelten Patienten über hundert. Die gleiche Reinlichkeit und Ordnung wie in der Krankenabtheilung fand ich auch in der Poliklinik,' der Küche, den Vorrathsräumen und den sonstigen Zimmern des Hauses. Alle Einzelheiten des Betrirbes^sind mit wohlbedachter und wohlthuender Sorgfalt geleitet. Gerne nehme ich sodann noch Einblick in das Gedenkbuch des Spitals, das durch Namenseintragung illustrer Besucher — auch S. Kgl. Hoheit Prinz Adalbert von Preußen, der dritte Sohn unseres Kaisers, besichtigte die Anstalt — ausgezeichnet ist. Warm und' angelegentlichst empfiehlt hier gleich den Oberrabbinen Jerusalems der deutsche Konsul dieses der edlen Wohlthätigkeit geweihte Institut. Neben den lobenden Aeußerungen der fremden Besucher verdient auch besondere Beachtung die Einzeichnung sämmtlicher Aerzie Jerusalems — gewiß kompetente Veurtheiler — die in eindrucksvollen Worten die Nothwendigkeit der Anstalt und ihrer vorzüglichen hygienischen Einrichtung anerkennen, zugleich aber darauf Hinweisen, wie gebieterisch das Wohl der armen jüdischen Kranken und somit die Pflicht der Menschlichkeit die Ausdehnung des Betriebes verlangt. Mit voller Befriedigung und inniger Genugthuung konnte ich so aus diesem der Nächstenliebe geweihten Haufe scheiden. Seine Existenz gereicht dem gefammten Judenthume zur höchsten Ehre, wie es sich den schönsten und bestgeleiteten derartigen Instituten der Neuzeit würdig anreiht. Nur Eins hat meine Freude an diesem Werk edlen Woblthuns beeinträchtigt, ja mich schwer bekümmert. Zur gleichzeitigen Verpflegung von mehr als achtzig Kranken bietet das Hospital Raum; unzählige Kranken bitten um Aufnahme^ wie ich mich selbst wahrend l meines Aufenthaltes in Jerusalem überzeugen konnte.