Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 73 (11.9.1902)
- Date
- 1902-09-11
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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Höf gar nicht betreten; na, zahl' schnell Deine Gebühren und ich degradire Dich zum Israel." In ihrem löblichen Eifer hatten das die Juden gar nicht gemerkt. Bald kam Baermann in die Lage, für die ganze preußische Judenschaft einzutreten; es war 1700, als Eisenmenger in seinem giftgeschwollenen Buch — das entdeckte Judenthum — eine Hetze gegen die Juden er-. öffnete und sie insbesondere verdächtigte, daß sie in ihren Gebeten die christliche Religion verhöhnen. Ich werde später darauf Zurückkommen, wie es durch die Bemühungen zweier anderer Männer gelungen ist, das Werk Eifenmenger's unschädlich zu machen; immerhin war König Friedrich mit dem Inhalt des Buches vertraut gemacht worden. Die strengen Maßregeln, die in Folge dessen'gegen die Juden geplant waren — ich nenne Ihnen davon nur die eine, daß königliche Kommissare von Zeit zu-Zeit die Synagogen besuchen und beaufsichtigen sollten — diese Maßregeln gemildert, ja ' in der Hauptsache rückgängig gemacht zu haben, ist nach übereinstimmenden Berichten damaliger Zeit das Verdienst Baermann's. Auch bei dem Nachfolger Friedrichs I., König Friedrich Wilhelm I., stand Baermann in hohem Ansehen und wurde von ihm zu mannigfachen Unterhandlungen mit andern deutschen Fürsten verwendet. Auch'die Gründung der Gemeinde in Halberstadt ist Baermann's Werk. Durch seine Vermittelung erhielten dort, wo seit i&93 keine Juden mehr wohnten, eine Reihe von jüdischen Familien die Erlaub-- niß, sich anzusiedeln, einen Friedhof anzulegen und eine Synagoge zu bauen. Das Gleiche gilt von Magdeburg und Dresden. In letzterer Stadt errichtete er 1708 aus Einladung seines Gönners, August des Starken, eine Zweigniederlassung seines Geschäftes, mit deren Lei-' tung er seinen Schwager Jonas Meyer und seinen ältesten Sohn Lehmann Vehrend betraute.- Die Schwierigkeiten, die der Dresdner Rath dieser Nieder-' lassung entgegenstellte*) der durch den im Hause beschäftigten Maurer das Vetlokal der Familie aüssprühen und die Gebetbücher und Utensilien derselben konfisziren ließ, der den Hauswirth und die Hebamme strafte, als ein jüdisches Kind zur Welt kam. haben ihm viele Verdrießlichkeiten bereitet. Schließlich hat der Dresdner Rath bei dem altersschwachen König August es sogar durchgesetzt, daß der dortige Geschäftsbetrieb Baermann's untersagt wurde, ein Umstand, der viel zum. späteren finanziellen Ruin des einst so blühenden Hauses beigetragen hat. Ein weitberühmter Mann aber, weit über Deutschlands Grenzen hinaus ist Baermann geworden durch die Drucklegung des Talmuds. Der Talmud war damals die einzige Quelle, aus der die Juden den Durst ihres Wissens löschen, aus der sie das Streben nach geistiger Bildung befriedigen konnten. Wohl fehlte es •) Lehmann's hinterlaffene Schriften: Aerens Lehmann, der Gründer der Dresdener Gemeinde. nicht an Lehrern, auch nicht an Schülern, aber die Lehrhäuser standen leer aus.Mangel an Büchern.. Die Kosakenverfolgungen in Polen, die. vielfachen Brande in den enggebauten Judenvierteln der deutschen Städte hatten die früheren Talmudausgaben vernichtet. Wiederholt hatten die Rabbiner von Prag, Frankfurt und anderen Orten berathschlagt, wie dem drohenden Verfall jüdischen Wissens zu steuern sei; wiederholt hatte man sich an reiche und einflußreiche Männer gewandt, um eine neue Drucklegung des Talmud zu erwirken. Aber Alles scheute die hohen Kosten und noch viel mehr die Schwierigkeit, die Erlaubniß der Regierung zur Neuausgabe eines so viel verleumdeten Werkes, wie des Talmuds, zu erlangen. Da trat Baermann auf den Plan und ließ in den Jahren 1696—1698 den Talmud aus seine Kosten bei Michael Gottschalk in Frankfurt? a. O. drucken; er berief, zum Theil aus weiter Ferne. - namhafte Gelehrte, die er am Druckorte zur Korrektur des Werkes anstellte und ließ durch den damaligen Halberstädter Rabbiner, Äbraham Juda Berlin, Promenioriae für die Behörden ausarbeiten, welche die Nichtigkeit des gegen den Talmud gerichteten Angriffs beweisen sollten. „Groß ist aber auch," schreibt ein Zeitgenosse, „die Gunst, welche ihn Gott bei den Großen erwerben ließ; denn was Niemand zu erringen im Stande war, das hat er erlangt: das Privilegium Caesar. Majestatis et Serenissims Electoris Brandenburgici. . '?.? : . Das Werk wurde in 6000 Exemplaren gedruckt und soll 50,000 Thaler gekostet haben. Mehr als die Hälfte, der Auflage vertheilte er unentgeltlich an unbemittelte Talmudgelehrte u. deren. Schüler von Deutschland, Holland, Ungarn und Polen. Der erste' Schritt zur Hebung jüdischen Wissens; war gethan, nun galt es, dem Talmudstudium eine^ dauernde Heimstätte auf deutschem Boden zu bereiten.? In einem Gesuch an den Kurfürsten bittet er, ein Stu-? dienhaus in Halberstadt bauen zu dürfen, damit nicht, wie bisher, die in den kurfürstlichen Landen sehr' Zwang leidenden Juden ihre. Kinder weiterhin nach Polen senden müssen, weil es ein Theil auf die Dauernicht leisten könne, andererseits auch viel Geld dadurch? aus den kurfürstlichen Landen gezogen werde. Der ' letztere Grund ist für die damalige Zeit recht charakteristisch, er fehlte nie in derartigen Gesuchen und ver-? fehlte fast nie seinen Zweck. ' Die Erlaubniß ward er-k theilt und Baermann erbaute 1703 aus eigenen Mitteln im Rosenwinkel zu Halberstadt ein Wohn- und Studienhaus für drei Gelehrte, mit Synagoge und Bibliothek, die noch heute bestehende Klaus, zu deren dauernder Unterhaltung Baermann ein Kapital von fliÖOO Thalern stiftete. Baermann's zweite große Stiftung in Halberstadt ist die dortige Synagoge. Er erbaute sie 1709—1712 zum großen Theil auf eigene Kostens die. Gemeinde, selbst hat nur 6000 Thaler beigetragen und.