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Der Israelit · 1902-09-18 · Heft 75 (18.9.1902) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 75 (18.9.1902)
Date
1902-09-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1584 Fassung macht dagegen dem Erklärer mehr Schwierigkeiten. „Schmues" (schemuoth). Vernommenes. Grriicht, Gerede. „Puriendies" soll verdorben sein aus: pour rien dire — um nichts zu sagen, nichtssagende Rede. Andere nehmen es für eine Zusammenziehung der hebräischen Worte bar en daas, ohne Kenntniß, ohne Sinn, also „Gerede ohne Sinn." Genug, wie man sieht, haben die Sprachforscher am hebr. Sprichwörterschatz ein dankbares Versuchsfeld für ihre Arbeiten; da heißt es oft Gestrüppe und Dornen wegräumcn, um siegreich vorzudringen zum Baume der Erkenntniß und der Wahrheit. Und je mühevoller der Weg, desto größer die Freude beim Erreichen des Zieles. Das ist im allgemeinen so Lei' allen Dialektuntersuchungen. Bei den jüdisch-deutschen Sprichwörtern ist noch ein weiteres Moment zu beachten: „die sinnverwandten Redensarten." Für jedes Sprichwort wird man leicht ein anderes finden, welches dasselbe besagt, nur in anderen Worten. Das ist in jeder Sprache so, bezw. bei den Sprichwörtern aller Nationen der Fall. Für die jüdisch-deutschen Sprichwörter ist es nun interessant, wenn ihnen Aussprüche anderer Völker erläuternd und vergleichend zur Seite gefetzt werden. Co z. B. wird man unwillkürlich an das deutsche Sprichwort „Man muß das Eisen schmieden, wenn eh heiß ist," erinnert, wenn man das jüdische Sprichwort hört: Man muß die Levone mekadesch sein, wenn sie steht." Beide haben gleichen Sinn: „Benütze die Gelegenheit." benütze die Umstände. Da aber bei allen Nationen die Sprichwörter das g e s a m m t e menschliche Leben umfassen nach seinen, verschiedenen Verhältnissen und Beziehungen, so kann es auch nicht Wunder nehmen, wenn das jüdische Sprichwort bald da. bald dort oder auf verschiedenen Seiten ein Pendant. findet. Interessant ist dabei stets, in welcher Form, unter welchem Bilde hier und dort der gleiche Gedanle seinen verschiedenartigen Ausdruck findet. So steht in obigem Sprichwort der fromme Jude dem eisenreckenden Germanen gegenüber. Jener, wie er unter nächtlichem Himmel, der frommen Vätersitte getreu, still den Moment abwärtet, wo der Mond aus dem dunklen Wolkenschleiec hervortritt, damit „über"- denselben die „Brocho" gesprochen werden könne, und dieser, wie er am pfauchenden Feuerherd das rothglühende Eisen zum nützlichen Werkzeuge oder zum blutigen Kriegsgeräthe formt. Da die Sprichwörter zumeist an oft wiederkehrende oder bemerkenswertste Lebensmomente anknüpfen, so sind sie eben — wie auch das angeführte Exempel beweist — völkcrpsnchologisch von hohem Werth und Interesse.*) ' . *) Es sei bei dieser Gelegenheit auf einen gleichlautende:» Gedanken im jüdischen und nichtindischen Schriftth»nn n,»s»nertsan» gemacht: Spnrche Salmno's: Garn lercevn jisoneh rösch, »veauhaivei lCOId)U' cahbillL Haraj: c vrU Telia, luulto* uniuerabi« amicos, tumpora si furriut uublla, solut eri«. Bedarf es nach all'. diesen Darlegungen erst noch eines Beweises, wie interessant eine erschöpfende Behandlung des jüdischen Sprichwortes nach den . verschiedenen Gesichtspunkten sein dürfte? Gewiß nicht! Eine solche Darstellung muß in der That unterhaltend und nützlich für den Leser sein, „unterhaltend und nützlich zugleich." Unterhaltend, weil sie in das frisch pulsirende Leben eingreift, sich mit Dingen befaßt, die ganz im Kreise unser täglichen Erfahrung liegen; nützlich aber, weil sie Auge und Ohr vom Oberflächlichen abzieht und zur Tiefe geleitet, in der der jüdische Geist seit Jahrtausenden geheimnißvoll geschafft und gelebt So Manches, an dem wir seither vielleicht achtlos vorübergingen, da es uns ohne Bedeutung, schien, gewinnt unser Interesse; Steine der Straße, die wir geringschätzend mit Füßen treten, sind für den die Wahrheit suchenden Forscher Goldkörner. „Alles wird Wahl und alles Bedeutung." Es darf uns nun zur Freude gereichen, daß wir in der That ein Werk besitzen, in welchem die jüdischen Sprichwörter und Redensarten eine gründliche' und vielseitige Behandlung erfahren. Das Werk ist zwar keine Neuheit auf dem Büchermarkt, denn es ist bereits 40 Jahre alt. Dennoch verdient es, daß auch jetzt noch und wiederholt auf dasselbe aufmerksam gemacht werde, da es im Laufe der Zeit'nicht nur nichts an. seinein Wertste eingebüßt, sondern gerade ein gestei-. gertes Interesse auch in der Gegenwart wird beanspruchen dürfen, in der Gegenwart, wo man auf Sprache, Sitte. Gebräuche und Volkseigenthümlichkeit mehr denn sonst den Blick lenkt, in der Gegenwart, wo dank der gegnerischen Strömung auch das Judenthum sich zum „Gegendruck" anschickt und feine Geschichte und Litteratur eifriger pflegen möchte. Es ist mir mehr als oft aufgefallen, ja fast erstaunlich vorgekommen, wie wenig man die in Rede stehende Sprichwörtersammlung kennt. Bei Freunden und Kollegen, gebildeten Laien und Gelehrten, in Lesezirkeln und Bibliotheken weiß man selten von der Existenz des trefflichen Buches. Und doch bringt es jedem etwas, es vereinigt mit einer höchst populären Darstellungsweise. mit einem volksthümlichen Stil echt wissenschaftliche Tiefe und Gelehrsamkeit. Wer die Sprichwörtersammlung je zu Gesicht bekommen, ist ibr Freund geworden, wird sie immer und immer wieder zur Hand nehmen und nie ohne Nutzen und Befriedigung sie weglegen, dagegen so manche Stunde gemüthvoller und doch gleichzeitig belehrender Unterhaltung ihr verdanken. Mehr kann kein Leser wünschen und verlangen. Ich will es versuchen, die beste Empfehlung dem Werke zu geben; es kann nur dadurch geschehen, daß ich es selbst vor dem Leser aufschlage. Einblick in dasselbe verschaffe, so weit bei dem trefflichen Inhalte, der reichen Stofffülle und —- dem beschränkten Raume hier es mir möglich. (Schluß folgt.)

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