Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 75 (18.9.1902)
- Date
- 1902-09-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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1577 daß Religion und Sittlichkeit zusammengehören, wie die Wurzel und die Frucht des Baumes, eine Anerkennung, die in unserer Zeit nicht hoch genug geschäht werden könne. Alle wahre Religion müsse in der Bethätigung der Menschenliebe ihr Haupt- und Endziel erkennen. Es werde dem Judenthum stets zum höchsten Ruhme gereichen, daß es diese beglückende Lehre zuerst der Menschheit verkündet habe. Die Menschenliebe, die sich nur in der Fürsorge erschöpfe, wie bei den Alten und Siechen, sei eine Frucht des Mitleids, köstlicher für den Geber, als für den Empfänger. Dagegen sei die Menschenliebe, die die Fürsorge als ein-Mittel benutze, um die Selbsthilfe herbeizuführen, die den Armen und Gesunkenen stütze und hebe, diese Menschenliebe sei aus jener Herzensweisheit geboren, welche die Zukunft erwäge und in den Einzelnen die Gesammtheit fördere. Der Redner pries die Errichtung der Kolonie, die ein Kenner der Verhältnisse mit einem Krankenhaus für sozial Leidende verglichen hätte, als eine Wohlthat für unsere östlichen Glaubensbrüder, welche, durch rohe Gewalt aufgescheucht, zum Wanderstabe greifen und die aus dem Wege nach einer neuen Heimath hier längere oder kürzere Zeit rasten müßten. Er weihte das Haus mit den frommen Gedanken und Empfindungen, welche die Erbauung und Ausgestaltung des Asyls in seinen Begründern und Schöpfern geweckt hätte, und sprach den Wunsch aus, daß diese Weihe noch durch die warmherzige Theilnahme unserer Glaubensgenossen zunehmen und von hier Trost und Aufrichtung ausgehen möge für die Gebeugten und Mühseligen. „Du aber, Allvater Israels," so schloß er, „laß endlich die Zeit herannahen, wo alle Könige und Fürsten ihres Amtes walten in Gerechtigkeit, wo die Länder und Staaten nicht mehr.ihre eigenen Kinder verderben und aufreiben, wo Israel in Ruhe wohnet inmitten der Völker und mit ihnen einträchtig arbeitet an der Ausbreitung des Gottesreiches auf Erden!" Nachdem alsdann der Knabenchor das große Halleluljah gesungen, gab noch in kurzen Worten Herr Stadtverordneter Moritz R o s e n o w der Freude Ausdruck, daß es dem Verein Jüdische Arbeiter-Kolonie gelungen sei, die jüdische Gemeinschaft von den Lasten zu befreien, die ihr sonst obliegen würden, daß es dem Verein in kurzer Zeit möglich geworden sei, 42 Kolonisten auszunehmen und dem Handwerk zuzuführen. Er weist jedoch darauf hin. daß die zur Verfügung stehenden Mittel leider nur unbedeutend seien, daß der Verein immer wieder auf die Wohlthätigkeit angewiesen sei, und bittet insbesondere, zum herannahenden Winter die abgelegte Herrengarderobe der Anstalt zu überweisen. Ein Theil der Kolonisten, welche in der Arbeitsstätte gelernt hätten, seien bereits, erfreulicher Weise in Berlin untergebracht, ein Theil sei nach der Heimath zurückgekehrt, um, mit den neuen Fähigkeiten ausgerüstet, den Kampf um's. Dasein auszunehmen und hoffentlich auch in Ehren zu bestehen. Besonderen Dank spricht er noch den Baumeistern, den Herren Horniger und Sedelmaier, für die zweckmäßige und sorgfältige Ausführung und Einrichtung des Hauses aus. ' : - ‘ An die würdige Feier schloß sich unter sachkundiger Führung des Inspektors Herrn Behrend und mehrerer Vereinsmitglieder, ein Rundgang durch dir Arbeiterkolonie. In dem schmucken,' zwei Stockwerke ' hohen Rohziegelbau des Hauptgebäudes befinden sich die Schlafsäle, welche für 109 Kolonisten Platz bieten, der große Speisesaal und die Synagoge. Im Souterrain liegen die Küche, die Wasch-und Baderäume. .Für jeden Kolonisten-ist eine besondere Waschschüssel, Seife und Handtuch vorgesehen. Sämtliche Räume sind einfach und dem Zwecke in bester Weise entsprechend ausgestaltet. In dem Längsgebäude des Hofes befinden sich die Werkstätten, von denen bisher drei vorhanden , sind. In der ersten, in der Teppichklopfer geflochten^ werden, sind neun Arbeiter beschäftigt, in der zweiten mit Schreinerarbeiten fünf Arbeiter und in der dritten Abtheilung, der Wertstätte für Schirmstöcke, die geschliffen, gebeizt und poliert werden, augenblicklich 28 Arbeiter thätig. Die Kolonisten, deren Hauptkontingent Galizier stellen, sind sorgfältig gekleidet, benehmen sich bescheiden, und unschwer kann man ihrem Wesen und ihren Blicken ein gewisses Dankbarkeitsgefühl entnehmen für den Versuch, He materiell und moralisch wieder aufzurichten. Die Mitglieder eines Komitees, das sich zu diesem Zwecke besonders gebildet hat, lassen es sich angelegen sein, die Kolonisten an den arbeitsfreien Abenden durch Vorträge über die biblische und nachbiblische Geschichte, aber auch über allgemein, belehrende Gegenstände und durch Gesangsunterricht zu erbauen. Möge es dem Verein gelingen, die große Wohlthat, aus wirthschaftlich und moralisch tiesstehenden Leuten wieder würdige Glaubensgenossen zu machen, recht vielen unserer ärmsten Brüder zu Theil werden zu lassen! Berlin, 14. Sept. (Repräsentantens i tz u n g.) Der erste Stellvertreter, Herr Gustav Lowenberg, eröffnet die.Sitzung mit einem warm empfundenen Nachruf für den verstorbenen Herrn Justizrath Dr. Apo l a n t und verliest ein- Dankschreiben der Wittwe desselben. - Es erfolgt..die Wahl eines Vorsitzenden. Herr Geheimrath Blumenth a l bittet die Liberalen, sich an den Aemtern zu betheiligen, damit auch die liberalen Anschauungen in der Gemeinde ihre Vertreter finden. Nach Abgabe von fünfzehn giltigen Stimmen wird Herr Gustav Lowenberg einstimmig gewählt und die Wähl des ersten Stellvertreters vertagt : '; 1 Herr Dr. med. Arnold Keller. wendet.Iet! dritten lAltersversorgungsanstalt 10,000 Hk.' zu. ’ Frau Agnes Lehmann grö. De,„iUh schenkt dem Kranken-