Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 74 (15.9.1902)
- Date
- 1902-09-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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sowie deren Leitung. Nachdem sodann noch mehrere Redner gesprochen hatten, u. a. Red. Dr. Gollanck- London, verließ, man in angeregter Stimmung die Weinkellereien und Steinwärder. ZettrmgSrrachrrchLe« ««d Correfporrderrzm. De u t f chla » d. Berlin, 12. Sept. Graf Pückler-Klein-Tschirne sprach gestern in einer stark besuchten antisemitischen Volksversammlung über seine jüngste Verurtheilung in Glogau. Wie ein Berichterstatter meldet, erklärte Graf Pückler, er werde nun zwei Monate brummen müssen, weil er sich nicht in's Irrenhaus habe sperren lassen wollen. Eigentlich hätte Sanitätsrath Dr. Neumann diese Strafe verdient, weil er es gewagt habe, einen deutschen Edelmann für verrückt zu erklären' Was in Glogau passirt sei, wundere ihn nicht . mehr, dort wimmle es von Gaunern und Strolchen. Wegen des „wilden Pückler" werde in die ganze Welt hinaustelegraphirt, er bleibe jedoch auf seinem Posten und verspreche dem deutschen Volke, daß trotz alledem auf Juden und Judengenossen lustig-weitergedroschen werde. Nur auf diese Weise könne der deutsche Michel noch in -letzter Stundevor der bevorstehenden, sozialen Revo-- lution bewahrt werden, bei der die Throne krachen und' Ströme von Blut fließen würden. Pasewalk, 10. Sept. Bei der Beerdigung eines Mitgliedes der jüdischen Gemeinde, des Herrn Baruch Keibel, zu der auch viele Nichtisraeliten erschienen waren, wurde von dem Bezirksrabbiner Herrn Dr. Finkel die Erinnerung an folgende Episode aus. dem Leben der Familie des Verstorbenen wachgerufen: Der „Pasewalker Anzeiger" vom 10. Januar 1882 brachte aus der „Neuen Stettiner Zeitung" folgende Reminiscenz: Als in Pommern 1831 zum ersten Male die Cholera auftrat, herrschte bekanntlich der Glaube, daß auch die Leichen der an Cholera Gestorbenen ansteckend . seien. Daraus erwuchsen oft arge Verlegenheiten, denn es hielt außerordentlich schwer, Personen zu finden, welche bereit waren, das Beerdigungsgeschäft zu besorgen. Als die Krankheit, immer mehr fortschreitend, aus dem Randow'schen Kreis in den Neckermünder Lbergetreten war, ergriff sie u. A. daselbst auch das Dorf Jaßnick. Ein Einwohner starb, aber Niemand hatte den Muth, die Leiche zu berühren. Schon lag sie drei Tage in der Hütte, ohne daß man Hand angelegt hatte, sie dem Schooß der Erde zu übergeben, die alle -Vorfahren des Verstorbenen immer willig aufgenommen. Klagend irrten die Angehörigen durch..den Ort, flehten, beschworen, weinten — Alles vergeblich. Da kam ein armer Handelsjude seine, Straße gezogen. wohlbekannt im Dorf rmd von Jung und Alt als ein menschenfreundlicher. Mann geehrt. ' „Der Jude wird helfen!" sagten alle. Sie hatten sich nicht geirrt. Kaum hatte er von der Noth der Gemeinde gehört, als er kurz, entschlossen erklärte, das Begräbniß. vornehmen zu wollen. Ohne auch nur eine Spur von Furcht zu verrathen, lud er die Leiche auf einen Karren und fuhr sie nach dem Kirchhofe. Während er dies that^ forderte die Cholera ein zweites Opfer, und wiederum fiel dem Juden die Aufgabe zu, das Opfer dahin zu bringen, wo es den Frieden suchte. „Dank, tausend Dank!" rief man im Dorf dem willigen Alten zu, „fordere Deinen Lohn, Jude; wir wollen Dir Geld geben, soviel wir haben." Aber Michael Tebel -fso hieß dieser Alte — wies jede Belohnung zurück. „Ich habe Euch einen Gefallen gethan,". sagte er, „und so ist es gut; Euer Geld will ich nicht. Jetzt laßt mich gehen und nach Hause ziehen." Er legte seinen Pack auf den Racken und ging. Erstaunt sahen die Bewohner ihm nach. Wußten sie doch, daß er nicht zu den Reichen gehörte. Hatte er nicht daheim in Pasewalk eine Frau und neun Kinder zu ernähren, und riefen diese Kinder nicht' unaufhörlich nach Brod? Und doch verschmähte er die Gelegenheit, sich Gewinn zu verschaffen! Aber war es denn nicht möglich, sich ihm auf andere-Weife dankbar zu zeigen? Glücklicherweise fand sich dieses Mittel. Schon seit dem Jahre 1832 wohnte Tebel, sich kümmerlich-durchbringend, ln Pasewalk. Wiederholt hatte er um die Verleihung des Staatsbürgerrechts nachgesucht, aber immer war er abschlägig beschieden worden.. War er doch ein Jude und noch dazu ein ärmer; für seinesgleichen gab es damals Ehrentitel nicht. Vielleicht war es jedoch möglich, durch seine That jetzt die Behörden umzustimmen. Diese Erwägung führte dazu, daß zunächst die königliche Regierung zu Stettin davon in Kenntniß gesetzt wurde. Von dort ging dann ein Bericht über die edle und muthige That Tebel's an daS Ministerium ab zugleich mit dem Antrag, ihm, .obwohl dies nach Lage der. Gesetzgebung eigentlich nicht zulässig sei, ausnahmsweise das Staatsbiirgerrecht zu ertheilen. Dieses Gesuch wurde genehmigt, jedoch unter der Bedingung, daß Tebel — warum wohl? —- den Familennamen Keibel annehme. So waren denn , erst wenige Wochen imJahre 1832 dahingegangen, als eines Tages ein Polizeidiener in die Wohnung des! Juden kam und ihn ersuchte, auf das Rathhaüs zu kommen.' Da waren die Väter der Stadt schon versammelt und bereit, den „Staatsbürger" zu empfangen. Der Vorsitzende des Magistrats hielt eine Ansprache, lobte nochmals das Thun des Hebräers und überreichte ihm feierlich das auf seinen neuen Namen Keibel. -' 'ausgestellte Naturalisatiönspatent.' Aus einem Veralteten '' war plötzlich ein Würdenträger' geworden/ aber' ' die Rangerhöhung machte ihn nicht stolz.Die Pasewalker fanden ihn nicht verändert, wenn sie ihn durch die Straßen