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Der Israelit · 1902-09-15 · Heft 74 (15.9.1902) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 74 (15.9.1902)
Date
1902-09-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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43. Jahrgang. M 74. das orthodDe JüdWhM. , - ----- Begründet von - - { Dr. WbhMKNN in Mslnz. . Montag, den 15. September 5M2 (1S02). LWe WGgklll Nil ZkKiisMii. Von A. Mannheimer, Dettelbach. Sprichwörter und Redensarten! Wer hätte nicht schon deren vernommen oder selbst gebraucht?! Täglich und stündlich hören wir sie. anwenden, von allen Ständen und Berufsarten, in gebildeten Kreisen, wie in niederen Volksschichten, von Jung und Alt, bei freudigen Anlässen und ernsten Gelegenheiten, in der Unterhaltung von gleichgfltigen Dingen, wie bei der Ermahnung und Belehrung, kurz und gut. in allen Lebenslagen und -Verhältnissen. Ja, gerade die Sprichwörter sind es, die das -ganze menschliche Leben nach seinen v e r s ch i-e.d enste n Beziehungen umfassen und berühren, die unser Denken und Fühlen, unser Thun und Lassen, unsere Sitten und Gebräuche zum Gegenstände der Betrachtung haben: . Verstand und Unverstand. Weisheit und Thorhe'it, Zweckmäßigkeit und Unzweckmäßigkeit, Einbildung und Bescheidenheit, Fleiß, Arbeitsamkeit, Nachlässigkeit und Trägheit, Sparsamkeit und Verschwendung, Reichthum, Armuth, Macht, Ansehen, Ehre, Hochmuth, Geiz, Habsucht. Schein, Lüge, Verstellung und Heuchelei, Unentschlossenheit und Unselbstständigkeit, Charakterlvsikeit und Zudringlichkeit. Ernst, Sanftmuth, Flüche. Verwünschungen, Glück und Unglück, Roth und Mißgeschick,. Gottlosigkeit und Jrrgläubigkeit, Einigkeit, Zwietracht, Alter und Jugend, „für alles, alles gibt es Sprichwörter und Redensarten.". Schon von diesem Gesichtspunkte aus ist es interessant,. eine Zusammenstellung der verschiedenen Sprichwörter, die ein Volk besitzt, vor sich zu haben. Gewähren sie doch in ihrer reichen Fülle einen Einblick . .in das Geistes- und Gemüthsleben einer Nation, gestatten sie doch einen Schluß auf die Welt- und Lcbcnsanschauung eines Volkes. Und Sprichwörter sind nichts anderes als in populärer Prägung zum V o l k sgu t gewordene Lebensweisheit und Lebensansicht.' „Der Erzeuger des .Sprichwortes ist die „Nation", welche ihre individuelle Denkweise in der von. ihr selbst erzeugten Sprache aussirägt und Hierin alle ihre Mitglieder unmittelbar gleichmäßig umfaßt." (Prantl, in - seiner „Philosophie in den Sprichwörtern.") „Sprichwörter sind die Weisheit, die auf der Gaffe predigt." (Sailer.) Sprichwörter lassen sich nicht durch eine, souveräne Macht einführen und verbreiten; sie müssen sich unmittelbar aus Leben und Erfahrung ergeben, sich von selbst ein- und anleben bei der Allgemeinheit; die ihnen innewohnende „Kraft der Wahrheit" muß empfehlend und überzeugend wirken, so daß ein Sprichwort über die „Sprichwörter selbst" meint:- Sprichwort— Wahrwort. . . ' . V Gerade dadurch aber, daß in den Sprichwörtern das niedergelegt ist, was ein Volk für „wahr" hält, bilden sie einen unermeßlich'reichen und . werthvollen Schatz für die sogenannte Volkskunde. Von. allen Kulturvökern sind deren Sprichwörter heute gesammelt und zusammengestellt, selbst von wilden Volksstämmen, die von Europa's Höflichkeit noch nicht übertüncht sind, k?nnt man die Redensarten, welche als „sprichwörtlich" dort im Kurse sind. Als um die Mitte des abgelaufenen Jahrhunderts das Nationalitätsprinzip mehr und mehr in den Vordergrund trat, hat selbstredend auch die Volkskunde in des Wortes engerem Sinne neue Kraft und Nahrung erhalten,. und Vereine für Volkskunde sind heute über ganz Deutschland verbreitet. Kinderlieder werden gesammelt, Sitten und Gebräuche alter Tage erforscht und beschrieben, der Dialekt jeder Gegend, sorgfältig auf den Prüfstein der.Sprachwissenschaft gelegt, Provinzialismen kritisch beleuchtet und. untersucht. Daß im Rahmen dieser Thätigkeit oder Aufgabe „auch das Sprichwort" entsprechend gewürdigt wird, braucht kaum gesagt zu werden. Es ist für die „Volkskunde" von nicht zu unterschätzendem Werthe. Spiegelt , sich doch in ihm vielfach der Geist längst der-

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