Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 71 (4.9.1902)
- Date
- 1902-09-04
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449861--56615-2519294- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1509 zen, wenn sie öfters vor unser Auge treten, zu einem einzigen Bilde in der Seele. Es gilt nun das Gleiche wie bei der Lokalken n t n iß, von der wir oben gesprochen. Die Buchstabenverbindung bildet ein Gebäude, wo wir uns jedes einzelnen Steines erinnern, der darin untergebracht ist und den wir sofort missen würden) wenn Jemand ihn Herausnahme. Große,' mittlere und kleinere Buchstaben, welche bei den einzelnen Wörtern in ganz bestimmter Reihenfolge, in stets demselben Wechsel aufeinander folgen, der Wechsel zwischen Konsonanten und Vokalen, zwischen den Majuskeln und. Minuskeln, die Verdoppelung Don Lauten oder die Verschärfung derselben, das alles sind sozusagen Bilder, an die sich unser Auge gewöhnt. Ist das Bild auch nur einigermaßen verändert, so nehmen wir — wie bei den Gegenständen der Lokalkenntniß — sofort Anstoß! Eine veränderte oder gar absichtlich entstellte Orthographie läßt den Leser stocken und stottern. Die fremdartigen Wortgebilde kommen dem Auge gar seltsam vor und wirken verwirrend. So hat man — wenn auch verhältnißmäßig sehr spät — erkannt, daß das Rechtschreiben hauptsächlich Sache d e r Anschauung ist und nicht so sehr durch grammatische und orthographische Regeln als vornehmlich durch das Auge gestützt wird. In der That, sind wir bei irgend einem Worte in Zweifel über seine Schreibweise, so versuchen wir es durch eine Niederschrift, ob diese „dem Auge nicht wehe thut." Stimmt das vor uns stehende. Wort nicht mit dem Bilde desselben,' das wir in der Seele haben, überein, fo finden wir uns nicht befriedigt, es beschleicht uns ein Unlustgefühl. Wir sagen uns sofort: hier muß eine Veränderung stattgehabt haben, früher war dies doch anders. Das Wortbild ist der Probestein dafür. Haben wir aber einmal das Wortbild in uns ausgenommen, so tritt es uns unwillkürlich^und unbeabsichtigt mit dem angeschauten Gegenstände zugleich in's Bewußtsein, wie dies ähnlich beim Buchstaben und Laute der Fall ist. Sehen wir ein Haus, einen Baum, einen Bach, eine Rose, einen Garten, ein Thurm oder eine Wiese,'so steht auch schon das geschriebene Wort da, von dem wir uns nicht losbringen oder lossagen können. Mag man uns Kinder des 20. Jahrunderts immerhin Vuchstabenmenschen schelten, die Thatsache bleibt bestehen und der Pädagoge rechnet mit ihr. Das bisher über Buchstabe und Wort Gesagte gilt aber in gleicher Weise, ja in noch erhöhtem Maße von einem ganzen Lesestück, mithin auch von dem Inhalte eines Buches überhaupt. Auch hier kann und muß von einem Bilde gesprochen werden. Denken wir nur selbst zurück an die eigene Kindheit. Welche Freude, wenn ein neues Schulbuch uns zum Gebrauche übergeben ward. Wie verschlang die Neugierde alles, was nur wahrzunehmen ist! Der äußere Band wird betrachtet, die Farbe der Deckes der Leder- oder Leinwandrücken bewundert, das Papier betastet, seine Dicke zwischen den. Fingern geprüft, ja daran gerochen. (Der Franzose hat für „riechen" und „fühlen" das gleiche Wort!) Schnell wird der Inhalt durchblattert, jedes Bildchen betrachtet, Ueberschrifien gelesen und Gedichte ausgesucht. Nicht lange dauert's, und das Kind kennt sich nutz in seinem Buche, ist heimisch darin, wie in den Straßen seiner , Heimathstadt oder seines Geburtsortes. Vorseinem Auge stehen Lesestücke in Fettdruck und Feindruches weiß auswendig, welche Theile etwa in deutschen Lettern - abgefaßt sind und welche in lateinisechn Typen, es steht '. , große und kleine „Stücke" seines Büches vox sich, besonders auch die strophenförmig geordneten Gedichte./,. Auch reine Aeußerlichkeiten, Nebensächliches und Zu- , fälliges, sofern es immer nur mit. seinem Buche zu- . sammenhängt, nimmt das Kind bei der Betrachtung. der Bücher auf. Es weiß beispielsweise, aus welcher Seite seines Buches ein Stücken weggerissen, in welchem Lesestücke ein Tintenfleck sich befindet, ob diese oder jene Erzählung im Buche oben, in der Mitte, oder unten - auf der Seite ihren Anfang nimmt oder-schließt; ebenso weiß der kleine Schüler, ob' — bei aufgeschlagenem J, Buche — diese oder jene Erzählung auf der rechtenoder/ linken Seite sich befindet. Ein Schüler von nicht ganz / elf Jahren, der fünfzig Lektionen im Französischen, bei' mir gelernt, wußte, fast ohne ein einziges Mal zu / fehlen/genau die Lektion anzugeben, wo diese oder jene Vokabel stand. Der Junge. hatte, sich die Sache sicher nicht besonders eingeprägt, nur nebenbei hatte ,er diese „Lokalkenntniß im Buche" erworben, und durch nichts . anders, als durch die Anschauung. Ebensowenig braucht man sich zu wundern .über die „Schon»! Dafim," welches genau uns ausweMg die Foliantennummer des Äal-/ mud bezeichnen, wo diese oder jene Äbhandlung sichre- '/ findet. Auch dieses Wissen ergibt sich ganz unwillkürlich . 7 nebenbei, bei dem einen mehr, bei dem andern weniger. Wessen Gedächtniß diese Seite nicht aufweist, dem hilft aber auch sicher kein Sichdraufverlegen, dem nützt nicht das absichtliche Streben nach Erreichung solcher Fertigkeit. Orientirungsgabe ist eben gewissermaßen ein Geschenk der Natur. Welche Folgerungen hat nun der Erzieher von Beruf, der Lehrer hieraus zu ziehen? Wie schon gesagt, ist es im Dienste des Schönschreibens unerläßlich, nur kalligraphisch edle Formen oder Schriftzüge dem Kinde vorzussihren. Das ange- . schaute Bild soll und wird naMeahint werden,' Äls , Bild wird Vorbild und bleibt als solches in des Kindes Inneren. Ebenso klar ist, daß namentlich für das ^echtschreiben jedes falsche Wortbild zu meiden ist, es ist Gift für die Orthographie und wirkt manchmal gar , lange nach, wie zahlreiche Fälle aus der Praxis ^beweisen. Dagegen sollen die rechten Wortbilder in deutlicher, . reiner Schrift zur Anschauung kommen, in reiner und schöner Schrift schon auch deßhalb, weil hier das