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Der Israelit · 1902-09-11 · Heft 73 (11.9.1902) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 73 (11.9.1902)
Date
1902-09-11
Page
– (sequence 26)
Language
German
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155U sie waren es, die für jüdische Litteratur und für jüdische Gemeinwesen mit fürstlicher Freigebigkeit sorgten. Dafür hat ihnen die dankbare Mit- und Nachwelt den Ehrennamen Schtadlonim (Anwälte), Anwälte ihrer bedrückten Glaubensgenossen gegeben. Als solch ein Schiadlon wird uns zuerst Menasse ben Israel genannt, jener Amsterdamer Rabbiner, der von Cromwell, dem allmächtigen Protektor Englands, die Zulassung der- Juden nach jenem freien Lande erwirkte. Auf der Rückreise von dort, als er 1659 nach unsäglichen Mühen sein Ziel erreicht hatte, starb Menasse, allgemein betrauert. - - ~ Ein jüdisch-deutsch geschriebenes Geschichtsbuch — ein sog. Maasebuch — dieses bildete die Lektüre unserer Vorfahren — erzählt, der ' in Halberstadt wohnende Jude Lehmann habe bei der Kunde von dem Ableben Menasse ben Israels, Gott um einen Sohn angefleht, der jenem großen Manne gleich, ein Helfer und Anwalt seiner bedrückten Brüder würde. Im folgenden Jahre wurde ihm ein Sohn geboren, Jsahar Vaermann, auch Berend Lehmann genannt. Dieser Sohn ward in der That, was der Vater erfleht, ein Nachfolger Menasse ben Israels, ein Schtadlon Hagodol. Schon in früher Jugend trat Vaermann in das Geschäft des Hannoverischen Hof- und Kammeragenten Lippmann Cohen, der mit einer Reihe deutscher Landesherren in geschäftlicher Verbindung stand. Dieser erkannte in Vaermann bald den geweckten Kopf und verwendete ihn zu manchen gewichtigen Geschäften mit deutschen Fürstend Bei solchen Gelegenheiten lernten ihn diese näher kennen und manche von ihnen wandten sich später, als er sich in Halberstadt niederließ, discret an ihn. Besonders geneigt war ihm zeitlebens Friedrich August II. von Sachsen, auch der Starke genannt, dem Vaermann bei seiner Bewerbung um die polnische Krone wichtige Dienste geleistet hat. Polen war nämlich ein Wahlreich und die Wahl fiel in der Regel auf Denjenigen, der die größte Summe zur Bestechung der polnischen Großen aufbringen konnte. Als nun 1696 nach dem Tode König Johan Sobieskh's von Polen, Friedrich August sich um die polnische Krone bewarb, verschaffte er sich die zehn Millionen Gulden, welche er für die Wahl aufzubringen Hatte, auf sehr einfache Weise. Er verkaufte nämlich einen Theilstrich seines Landes, die.Erbvogtei Quedlinburg an Brandenburg. Dieser Verkauf geschah durch Vaermann, den August mit unumschränkter Vollmacht nach Berlin zum Kurfürsten entsandt batte. Seit dieser Zeit heißt Vaermann der kurfürstlich sächsische, auch der kgl. polnische Resident. Als August vom polnischen Reichstag zum König erwählt ward, war auch Vaermann zugegen und machte bei dieser Gelegenheit die Bekanntschaft , der polnischen Großen und Edelleute, welche er in der Folge zum Wohle seiner Glaubensgenossen vielfach zu verwerthen wußte. Durch die blutigen Kosakenaufstände in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren die polnischen' Lander.'verheert und verwüstet, Volk, Edelleute und Fürsten verarmt. Sie überlasteten nun ihre Juden mit ungeheuren Steuern, und vermochten diese sie nicht zu entrichten, so war die Ausweisung ihr sicheres Loos. In solcher Bedrängniß wandte man sich an Vaermann, der mit dem größten Theil der polnischen Fürsten in Geschäftsverbindung stand. Er verweilte wegen solcher Angelegenheiten nicht selten drei Monate in den polnischen Städten Kiew, Posen und Minsk, und im Besitze eines Muthes, der vor Fürsten und Königen nicht wanketz errang er in der Regel den gewünschten Erfolg.... Wichtiger aber ist Baermann's Einfluß geworden in der Geschichte der preußischen Juden und der Gemeinde Halberstadt. Als Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg, der nachmalige König Friedrich I. von Preußen, im Herbste 1693 sich in Halberstadt huldigen ließ,*) siel sein Blick, auf das unter lauter Baracken hervorragende stattliche Wohnhaus des Vaermann. das sich durch seinen besonderen Festschmuck auszeichnete^ Der Kurfürst frug den Bürgermeister Dieterich nach' dem Besitzer und befahl diesen zur Audienz. Die Säge läßt nun Vaermann gerade zu einer Stunde sich einfinden, als der Kurfürst mit dem Präsidenten v. Roock eine Partie Schach spielt. Der Fürst läßt ihn eintreten, spricht aber mit sehr ernsthafter Miene: „Wart' Er einen Augenblick, bis ich das Spiel verloren hab'.es steht schon sehr schlecht damit." Vaermann, der ein sehr guter Schachspieler war, erwiederte muthig: „Ist noch nicht verloren." „Ei, wenn er so geschickt ist, es zu gewinnen, so zeig' Er's mir," sprach der Kurfürst, und Vaermann gab einige Züge an, durch die das Spiel gewonnen wurde. Wie dem auch sei, sicher ist, daß Vaermann seit diesem Tage auch beim Kurfürsten ein einflußreicher Mann war. Schon, bei dieser ersten Audienz gelang es ihm, die freie Aufnahme, den sog. Schutz für alle Gemeindebediensteten von Halberstadt zu erwirken. Es war dies eine damals sehr beliebte Form, um auch anderen, insbesondere armen Glaubensgenossen, die kein Schutzgeld zahlen konnten, den Aufenthalt zu ermöglichen. Davon den reichsten Gebrauch machend, creirte man eine ganze Reihe von neuen Stellen. Bald gab es einen ersten, zweiten und dritten Vorbeter, ebensoviele Gemeindediener, einen Mazzothbäcker für den ersten und einen für den zweiten Peßachtag. Wie eilig es dabei die sonst so vorsichtigen Juden hatten, mag Ihnen der folgende Vorfall beweisen: Einen alten Trödler, der schon lange vergebens um Schutz eingekommen war, machte man bei - dieser Gelegenheit zum dritten Friedhofausseher. Als dieser mit dem. Ernennungsdecret des jüdischen Vorstandes in der Havd, sein Gesuch um Aufnahme erneuerte, dä fängt der Bürgermeister Dietench zu lachen an und sagt: „Du bist ja ein Cohn; da darfst Du ja den Fried- *) AuerLach. Geschichte der Gemeinde Halberstadt^ .

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