Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 71 (4.9.1902)
- Date
- 1902-09-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Zeiten der preußischen Noth von Apno 1806 bis181tz % W U R .&*■• Nun, wie dem äüch M, es sind nicht nurZionisten, denen das Reformjudenthüm durchaus nicht gefallt, und nicht mehr gefällt, es sind auch nicht die konservativen Inden allein, nein, es sind auch diejenigen, fast außerhalb der Orthodoxie stehenden Stammesgenoffen, die heute- Grlich besennen, Idaß! dasMeformjudenthum -der Judentheit nicht nur keinerlei Vortheile — im ethischen Sinne — gebracht hat, sondern im Gegeniheil, Ungeheuern moralischen Schaden, indem es .die,, großen. Massen, diesseits von innerlichem Judenthum und jenseits vom Judenthum ln Wesen und Form abgetrieben hat, wohingegen der 'Zionismus uns'wieder die Fähigkeit der Kritik, insonderheit der Selbstkritik gelehrt hat,' wie auch ein bewußteres Erkennen der Lebensmöglichkeit des Judenthums. Die Entwickelung der Reform und ihre heutige Gestaltung — und das ist die Quintessenz unserer Erkenntniß — führt unaufhaltsam zur Auflösung des Judenthums, zu dessen sicherem Tode und wir — wir wollen leben. Versetzen wir uns, um die Genesis der Reform bis zu ihren Anfängen, in ihren Ursachen und Folgen zu verstehen, etwas zurück in die Zeit, wo etwa nach 1830 bis 1840. - Die Emanzipation der Juden, ähnlich wie heute mehr formaler als that sächlicher Natur, hatte auf die weiten Kreise der Bevölkerung nicht' die Wirkung, die man in jüdischen Kreisen davon erwartet hatte. Es ging recht langsam und die zu Reichthum gelangten Juden hatten es eilig, jetzt, nachdem sie einmal außerhalb der Judengasse wohnen durften, mit dem christlichen Nachbar auf gleichen Fuß gestellt zu werden. Zog man schon, einmal aus der Judengasse, dann suchte man sich natürlich auch eine feine Straße aus, in welcher auch Patrizier und Aristokraten wohnten., Unter solcher Nachbarschaft müßte alles gemieden, werden, was diese liebevollen Nachbarn hätte daran erinnern können, daß der neue Straßenbewohner ein Jude sei. Man konnte nicht mehr so ungenirt am Schabbes in' Schul gehen, wie in der alten Judengasse. Man denke nur, das peinliche. Gefühl der erwachsenen Söhne und Töchter, am Sabbat früh, festlich, gekleidet, von den. fragenden und spöttischen Blicken der vornehmen Nachbarn verfolgt, in die Synagoge zu gehen. Nein, das ging wahrhaftig nicht. War es denn nicht schon peinlich genug, wenn ein alter Onkel oder Großvater sich an's Fenster setzte und . sein Hauskäppchen aufbehielt?., ._ Das Erste, sich seines Juoenihums schämen, war schon damals da. : Eine zu plötzlich heraufgekommene Plutokratie wollte, um nur schneller in die vornebmern christlichen Kreise zu gelangen, möglichst schnell jedes jüdische Gepräge verwischen und verfiel dabei auf die tollsten Mittel Ein verlumpter und abgehauster Adel bot willig die Hand, um das „Einbrechen der Juden in'D Christenthumzss erleichtern. Die reichen Jüdinnen, um den Adel sicherer zu erobern, drängten sich zur Taufe, um den schimpflichsten Handel mit ihrem eignen Leib und Vermögen abschließen zu können. Das hinderte aber die Väter, welche diesen Mädchenhandel an ihren eignen Töchtern vollzogen, durchaus nicht, wenn sie aus physiognomischen Gründen im, Judenthum, verharren mußten, ^vornehme Mucker, m der Gemeinde^ zch beanspruchen. Den noch halbversclavten, jeden freien Selbstgefühles baren, und mit einer von ihnen am wenigsten verstandenen Aufklärung sich großthuenden Juden, besonders m Berlin, machte das Taufen solchen Spaß, daß der damalige König von Preußen höhnisch äußerte, bei dieser Massenarbeit von Jndentäufen sollten sich die Geistlichen doch" lieber der Feuerspritzen bedienen. Da die Herren Väter der modernen Marannen, trotz adeliger Schwiegersöhne und dito Tochter,: zu-keiner führenden Rolle gelängten und die unerwünschte Zuthat blieben, in Folge ihres Geldbesitzes aber durchaus irgendwo dominiren wollten, wurden und blieben sie die weltlichen Häupter der Gemeinde. Der Geldsack, der überall, auch bei den Juden die Hauptrolle spielt, ließ alle ethischen' Bedenken verstummen. Der Vater der getauften Kinder und „Auch-Adeligen-, war ein mächtiger Steuerzahler, als solchem war man ihm Rücksichten schuldig, lind trotz der geschmadten Kinder kam das Roschhakol sogar in die Vorstandssitzung und bezeugte durch zeitweilige Generosität sein „jüdisch gebliebenes Herz." Solchen Leuten gegenüber hatte der Rabbiner keinen ganz leichten Standpunkt, das muß man zugeben. Der Herr Vorstand und Schwieger- und Großvater von „adeligen" Christen war auch schon öfter in Kirchen und konnte erzählen, wie andachtsvoll und feierlich es da zuging.' Und'der moderne Rabbiner war ein Mann, der an der Universität neue Weltanschauungen gewonnen, von Thora und Talmud allerdings weit weniger wußte, als sein Vorgänger, dafür aber mehr von christlicher Philosophie und Weltbildung. Von nun an lebte man ja unter und mit dem Christen, und dieser wartete sehnsüchtig darauf, den jüdischen Bruder bei sich, aufzunehmen, ihn an sein arisches Herz zu drücken und enge , Familienbande zu knüpfen — freilich nur mit dem Juden. der äußerlich seine Stammesabkunft nicht mehr so abstoßend verrieth, wie der auch jetzt, vor wie nach verachtete Bündeljude, der auch jetzt noch im Golus lebte, und sein Brod, auf der Landstraße streifend, erwerben mußte. Was lag nun näher, als etwas anderes aus den Juden zu machen, als sie bisher waren? Und ein Anderes trat noch Hinzu. Der Rabbiner des 19. Jahrhunderts war eine neue Erscheinung. Die akademisch Gebildeten diinkten sich für etwas besseres, als. ihre nicht akademisch gebildeten Brüder. - Die Stellung zur Gemeinde hatte sich noch nicht klar entwickelt und da fühlten manche dieser Männer den Drang in sich, etwaszu thun. Die Gelegenheit, Ruhm und Namen zu erwerben.