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Der Israelit · 1902-09-04 · Heft 71 (4.9.1902) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 71 (4.9.1902)
Date
1902-09-04
Page
– (sequence 3)
Language
German
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I t - /■' r 1493 ■ - /'-, war günstiger wie. je, schon weil die Majorität der dem Ghetto Entweichenden, unwissend in der eigenen Sprache und Litteratur, ungebildet im Ganzen, zu verflachen begann. Die Frage war nur, was thun, woran seine, oft imaginären Fähigkeiten erproben — an wem? Die. Reichen entwichen.in's Christenthum, das nie so wenig kritisch ist, als wenn gilt, einen Renegaten anzunebmen. Die wenigen wirklich Gebildeten, denen ihr.Väterglaube noch theuer war, fühlten mit Beklommenheit, daß der Gährung, die nach der äußerlich errungenen Freiheit sich der Massen bemächtigt hatte, keine Klärung folgen wollte. Die Staaten, welche den Juden die Gleichstellung gewährt hatten, kümmerten sich nicht weiter um sie, und die neuen Verhältnisse, labil wie sie waren, erheischten eine neue Verwaltung. . Eine Reform war nöthig, aber die Führer erkannten nicht,, wo zuerst, und begannen gerade da, wo sie hätten aufhören müssen: in der Synagoge. Extrem, ohne Mäßigung, wurde die Synagoge nach dem Willen und Wohlgefallen derer eingerichtet, welche sie am wenigsten besuchten. Ungeduldig, ohne Rücksicht auf die Wirkung der langen Leidenszeit, welche die Sinne der Massen abgestumpft hatte, für das rein Aeußerliche, wurde den Gewohnheiten mit Polizeiverordnungen in abrupter Weise entgegengetreten. In dem Eifer, die Unarten der Alten zu bekämpfen, dachte man umsoweniger an die Jugend. Den .wenigen Christen zuliebe, welche die Neugierde einmal antrieb, die Juden in der Synagoge zu beobachten, und denen man doch auch partout zeigen wollte, wie klein der Schritt zum Abfall vom altehrwürdigen Brauch zur religiösen Moderne ist, und wie der. emanzipirte Jude eigentlich nur ein zweibeiniges Chamäleon sei, wurde ein Stück Kirche in die Synagoge getragen. Orgelklang, Weibergesang, Lieder im Gewände und Ton der christlichen Kirchenmusik sollten die Anpassung an christliches Wesen darthun. Aber merkwürdigerweise zogen auch diese Neuerungen die wenigen dem Judenthum unbewußt schon Abholden nicht nach dem reformirten Gotteshaus. Es dauerte ihnen zu lange, und man verstand bereits die hebräischen Gebete nicht mehr. Also Kürzung und Verdeutschung des Gottesdienstes. So wenig.wie. möglich hebräische Laute, deren sich die „Gläubigen", sogar in der Synagoge schon schämten. Die Synagogen wurden leer und leerer, nichts schien mehr zu ziehen. Abkürzung der Vorlesung aus der heiligen Schrift auf ein Drittel, das muß ziehen. Ja. es zog — es zog weiter ab von der Synagoge, vom Judenthum. Rückwärts, rückwärts, Don Rodrigo! Konfirmation der Jugend! Das mußte ziehen! Mädchen in weißen Kleidern, die das Glaubensbekenntniß aufsagten oder sonst ein Sprüchlein vor der athemlos horchenden Gemeinde herdeklamirten, eine eindrucksvolle Predigt, Worte der Mahnung an die Konfirmanden, dem alten Glauben, von dem man sie kaum die Grundelemente gelehrt hatte, treu zu bleiben, und im Kampf ums Dasein bei ihm .auszuharren,. verschiedene Thränenausbrüche, über die man sich selbst keine Rechenschaft abzulegen vermochte, das Judenthum war gerettet: Das Rene-< gatenthum nahm trotzdem von Jahr zu Jahr zu.- Der- Schreiber dieser Zeilen hat es selber erlebt, daß von sechs- Konfirmandinnen, die einst in sehr: weißen Kleidern/; mit Myrthen im Haar, mit Thränen im. Auge, keine drei? ■- Schritte von: dem Thoraschrein entfernt, mit . lauter: Stimme gelobt hatten, treu im Judenthum, zu ver-.: •. harren, drei sich taufen ließeneine einen: Christen heirathete und ihre drei Kinder, im Christenthum erziehenI läßt, und nur zwei Jüdinnen geblieben sind:- Dieser Effekt hat sicher noch. Hunderte gleicher Analoga. - Wozu , also die Farbe? Möglich, daß auch ohne Konfirmatiou - dasselbe Ereigniß eingetreten wäre. Wozu aber die! Komödie, wenn doch rein festeres Band durch, sie. geschaffen, wurde.-; „;f> . So wurde die ganze jüdische Konfession zu einer' ununterbrochenen Reihe von Konzessionen umgearbeitet/ . Konzessionen an diejenigen, die auch ohne sieihre Religion verloren. Und wenn sie gar dem Chrisienthum ge- , macht worden, so nahm diese sie sehr kühl auf,, und' zeigte für derartige Anpässungsversuche sehr wenig Ent-' gegenkommen. Ja, mit unwilligem Stirnrunzeln so- ' gar, nahmen die Geistlichen das Nachahmen dieser' - Äußerlichkeiten wahr.- - •” / i1-1 '/- // ' Je leerer die Synagogen würden, desto, eifriger i wurde reformirt. desto größer die Zugeständnisse an die-' jenigen, welche immer weiter.abrückten. Die Untere grabung der Fundamentalsätze der . mosaischen-Religionsgesetze, Sabbat und Beschneidung, wurde stillschweigend fanktionirt. die Opposition jedenfalls, nicht, laut. Inzwischen setzten sich einige der Konzessions-, . rabbiner vor ihr Tintenfaß und verfaßten neue ^Gebetbücher, neue „der Zeitrichtung angemessene" Ritualien.. In den Gebetbüchern findet man zuweilen einige Zeilen, ja, sogar/hin und. wieder , eine ganze Seite hebräischen; Druck — eine lächerliche,' - unbewußte ' Inkonsequenz. Für die religiösen Gebräuche im Hause, für die Ceremonien an Fest- und Sabbattagen findet sich auch kein Wort in diesen ..Gebetbücher^": u - 6- Zur Ehre unserer Reformrabbiner voll'dazumal.. muß nun allerdings gesagt werden, daß manche in der guten Absicht zu den genannten Radikalmitteln griffen/, um einige hundert taüfwüthige Juden zurückzuhalten.' Aber indem sie in diesem Streben sich zu Konzessionen herbeiließen, welche trotz allem ihre Adresse verfehlten/ bewiesen sie ihre Unfähigkeit, das Judenthüm zu er-' halten, sie bewiesen der Nachwelt, daß sie nicht die' Geistesgrößen waren, für welche sie taxirt wurden. 'Sie bewiesen, - daß sie nichts von dem weitausschaue'nden/ Seherblick unserer alten Propheten und Führer befassen/ - und daß ihr ganzes Werk armseliges Flickwerk war/ das kein zweites Jahrhundert mehr erleben wird. Da' waren, die beim Alten verharrenden Antipoden' doch bessere Propheten, und glücklichere „Reformatoren", in-

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