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Der Israelit · 1902-09-11 · Heft 73 (11.9.1902) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 73 (11.9.1902)
Date
1902-09-11
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1540 volles Recht treten. Schon am frühen Nachmittag des 17. Jjar ist Miron ganz vollgepfropft von Fremden, die alle dem auf dem Berge Djebel Miron stehenden Synagogengebäude Zuströmen, um, wenn es schon unmöglich^ mehr in's Innere zu gelangen, da der Platz bereits vollständig gefüllt ist, doch wenigstens außerhalb der Synagoge in dem großen geräumigen Hofe die stacht zuzubringen. Hier befinden sich noch viele andere Rauiue, in welchen Tag und Nacht von den bereits anwesenden oder erst angekommenen Pilgern die andächtigsten Gebete verrichtet werden. In der Synagoge selbst, sowie im Beth-Hamidrasch herrscht schon an diesem Tage ein unaufhörliches Gewoge von Kommenden und Gehenden, welches bis zum Abend andauer!, dessen Dämmerung mit gespannter Ungeduld erwartet wird, damit die Hillula anfangen kann. Eingeleitet wird nun diese durch eines der Hauptmomente des Festes, das ist nämlich die ..Hadlakah" oder das Entzünden eines großen Freudenfeuers. Dies geschieht auf dem flachen Dache der Synagoge, woselbst sich eine ungeheure steinerne Mulde oder schüsselförmige Vertiefung befindet, in welcher eine Menge alter Reste von Leinen-, Baumwoll- und sonstigen brennbaren Stoffen, die alle sehr reichlich mit Oel getränkt sind, schon seit einigen Tagen vorbereitet liegen, um als Brennmaterial zu dienen, welches erst bei völlig eingetretener Nacht angezündet wird. Das Volk ergötzt sich indessen in der ungezwungensten Weise mit Spiel, Gesang und Tanz; die große türkische Trommel, Pauken und Tamburine, Flöten und Geigen ertönen und führen in wilden, althergebrachten Meisen eine ohrenbetäubende Musik auf, welche nicht ohne Wirkung bleibt. Jung und Alt ergreift eine wahre Tanzlust. Der Aschkenasi klappt in die Hände und dreht mit seinen lang herabwallenden Ohrlocken den Sefardi im malerischen Turban im Kreise herum. Dort führen syrische Gruppen einen eigenartigen Schwertertanz auf, wie er sich aus mancher europäischen Schaubühne sehen lassen darf. Fröhliche Begrüßungen der Freunden und Bekannten, Mittheilungen von Reiseerlebnissen. Wettgesänge. Schmausereien und Gelage, Scherze und Allotria finden statt, und die Lust ist allgemein. Dies alles aber ist noch gar nichts gegen die Fröhlichkeit, die erst mit der Hadlakah ihren Höhepunkt erreicht. Sobald es Nacht geworden und die Sefirah des 33. Omer offiziell verkündet worden ist, steigen zwei Synagogendiener, ein Aschkenasi und ein Sefardi aus das Dach der Synagoge empor und bieten das Recht, das Freudenfeuer zu entzünden oder die „Hadlakah" vorzunehmcn. an den Meistbietenden aus. Da ist nun ein edler, heftig geführter Wettkampf zwischen jenen Frommen, deren Mittel ein solches, kostspieliges Opfer erlauben. Man hat Beispiele aus längst vergangenen Jahren, daß die Konzession für die Hadlakah mit einem den Betrag von tausend Gulden weit übersteigenden Angebote erworben wurde. Heutzutage ist diese Versteigerung nur mehr eine reine Formsache, Und wird diese Mizwah durch gegenseitiges Einvernehmen an den Rabbi von Sadagora (in Galizien) übertragen, dessen Chassidim hier in seinem Namen die Hadlakah vornehmen. Der Führer der Chassidim besteigt mit einer brennenden Fackel, von Musik und Sängern gefolgt, die Anhöhe und entzündet dort unter dem jauchzenden Rufe: „Zu Ehren des göttlichen Tanai Rabbi Simeon den Jochai" das Feuer. Die nach Tausenden zählende ' Menschenmenge stimmt in diesen Ruf ein und die Huldigungsfcier ist eröffnet. Jetzt erst überläßt sich jeder einer wahren — wenn man nicht sagen darf „ausgelassenen", aber wohl unbändigen Freude, und in dem Maße als die Flammen des angezündeten Qelfeuers an Stärke und Größe zunehmen, in demselben Maße wächst auch die Fröhlichleit über die. Grenze des Gewöhnlichen hinaus. ~ Die Menge jubelt, jauchzt, spielt, singt und tanzt nach Herzenslust und der grelle Wiederfchein eines weithin bis in's flache Land sich erstreckenden Feüermeeres spiegelt sich gespenstisch in den Gesichtern einer tausendtöpfigen Menge ab, gibt dem Ganzen das Gepräge des — Wunderbaren. Die Begeisterung an diesem Abende kennt keine Grenzen. Da steigen hunderte und hunderte von frommen Pilgern zu.dem Feuerherde hinan und schütten ganze Ladungen von Oel hinein um dem Riesenfeuer neue Nahrung zu geben. Viele werfen gar kostbare Gewänder, die sie eigens mitgebracht haben, als Freuden- oder Versöhnungsopfer in die Flammen. v . So wird diese ganze nur wenige Stunden andauernde Nacht mit' Musik und Tanz, mit Genüssen, mit Gesang und Gebet, mit Spiel und Unterhaltungen bis^zum frühen Morgen zugebracht — ohne daß eine Ermüdung.Platz greift. Und beim ersten Sonnenstrahl ist wieder alles wie durch" ein Zauberwort verstummt. Man eilt jetzt in die Synagogen, um das Morgengebet zu verrichten; da diese unmöglich alle fassen können, so wird der Gotesdienst im großen Hofe, in den benachbarten Gärten oder auf freiem Felde abgehalten. Diese imposante Menge in einem gleichen Gefühle inbrünstiger Andacht und seelischen Entzückens -zu sehen, weckt selbst bei Zuschauern fremden Glaubens ein Gefühl größter Rührung und Bewunderung. Aber noch ist das' große Fest nicht ganz zu Ende. Rach Beendigung des Morgengebetes, welches zeitlich früh verrichtet wurde, findet noch der Schlußakt des Tag:s durch ein eigenartiges Kinderfest statt, welches man „Halakah" nennt. Halakah bedeutet im Arabischen „Glaitmachen" oder „Abscheren". Bei den orientalischen Juden ist ein alter frommer Brauch, -daß die Knaben mit dem zurückgelegten dritten Lebensjahre zum Gebote „Schlcifenlocken zu tragen" herangezogen werden. Die mitgebrachten dreijährigen Babys wer-

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