Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 76 (22.9.1902)
- Date
- 1902-09-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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n wird. Und weil dies in dem so-ungewöhnlichen, von dem uns geläufigen internationalen diplomatischen Verkehre so himmelweit abweichenden amerikanischen Appell an die Gerechtigkeit und Menschlichkeit der europäischen Großmächte mit einleuchtender Deutlichkeit sich widerspiegelt, deßwegen wirkt die Sprache der amerikanischen Note fast wie ein überraschendes Ereigniß, obgleich es im Grunde nur Selbstverständliches ist oder angesichts der Kulturhöhe, deren wir uns zu rühmen lieben, nur Selbstverständliches sein sollte, was da vom Weißen Hause in Washington her den großen europäischen Mächten vorgehalten wird. ' Fürwahr, Niemand wird leugnen, daß Rumänien alle Vorstellungen von Civilisation, Gerechtigkeit und Humanität seit vielen Jahren auf's brutalste verhöhnt und daß es dies thut, trotzdem die großen Mächte Europas in dem Berliner Vertrage ihm feierlich ihren Willen kundgegeben haben, daß der Unterschied des konfessionellen Bekenntnisses kein Grund zu Rechtsverkümmerung, Drangsalirung und Verfolgung sein solle. Aber der Grundsatz der Nichtintervention Hai bei den europäischen Mächten in einem Umfange Platz gegriffen, die Furcht Jedermanns vor Jedermann in den internationalen Beziehungen ist so groß,, daß diese erschütternden „romnaniau atrocities“ sich unter den Augen der ganzen zivilisirten Welt ohne Einspruch ereignen können, und daß im Vertrauen auf die Nichtintervention das kleine Rumänien das gänze größmächtige Europa ungehindert kompromittiren darf. Wennaber auch die Nichtintervention als diplomatisches Prinzip bis zu einer gewissen Grenze ihre Berechtigung und ihre Vortheile haben mag, in den Fragen der Humanität, wo es sich um Menschenrecht und um den mitgeborenen Anspruch auf die Güter des Lebens handelt, ist für die kalte, selbstsüchtige Mitleidlosigkeit der Nichtintervemion kein Platz. Die Humanität ist ein Band, das Alle ohne Ausnahme umschlingt, aber sie hört auf, zu sein, wofür sie sich ausgibt', wenn sie sich durch Unterschiede der Rasse, des Stammes, des religiösen Be-' kenntnisses bestimmen läßt. Hieraus erwächst die Legitimation des Kabinets von Washington, an die rumänische Regierung ihre Vorstellungen zu richten und die Berliner Vertragsmächte zum Anschluß an diese Vorstellungen aufzufordern. Es gibt keine Monroe- Doktrin der Humanität und des Völkermitleids, kraft deren der Schritt des. Kabinets von Washington abgewehrt werden könnte; der Ozean trennt die Staaten,, aber die Menschen Und die Civilisation verbindet er. - Doch nicht damit allein ist der Schritt der nordamerikanischen Unions-Regierung begründet. Die ftnion ist in direkte Mitleidenschaft gezogen'durch erzwungene Auswanderung... der. xumänischeL ^J^den -welche zy Zehntausenden in Newyork landen, um sich in der Sternenrepublik eine neue Heimath zu gründen.' Das ist nebst der idealen die materielle Legitimation der amerikanischen Nöte. Nicht etwa aber blos deßhalb, weil es Juden sind oder weil dem Strom der Einwan- . derer schlechterdings Einhalt gethän werden soll, erhebt das Kabinet von Washington Protest gegen die grausame Willkür der rumänischen Regierung. ' Das Asyl in Nordamerika bleibt offen und zugänglich, wie feit fo r > für Alle, die freiwillig kommen und in Amerika als nützliche Bürger heimisch werden wollen, gleichviel, obsie Christen, Mohammedaner oder Juden sind. Und die' . jüdischen Einwanderer haben, wie die amerikanische Note mif beschämender Ausdrücklichkeit den europäi-; - schen Mächten erklärt, erfahrungsgemäß gezeigt, daß sie : in hohem Maße die geistigen Und sittlichen Eigenschaften ' guter Bürger besitzen; keine Klasse ist in Nordamerika v mehr willkommen, wenn sie nach Geist und Körper sich ' zur amerikanischen Mitbürgerschaft eignet. Nur daß es. in der Macht Rumäniens stehen soll,^ die Juden durch. barbarische Erniedrigung. zur'' Auswanderung zwingen und andere Länder zu nöthigen, ihnen eine Zuflucht zu bieten, nur das widerstrebt dem internationalen Rechtsgesühl in Amerika. , Und hierin trifft ja in der That das Interesse der nordamerikanischen Union > - mit dem der europäischen Mächte zusammen, wenn nicht7 auf die Dauer für den Werth der europäischen Humani- , tat noch demüthigender als die Gleichgiltigkeit gegen ' das Geschick der rumänischen Opfer, die herzlose Abwehr sein soll, mit welcher die europäischen Staaten an ihrem ' Grenzen den rumänischen Auswanderüngszügennur ' eine kurze Rast auf ihrem Exilswege gestatten. Könnten sich aber auch die Mächte^ an.'welche sich -' die amerikanische Note wendet, der Argumentation.der-:' . schließen, welche sich auf den Zwang zur Aufnahme derV unfreiwilligen Einwanderer bezieht, der Einladung zur . Erfüllung ihrer Humanitätspflicht, die. sie im Berliner Vertrage auf sich genommen haben und zu' der : ihnen7 Amerika seine Mitwirkung anbietet, werden sie sich kaum entziehen können. So hartnäckig kann ihre In- ' terventionsfurcht nicht sein, daß sie um derentwillen sich der ungeheuren Beschämung aussehen sollten,' in der' .. Liebe zur Civilisation und in der Achtung vor der Ge-?. rechtigkeit. hinter Amerika zurückzUbleiben. Oder sollten ' wirklich in Europa, der Gebürtsstätte der Weltkultur, 7>. die Tage der Humanität sich neigen und sollte Nicht ein- > mal so viel mehr von Menschlichkeit und Gerechtigkeit ' vorhanden sein, wie in der Zeit, da die Opfer, der Bartholomäusnacht und des Edikts von Nantes jen-" seits der Grenzen ihrer unbarmherzigen Heimath Zu- , flucht und Unterkunft fanden? Damals war der großmächtige Apparat nicht vorhanden, mit welchem heute eine vereinigte Intervention zü Gunsten der Menschlich-, - feit und' Gerechtigkeit unternommen werden kann, und - weil »ein Wternstisnales Recht die Gemeinsamkeit züni"s*?5: SlssüßeTver. Verfolgten und Ausgestoßenen ermöglichte, ' , war ihre Aufnahme dem gütigen Zufalle anheimgestellt, -, daß einzelne Herrscher ihnen den Zulaß in ihre Staaten? ''! - i 'J h