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Der Israelit · 1902-08-18 · Heft 66 (18.8.1902) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 66 (18.8.1902)
Date
1902-08-18
Page
– (sequence 9)
Language
German
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43* Jichrgang. <':> (I,-' -4-r- Unser Iudenthum. ---h- Wie jetzt allgemein bekannt ist, gab es in China eine jüdische Kolonie. Die Juden sollen im vierten Jahrhundert g. Z. am Horangho eine Stadt gegründet haben und in dieser zu solchem Wohlstand und Ansehen gelangt sein, daß der Kaiser ihnen eine Synagoge bauen ließ und ihnen hohe Posten im Heere wie in der Civilverwaltung anvertraute. Die verspotteten. Chinesen, die ja auch vor uns das Pulver erfunden haben, sind sonach auch in dieser Beziehung bereits vor sehr vielen Jahrhunderten weiter gewesen, als wir in Europa es vielfach noch heute sind. Aber — so erzählt man sich nach der „Newyork- Tribüne" unter den Heiden China's — die Juden vergaßen mit der Zeit ihren Gott, . und so vergaß er sie. Sic wurden ärmer und ärmer, sie unterließen es, ihren Sabbath zu feiern, und zur Strafe mußten sie Alles verkaufen, um sich nur Nahrung und Kleidung zu verschaffen. Sogar die Steine ihres überaus prachtvollen Tempels verkauften sie; nach und nach vergaßen sie ihre religiösen Gebräuche, ihre Sprache und sie verloren sich . unter den Heiden. In der That mußte das Schicksal der Juden Chinas überall das Schicksal der Juden sein, wenn sie nicht das einzige sie umschließende Band, das religiöse, heilig hielten. Die Juden haben nicht wie andere Völker eine gemeinsame Sprache, ein gemeinsames Vaterland, eine eigene Armee, nur die Religion ist eine gemeinsame. Instinktiv kehren sie daher, wenn sie von einem Feinde, kirchlichem Fanatismus, antisemitischem Barbarismus u. dgl., bedroht werden, zu den religiösen Gebräuchen, die sie oft längst aufgegeben, wieder zurück, wie in die Flucht'geschlagene Krieger, die aus dem Auge verlorene Fahne aufsuchen und sich um sie schaaren. . Es gibt Viele, die, da sie einen festen Glauben doch nicht haben, fragen, was denn da Schlimmes wäre, wenn die Juden sich mit den verschiedenen Völkern, unter denen sie leben, ganz und gar amalgamirten. Wir .fragen umgekehrt: Warum sollten die Juden sich unter den verschiedenen Völkern verlieren? Man legt heute Werth darauf, daß die wilden Völker nicht aussterben, sogar daß die verschiedenen Thierarten erhalten werden und man sollte christlicher-, geschweige denn jüdischerseits nicht Werth darauf legen, daß dasjenige Volk, welches die sonderbarsten Schicksale erlebt, die Kulturwelt am. meisten beeinflußt hat, trotz der widerwärtigsten Verhältnisse und der größten Hindernisse stets und überall eine, bedeutsame Bolle gespielt hat und noch gegenwärtig spielt, sich in seiner Eigenart erhalle? Wir haben in Deutschland mit der Landesbevölkerung Sprache, Litteratur, Geschichte, Sitten, Bildung etc., kurz alles gemein, nur unsere Religion ist eine andere. Geben wir dieses Abzeichen auf, dann sind wir, was auch die Rassenfexe sagen mögend keine'Juden mehr. Warum aber sollten wir die mosaische Religion aufgeben? Und zu Gunsten welcher von den Hunderten christlicher Sekten? Die jüdische Religion hat sich doch zur Genüge bewährt, indem sie ihre Bekenner durch un-. zahlige Blutmeere hindurchgeführt, unzählige Räuberüberfälle hat Lberstehen lassen. Wie sagt doch Disraeli? Versuche, die Juden auszurotten, sind unter den günstigsten Umständen und im größten Maßstabe gemacht worden; die bedeutend-' sten Mittel, über die man verfügt, sind hartnäckig die längste Periode der geschichtlichen Zeit hindurch zu diesem Zwecke angewendet worden. Aegyptische Pharaos, assyrische Könige, römische Kaiser, Kreuzfahrer, Gothische Fürsten und die Inquisition haben ihre Energie auf die Erreichung dieses gemeinsamen Zieles verwendet. Exil, Kerker, Vermögenskonfiskation, raffinirteste Tortur und Metzeleien im größten Matzstäbe, ein sonderbares System erniedrigender Vorschriften und Gesetze, die das Herz jedes anderne Volkes gebrochen haben würden, sind versucht worden — vergebens. : * ' Und eine Religion, die sich so bewährt hat, sollte aufgegeben werden? Noch heute beeinflußt ja die mosaische Religion die Gesetze, Moral, ja das ganze religiöse Leben der Christen. i Aber ganz abgesehen von dem allem. Ein währheitsliebender katholischer Geistlicher klagte vor einigen Tagen in einer Zeitung, daß neunzig Prozent aller gebildeten Katholiken, sechzig Prozent der halbgebildeten und die Hälfte der ungebildeten dem kirchlichen Leben entfremdet, ihrem Glauben untreu sind. Eine ähnliche Klage wird von katholischen Geistlichen in Amerika geführt. Protestantische Geistliche hätten sicher noch mehr- Grund zu klagen. Was wird aus diesen Abtrünnigen? Sie werden keineswegs Atheisten. Aber es ist ihnen unmöglich, die christlichen Dogmen zu glauben, doch glauben sie immer noch an einen Gott, der einzig und ewig ist, d. h. sie sind im Prinzip Bekenner des — jüdischen Glaubens, wenn sie' auch nicht die verschiedenen religiösen Gebräuche der Juden befolgen und dem Nah men nach Christen bleiben. In der That geht mit dem Fortschreiten der Bildung die Entwickelung dahin,- daß Christen wie Juden im Prinzip das eine Dogma nur acceptiren, das, wenn auch nicht grobsinnlich und Hand-' greiflich bewiesen, doch verstanden; geglaubt und nichtwiederlegt werden kann, eben das: der Ewige ist unser' Gott, »der Ewige.ist einzig.^ - ' .. Und während die Entwickelung selbst in der Christenheit dahin geht, das, was in der Theorie hauptsächlich vom Judenthum unterscheidet,, immer mehr sich

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