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Der Israelit · 1902-09-18 · Heft 75 (18.9.1902) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 75 (18.9.1902)
Date
1902-09-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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k - 1 : i ' f.' i. - WWe SvWSrtn tuiil UcMt«. Von A. Mannheimer, Dettelbach. (Fortsetzung.) Ungemein zahlreicher als die talmudischen Sprichwörter sind jedoch jene, welche im Laufe der vielen Jahrhunderte sich herausgebildet und im Volke Verbreitung fanden. Sie sind nach Inhalt und Form gleich interessant. Für ihren Inhalt gilt zunächst das früher bereits Dargelegte: Sprichwörter sind die Frucht gereifter Lebenserfahrung, stellen die Lebensweisheit, gewissermaßen die Lebensanschauung eines Volkes und seine Denkweise dar. Bei dem hochentwickelten und innigen jüdischen Familienleben, bei dem alles durchziehenden und durchwehenden Gefühl für Religion und Väterglauben, bei der Berührung mit Andersgläubigen und dem Zusammenleben mit ihnen,' bei den trüben sozialen Verhältnissen, in denen unsere Ahnen gelebt, bei all' der geistigen Regsamkeit, die dem Juden nun einmal erbeigenthümlich, bei all' dem ist nicht schwer zu errathen, in welcher Sphäre sich die Hunderte von Sprichwörtern unseres Stammes bewegen. Auf dem Boden des Religions-, Familien- und Volkslebens erblüht, umfassen sie alle Erscheinungen der inneren und äußeren Welt des jüdischen Menschen. Für ihr Verständniß ist nicht nur dieKenntniß der historischen Vergangenheit Voraussetzung; zum großen Theil erfordern sie auch die Bekanntschaft mit unseren Religionsquellen. (Pentateuch, Mischna, Talmud, Midrasch, Kasuisten u. s. w.) Ein Beispiel möge es klar machen. „Man muß die Levono mekadesch sein, wenn sie steht." Für so manchen unserer „modernen" Glaubensbrüder dürfte freilich das Sprichwort schlechthin unverständlich bleiben. Sie stehen * dem religiösen Leben fern, haben noch nie den Akt von „Kiddusch hal' vono" vollzogen oder ihm. beigewohnt, ja, die hebräischen Redewendungen „Levono" und „mekadesch sein" werden ihnen selbst dem einfachen Wortsinne nach unverständlich sein. Soll hier die Bedeutung und der Sinn des Sprichwortes erschlossen werden, dann ill der- „sprachliche Ausdruck" ebenso zu erläutern, als der „Inhalt". Man denke nur an die Redewendung „mekadesch sein," die zwar ganz in unser — der Juden — Denken und Fuhlen übergegangen bis zur Geläufigkeit. (So auch „metaher sein," „taufel sein" u. a. m.) „Wörtlich in's Deutsche übertragen läßt sich aber diese Wendung durchaus nicht." „Wir müssen den Mond heiligend sein" widerstreitet dem deutschen Sprachgeist ganz und gar; nur dem Hebräismus 75 «s kommt diese Form zu, nur ihm ist sie eigen. Mau hat aber solche Wendungen in unsere Muttersprache herübergenommen, in deutschen Sätzen gebraucht; —7 Ebenso „du bist joze," „er ist ihn chausched," „sei mauchel" u. s. w. Das sind alles Hebräismen oder besser gesagt — wenn von Juden.in deutsche Sätze ausgenommen — Judaismen '7'; . -,7 Wie vorher angeführtes Sprichwort eine jüdische Zeremonie berührt, so weisen unzählige andere auf den Talmud, den Midrasch u. s. w. hin. „Der Sambatjon hat eher Ruh," „das is e Gog m'Gog,"; „durch Kinne — Sinne is Jeruscholajim chorew geworden," „der Rosche kehrt selbst am Gehnem nicht um," ü. s. f. Zur Erklärung solcher Sprichwörter, zur Feststellung ihres Sinnes ist selbstredend die Quelle aufzufuchen, woher sie stammen, ist Talmud und Midrasch heranzuziehen. Sonst bleibt das Verständniß Mangel- und lückenhaft, wenn nicht ganz und gar dunkel. 7 Weil aber Sprichwörter im Volksmunde ' fortleben, so ist auch ihre sprachliche Form schwankend und mannigfachen Veränderungen, unterworfen. Insbesondere ist dies bei den sog. jüdischen-deutschen Sprichwörtern der Fall gewesen. Der Volksmund macht es sich eben bequem. Er schleift , harte Lautverbindungen ab, zieht andere zusammen, läßt Endsilben wegfallen; verwandelt ähnlich klingende Vokale in einander und' trägt obendrein, besonders beim Reim, dem Wohlklang Rechnung. So müßte es im. oben Angeführten statt „Kinne-Sinne" — Kinno-Sinno heißen, statt „Rosche" — Roscho, für „Gehnem" — Gehinnaum, was freilich unbequemer wäre, beim Umgang zöpfisch steif klingen würde. Und nun denke man'noch an all'die Korruptionen aus Deutsch und Hebräisch! Da wird _ die deutsche Vorsilbe ge und das flektirende t an hebräische Stamme gehängt (ge-ganef-t, ge-gassel-t, ge-mauchel-t), dort die Verkleinerungssilbe chen und lein im ähnlichen Falle angewendet, oder aber keit und leit verkürzt; dazu kommen noch romanische und polnische Sprachelemente, gar viele altdeutsche Ausdrücke (Archaismen), welche aus der Schrift und aus : dem Leben längst geschwunden sind, aber bei dem alten deutschen Juden, mit seinem eigenen Stillstände im' Gebiete der Kultur und mit seiner Abgrenzung im Leben bis in die neue Zeit herein unverrückt stehen geblieben. Wieder möge ein Beispiel dies klarmachem „E Pilsel wie e Balb'oöste! Pilsel ist verdorben aus dem französischen pucelle, pulcelle-Jungfrau; Balb'oüste, deutsch gebildet vom hebr. baalath habajitb, die Hausherrin. Der Sinn ist also: „Eine Magd, wie eine Herrin!, beide taugen nichts. Ein anderes Beispiel: Schmues puriendes. Der Sinn ist: leeres, eitles Geschwätz, das weiß Jedermann. Die sprachliche

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