Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 68 (25.8.1902)
- Date
- 1902-08-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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auf diese Weise mürbe gemacht und als Befürworter geeigneter Abhilfemaßnahmen gewonnen werden soll. Endlich sollen überall Versammlungen von Juden abgehalten und geeignete Resolutionen gefaßt und an den Präsidenten und Staatssekretär geschickt werden. Die Regierung soll angegangen werden, falls Rußland nicht nachgibt. den Vertrag von 1832 auszüheben, oder sich über die Meistbegünstigungsllansel hinwegzu setzen und allen internationalen Bestrebungen Rußlands Opposition zu machen. Man glaubt, auf diese Weise schon die Nachgiebigkeit Rußlands erzwingen zu können. Dem Vernehmen nach hat auch die amerikanische Regierung bereits diplomatische Schritte gethan, um die Paßfrage aus der Welt zu schaffen und wird unter dent Druck der öffentlichen -Meinung auch weitere thun. Gleichzeitig bemüht sie sich. Rumänien zu einer judenfreundlichcren Politik zn bewegen. Sir thut dies, um den Einwandererstrom, rumänischer Juden zu dämmend Die große Zahl der im Newyorker „Ghetto* sich niederlüffenden rrunänischen und russischen Juden bildet bei der Rohheit des amerikanischen Pöbels, der in diesem Stadttheile wohnt, eine Gefahr für den Friede» der Stadl. Wie groß diese Rohheit und in Folge dessen die Gefahr ist. bat sich besonders bei der Beerdigung des orthodoxen Rabbiners, Rabbi Joseph, gezeigt. Das war gewiß keine Gelegenheit für nur halbwegs menschlich fühlende Geschöpfe, dem Judenhaß zu frohneu. Der Pöbel that es dennoch und in der gemeinsten und rohesten Weise. Die Tausende russischer Juden hätten Uebermenschcn sein nlüssen, wenn sie aus die pöbelhaften Angriffe nicht reagirt hatten. Daß die Juden aber vollständig unschuldig waren, geht wohl am besten daraus hervor, daß von'der Polizei, die auch rücksichtslos auf die Inden einhicb, über hundert Mann degradirt worden sind. Bon der Popularität des Rabbi Joseph und gleichzeitig von jüdischer Opferwilligkeit zeugt, daß achtzehn jüdische Gemeinden bezw. Vereine sich erboten haben, die Bestattungskosten zu tragen, und die Ehre, dies zu thun, derjenigen Gemeinde übertragen wurde, die sich erbot, am besten für die Wittlvr des Verstorbenen zu sorgen. Beth Hamidrasch Hagodal trug den Sieg davon durch das Gebot, der Wittwe lebenslänglich über 3000 Mt. jährlich zu zahlen. . Zum Nachfolger Rabbi Josephs ist Rabbi Levintbal aus Philadelphia gewählt worden, der vor elf Jahren aus Rußland cingewandert ist. (Bergl. auch die Corr. Washington m der Beilage.) Vermischtes. Lelpzkg. (Israeliten) D?.7 lebte Volkszähluna ergab für das gesammte Königreich Sacksen I’iiiv iämrlU tische Einwohner. Bon diesen befände» sich 6314, also über die Halste ln der Stadt Leipzig» 3» KS m Dresden und 4137 itt Chemnitz. Auf dem Lande lebten nur 388 Israeliten. Feuilleton. Novelle von Babette Fried—Prag. 12 Hellmann mußte seine, ganze Kraft zusammennehmen. und all seine männliche Würde zu Hilfe rufen, um bei diesem Anblicke feine Fassung zu bewahren. „Was haben Sie mir zu sagen, Martha?* „Daß ich den Brief, der mir die Unwürdigkeit meines Verlobten darlegte, mit Jubel gelesen habe, daß ich Gott dafür dankte, von dieser Fessel befreit zn sein!*- „Sic lieben — einen — Andern?*- Die langen, schwarzen Augenwimpern senkten sich über die zu Boden gerichteten Augen, die vorher bleichen Wangen Martha's färbten sich plötzlich purpurroth. — Doch eine Antwort vermochte sie nicht über die Lippen zu bringen, aber jetzt traf Hellmann ein liebender, sehnsuchtsvoller Blick aus ihren klugen. „Martha — Du liebst — liebst mich?!*- „Ich habe Sie immer geliebt und Ihre Gleichgiltigkeit gegen mich hat mich oft fast zur Verzweiflung getrieben, hat mich zn diesem verhaßten Bunde veranlaßt.* Der Rabbiner hatte stürmisch die Hand des jungen Mädchens-ergriffen. „Wissen Sie denn nicht, Martha, daß es einem Manne meines Standes schlecht anstehen würde, mit der Tochter eines ihm befreundeten Hauses zu liebäugeln? Sie hätten mir entgegen kommen sollen, mich Ihre Liebe ahnen' lassen, wie Sie es jetzt gethan haben?* „Mußte ich es nicht. Sie Böser? Sie wären za jetzt wirder bereit gewesen, mich mit einem Andern zu verbinden!* „Ich liebe Sie. Martha, mehr wie mein Leben, mehr aber noch meine Pflicht, die zu erfüllen ich bestrebt bin, wenn auch mein Herz bei deren^ Ausübung brechen sollte. Heute, als ich Sie unter dem Trauhimmek stehen sah, so voller Änmuth und Liebreiz, da stand ich an der Grenze meiner Kraft und Selbstüberwindung. Aber der Gedanke an meine Pflicht, an meine Ehre, hat mir die Stärke verliehen, meines Amtes ohne Beben zu walten.* „Ohne Beben? wer's glaubt! Ich habe Sie genau beobachtet; Sie haben sehr bleich ausgefehen und sehr aufgeregt, mein Herr!* entgegnete Mariha mit einem Anfluge von Schelmerei, die ihrem schönen Gesichtchen sehr gut stand, und anmuthige Grübchen in ihren rosigen Wangen bildete. „Also noch einmal, was geschieht jetzt, Martha?*