Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 74 (15.9.1902)
- Date
- 1902-09-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449864--56669-2519351- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1560 ' gangener Jahrhunderte. Stellen doch seine sprachlichen Formen nicht selten beachtenswerte Denkmäler der Linguistik dar. Ich weise hier auf „Schmid's Schwäbisches Wörterbuchs ^Schmeller's Bayrisches Wörter- ' buch." „Ziemann's mittelhochdeutsches Wörterbuch" u. a. hin. In allen ist auch der Sprichwörterschatz wohlbeachtet und gewürdigt. Sprichwörter sind gleich in- - teressant für den Historiker^ wie für den Philologen und Ethnographen. Es ist erfreulich, daß in den Vereinen für Volkskunde neuerdings auch das Sprichwort wieder mehr und mehr nach seiner Bedeutung geschätzt wird und dementsprechend verwerthet. - Welches Gedankenverhältniß liegt nun sämmtlichen Sprichwörtern zu Grunde? Die Antwort kann nicht schwer sein: „Es ist einzig und allein die logische Thätigkeit des Vergleichs." Von einem konkreten Falle wird der Gedanke abstrahirt, von einem Beispiel die „Regel", um dann immer und immer wieder in „ähnlichen" Verhältnissen Anwendung zu finden. Und je ähnlicher das zum Sprichwort gewählte „Beispiel" . dem Falle oder Verhältnisse ist, worauf es vergleichend angewendet : werden soll, desto treffender eben das Sprichwort. Ein Beispiel möge es klar machen. Ein Arbeiter im Walde sucht eine mächtige' Eiche zu . fällen. Mehr als hundert Mal führt er seine Streiche gegen den dicken Baumstamm. Endlich kommt dieser in's Wanken, der Baum neigt sich und fällt mit dröhnendes Schlage zur Erde. Gar leicht erinnert sich der Arbeiter später dieser mühevollen Leistung, wenn eine ähnlich schwere Aufgabe an seine Kraft gestellt wird. Er schöpft Muth, er zieht den Vergleich aus der . Erfahrung in der Vergangenheit und denkt: Wie damals mir das Fällen des Baumes gelang, so werde . Ich auch jetzt durch Gedpld und Ausdauer Herr der Arbeit. Dieser logische Schluß und Vergleich ist wie eine „kurze Formel" zusamengefaßt in die Worte: Durch oftmals wiederholte Streiche fallt auch zuletzt die stärkste Eiche. So die übergroße Zahl aller Svrichwörter, die meistens das Wörtchen „Wie" gar und gar nicht enthalten. Die in Sprichwortform festgeprägte Wahrheit wird einfach schnell angewendet, den „Vergleich läßt man unausgesprochen." Bei richtiger Anwendung ergibt er sich von selbst, bezw. muß er sich von selbst ergeben. » . - : Wie alt sind nun die Sprichwörter? Sie sind so - •/ flttj als die denkenden Menschen! Die älteste Urkunde - unseres Geschlechts, das heilige Buch der Bibel, ist auch - v rbie älteste.Quelle der Sprichwörter. Das erste Sprichwort,.welchem wir dort begegnen, findet sich in Genesis, Kap. 10, V, 8. Es-wird von dem gewaltigen Jäger Nimrod erzählt und gleich hinzugefügt: Darum wird gesagt <im Sprichwortmämlich): Wie Nimrod, lein tt-ss ''Jagdheld vor dem Herrn! ..Das logische. Gedankcnver- ' 'hältnitz des Vergleichs, ist hier, deutlich durch-das Wörtchen wie gegeben. Wir hören später noch gelegentlich der Geschichte Sichons von den „Mauschlim", den Gleichnißrednern; bei der großen Strafpredigt im 2. B. M>, 'Kap. 28, wird dem Volke gesagt, daß es zum Sprichworts werde den Völkern, unter die Gott es führen wird. (Siehe hier auch Klagelieder Jirmijahs, Kap. 2 und 3.) Im 1. Buch Samuels wird anläßlich - der Auserwählung Sauls zum Könige, über Israel ein weiteres Sprichwort mitgetheilt. Nachdem der Prophet. Samuel, den Sohn des Kis, gesalbt, war auch der Wist - Gottes auf denselben herabgekommen. Saul konnte weissagen. „Ein jeglicher aber, der ihn kannte von gestern und ehegestern, staunte darüber. Einer sprach zum andern: „Auch Saul unter den Propheten?" Wir sehen aus den angeführten Beispielen, wie .Sprichwörter entstehen können, wie alt sie sind, und wie Nicht nur Dinge der „täglichen Erfahrung" ihr Ausgangspunkt zu sein brauchen, wie oft sie vielmehr eine historische Grundlage haben mögen.- -^ Und wie in der biblischen Zeit, so stand man in keinem der'nachfolgenden Jahrhunderte still im Bilden und Anwenden von Sprichwörtern. Eine große Zahl von Sprichwörtern sind im Talmud enthalten. Sie umfassen alle Seiten des menschlichen Lebens und werden gewöhnlich eingeleitet mit den Worten: D'omri Jnschi, die Leute pflegen zu sagen. So z. B. (Talm. Sabbat Fol. 53) „Die Leute pflegen zu sagen: Den Esel friert's selbst um die Quartalswende des Tamus. — (Daselbst 145.) Im Heimathsorte thut's der gute Ruf, in der Fremde müssen die schönen Kleider empfehlen, — (Megillah 7.) Für einen Leckerbissen ist auch im Völlen Magen noch Platz. — (B. Batra 174 u. a.) Dem Armen läuft die Armuth nach. — (B. Kama 16.) Auch vor dem Fuchse zu seiner (Regierungs-) Zeit bücke dich. — (B. Mez. 92.) Mit dem Unkraut wird oft auch die g u t e Pflanze ausgeriffen („getroffen"). — (Daselbst 52.) Lege besseren Preis an für ein Gewand, nicht aber für den Magen. — (Sanhedrin 49.) Besser zu den Gefluchten zählen, als zu den Fluchenden. — Diese Sprichwörter sind gesammelt von H. Bloch Unter dem Titel: Omri Jnschi, die 107 orientalischen Bolkssprüche und Völkssagen, die als solche im Babylonischen Talmud beiläufig erwähnt werden. Breslau 1884. — Jedes Sprichwort trägt eine Nummer und die genaue Quellenangabe. Was das Büchlein besonders .empfehlenswerth macht, .ist aber die treffliche poetische Uebertragung der Sprichwörter in's Deutsche. Sie beschränkt sich nicht etwa auf möglichst wortgetreue Uebersetzung, soweit dies überhaupt eine poetische Verdeutschung gestattet. Vielmehr stellt sie eine Erläuterung und freie Bearbeitung dar, durch die Sinn und Geist des Sprichwortes erst recht zur Geltung kommen. Dem Verfasser des Merkchens ist feine Aufgabe vollständig gelungen. Auch in der poetischen Uebertragung .ist jedes.Sprichivort mir einer Nummer, und zwar mit der gleichen Nummer/ wie im hebräischen Texte ,verii I; m