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Der Israelit · 1902-09-22 · Heft 76 (22.9.1902) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 76 (22.9.1902)
Date
1902-09-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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1606 gewährten. Aber heute leben wir im zwanzigsten Jahrhundert, und für dieses ist es eine Schmach, daß an dem Bande der Humanität, welches Völker und Staaten umschlingt, ein kleiner Staat an der äußersten Ecke der enropäisckchen Civilisation ungehindert zerren und rütteln darf. Das ist es, was die amerikanische Note den Berliner Vertragsmächten, was sie der Welt in Erinnerung bringt und was keine Berufung auf das Prinzip der Nichtintervention jemals mehr aus. dem Gedächtnisse auslöschen kann. Alle Selbstachtung müßte in Europa versunken sein, wenn dieser helle amerikanische Ruf ein Ruf in die Wüste europäischer Gleichgiltigkeit gegen Recht und Menschlichkeit bleiben könnte. ZeMmgArrschrLchSsN »Kd SsrrefysKÄerrze«. Deutschland. Berlin, 18. Sept. («Sine antisemitische Lektion.) Die Staats'v.-Zeitg." bringt einen Aufsatz über die Karriere un'^ Persönlichkeit des bisherigen Oberbürgermeisters vrir Posen,, der bekanntlich als ' Direktor an die Nationalb'ank geht. Das Blatt meint dazu:- •. ■ . . .V-.:.. " „ES ist also gekomm« n, wie wir voraussahen; Herr Witting hat die Direktorstellüng mit 100,000 Mark dem allerdings sehr ehrenvollen, aber nicht hoch dotierten - Amte . eines Präsidenten der Ansiedelungskommission vorgezogen. Der Reichskanzler wird daraus vielleicht die entsprechende Lehre ziehen und mit uns zu der Ansicht gelangen, daß die Staatsbürger jüdischen Glaubens, auch wenn sie getauft sind, für den Staatsdienst wenig geeignet erscheinen, sie haben eben andere Anschauungen als die Deutschen." . Wir nehmen an, daß das antisemitische Blatt uns in nächster Zeit mit den semitischen Stammbäumen folgender Herren bekannt machen wird: des Eisenbahnministers Budde, der bekanntlich einmal eine Direktorstelle in einer Löwe'schen Waffenfabrik einer Generalsuniform vorgezogen hat, des früheren Ministerialdirektors Micke, der aus seinem Staatsamt an die Berliner Straßenbahn gegangen ist, des Geheimen Finanzrathes Müller, des Vorgängers des Herrn Witting in Posen, der von der Reichsbank zur Dresdener Bank übertrat, des Ministerialdirektors Höter, der zur Diskonto-Gesellschaft, des Reichsbankdirektors Hartung, der zum Schaffhausen'schen: Bankverein, des Präsidenten des Reichsversicherungsttmtes Bödiker, der. zur Aktienr Gesellschaft Siemens und Halske,. des sächsischen Finanzrathes Jenke, der zu .Krupp, des Kammergerichtsrathes Thinius, der zur-Preußischen Hypothekenbank 'Mangen ist. . Breslau, 17. Sept. (Ein klerntr Rein fall.) Bei einem bekannten Breslauer Rechtsanwalt mit vorwiegend kriminialistischer Praxis erschien, wie die „Breslauer Zeitung" meldet, dieser Tage nach vorher telegraphisch eingeholter Erkundigung über die Sprechstunden, ein Herr, der sich als Inspektor Kirchner, in Stellung beim Grafen Pückler, Klein-Tschirne.' vorstellte und dann also fortfuhr: „Sie werden gewiß in der Zeitung gelesen haben, Herr Rechtsanwalt, daß' der Herr Graf und ich wegen Herausforderung zum - Zweikampf verurtheilt worden sind. Der Herr Graf ist nun entschlossen, in dieser Sache die Entscheidung des höchsten Gerichtshofes anzurufen, und hat-mich deßhalb entsandt, um die Sache in Ihre bewährten Hände zu legen." Der Anwalt strich sich darauf lächelnd den Bart und' erwiederte: „Hm, ich weiß die Ehre, die der Herr Graf mir zugedacht hat, zu schätzen. Bevor wir jedoch weiter verhandeln, halte ich es für angezeigt, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Sie einen j ü d i s ch e n Anwalt vor sich haben.".*—. — Tableau! — „Nicht möglich!" rief, bis an den Stehkragend erröthend, der Abgesandte des Rauhgrafen,— „der Name ist doch gar nicht — — — und Herr Rechtsanwalt waren dem Herrn Grafen von so zuverlässiger. Seite so warm empfohlen! Doch unter den Umständen — ——." Und noch einige Entschuldigungen . hervorstotternd, konzentrirte der pi Inspektor sich rückwärts. . .. ... x .; ' Bonn, 19. Sept. Auf traurige Art kam gestern Abend der Rabbiner Herr Dr, I. R ü l f um's Leben, indem er auf einer Radfahrt vor der Stadt auf einem abschüssigen Wege unter die Räder eines Fuhrwerks gerieth und schwere Verletzungen erlitt, die. bald darauf seinen Tod zur Folge hatten. Rülf stand im 72. Lebensjahre. In einem hessischen Bauerndorfe zu Golzhausen geboren, war er ohne geordnete Schulbildung bis zum 12. Lebensjahre aufgewachsen. Da fielen ihm Schiller's Werke in die Hände, und damit ging ihm eine bis dahin ungekannte Welt.auf.- Mit eisernem Fleiße begann er zu studiren, so daß er mit 19 Jahren als wohlbestallter Dorfschulmeister sich dem Unterrichte anderer widmen konnte. Er ruhte aber nicht eher, bis er die nöthigen Vorkenntnisse besaß, um als'Studirender der Philosophie und der biblischen Wissenschaft die Universität Marburg beziehen zu können. In Rostok erwarb er sich den Doktorhut der Philosophie, und dann wirkte er zunächst als Rabbiner in Schwerin. Sein eigentliches Arbeitsfeld sollte ihm aber in Memel, auf der Vorwarte des Deutschen Reiches, erstehen; dort entwickelte er eine gesegnete und vielseitige Thätigkeit. Zur Stärkung des Deutschthums schuf er mit gleichgesinnten . Freunden, das Memeler „Dampfböot", ein Tageblatt, dessen Redaktion er viele Jahre hindurch selber leitete, ohne sein Seelsorgeamt zu vernachlässigen. Wie sehr er für die leibliche Wohlfahrt seiner Gemeinde

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