Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-09-04 · Heft 71 (4.9.1902) · page 18

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 71 (4.9.1902)
Date
1902-09-04
Page
– (sequence 18)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449861--56614-2519293
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

allen Bilde, das sich in unsere Seele eingepragt, und der ' neuen Vorstellung, was uns so oft den Ausdruck des Erstaunens entlockt. Es braucht aber nicht erst gesagt zu werden, daß in der Seele des Kindes alle Gegenstände der Anschauung, alle Dinge, welche Erfahrung und Umgebung ihm vor das Auge stellen, umso treuer und fester haften bleiben. Für das Kind ist eben alles neu, alles interessant Woran wir Erwachsene, durch des Lebens Ernst abgestumpft, kühl und kalt vorübergehen, da verweilt das Kind oft stundenlang. Seine lebhafte Phantasie laßt es liebevoll und nachdenkend sich in den Gegenstand vertiefen. Die Seele des Kindes wird mit Recht eine tabula:rasa, ein cnri *w genannt, auf der sich die Eindrücke rasch u. tief eingraben oder einprägen. Daher die nicht wichtig genug zu beachtende Erziehungslehre, nur immer sittlich erhabene Vorstellungen und Anschauungen dem,Kind^ zu bieten, moralisch Bedenkliches dagegen nach Kräften aus seiner Nähe, aus seinem Erfahrungskreise zu bannen. .Nichts ist nachhaltiger, intensiver, auch bis in's Greisenalter unverlöschlich, als die im frühen Jugendalter gewonnenen Eindrücke aus unserer Umgebung, die Vorstellung von den lokalen und persönlichen Verhältnissen, unter denen wir als Kind gelebt. Sie bilden einen köstlichen Schatz, aus denen die Erinnerüng immer und immer wieder Eines oder das Andere hervorholt, um sich daran zu labern.^ . : ' Doch verlassen wir min das Gebiet der Anschauung, wie sie im täglichen Leben sich vollzieht, und treten in die Schulräume ein. Was dort das Wärt Anschauung bedeutet, weiß jeder Lehrer. Auf alle mögliche Art und Weise wird ihr Wesen'erforscht und beachtet, in allen Unterrichtsdisziplinen soll sie den Fundamentalgrundsatz der Methode abgeben, , sie ist die goldene Regel' aller.Unterrichtskunst. - Hier soll nun die Rede sein von der Anschauung der Schrisizügr, der Buchstabenformen, woraus sich das Wortbild ergibt, um schließlich von der. eigentlichen „Lokalkenntniß im Buche" zu sprechen.. . . Der Buchstabe ist die äußere Form, das äußere Zeichen für irgend einen Laut, den wir durch unsere Sprachorgane hervorzubringen vermögen. Jedes Kulturvolk hat für die verschiedenen Laute, seien sie nun Konsonanten oder<Vokale, seine Bezeichnung durch die S ch r ist z ü g ebald mehr, bald weniger abweichend von den Charakteren anderer Nationen. Wir haben uns so an diese Laut-Bezeichnungen gewohnt, daß wir uns eigentlich einen gesprochenen Laut nicht mehr vorstellen können, Lezw. einen Laut nicht aussprechen können,- ohne zugleich auch an dessen graphische D a r st e l l un g zu denken. In letzterer hat der Laut seine äußere, ich möchte sagen, p l.a sti sche. Form gefunden. Der geschriebene wie der gedruckte Buchstabe sind für uns gleichsam das Körperliche, Sichtbare, während, der gesprochene Laut mehr eine rein geistige Vorstellung bildet. Angenommen, wir blieben Analphabeten, wir würden nicht eingeführt in die Kunst des Lesens, so müßten die verschiedenen Laute, welche wir nur vermittelst der Sprache und nur für das Ohr darstellen könnten, höchst unklare, verschwommene Vorstellungen bleiben. Es sehlt die eigentliche A n sch a u u n g, wie sie durch die Schrift für das Auge geboten wird. Uns aber hat das mechanische Lesen in den Stand gesetzt, den gleichen Sprachlaut mit dem entsprechenden Schriftzeichen immer sofort in Verbindung zu setzen. ' Bei der E r l e r n u n g der Schrift spielt aber die vergleichende Anschauung eine große. Rolle. Bewußt und unbewußt, ohne daß man will, spinnt die Phantasie solche Vergleiche aus und stellt sie an bei Betrachtung der einzelnen Buchstabenformen. So ist allbekannt, daß man vom Fuße und Kopfe eines Buchstaben spricht, man hört bei der Verbindung zweier Buchstaben m der deutschen Schreibschrift den Ausdruck Arm. Das sind ganz allgemeine Redewendungen, aber doch nichts anderes, als Vergleiche. Der Kalligraphie-- lehrer sucht sich durch Vergleich verständlich zu machen, den Unterricht lebendiger zu gestalten. So wird bei der keilförmigen Verdichtung des Fußes vom geschriebenen deutschen t oder s an den Peitschenstiel erinnert) die " Peitschenschuur sieht das Kind in der geschwungenen Fahne des großen T. Und es ist bei der hebräischen . Schrift um kein Jota anders, immer und immer vergleichen wir, ganz ohne es zu wollen. Oder wer hätte sich bei der Form des £ nicht' schon einen Mann ge- ' dacht, der den Rücken krümmt und mit dem Arm zur - Erde greift, um etwas aufzuheben? Das'L? mit seinen drei Köpfen erinnert ganz ungezwungen an das Bild einer Blattpflanze oder an einen Strauch. Das.f stellt. . in den primitivsten flüchtigen Umriffen einen Mann mit mächtigem Schlapphute.vor, am Fuße desn sieht Jeder den Schuh mit der starken, dicken Sohle. Am bemerkt man das rechte Bein mit seinem Knie in der „Auslagestettung rechts"; beim sieht Jeder den stolzen Hals, und das Kind wird sicher das Rechte zeigen, wenn man nach dem „Halse" dieses Buchstabens fragt. Ich möchte doch den Lehrer kennen lernen, der seinen Kindern nicht gesagt: „der „Fuß" des } ist gespalten, der des 3 ist ungetheilt. So wird alles vor unseren Augen lebendig, das Tode gewinnt Bewegung und lebt durch die stetig schaffende Kraft der Phantasie. Der einzelne Buchstabe aber wird der Baustein zu - einem gan zen Worte, dort ist er eingefügt als Theil von einem Ganzen. Wie bei den einzelnen.Buchfiaben, so arbeitet Aug und Gedächtniß auch beim Anschauen des ganz e n Wortes. „So entsteht in unserer Seele jene V o r st e l l u n g, die wir ganz treffend mit dem Ausdruck W o r t b i l d bezeichnen." Die zu einem Worte züsammengefiigtenBuchstaben verschwel-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.