Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 66 (18.8.1902)
- Date
- 1902-08-18
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Il!j il ji >! ui fv. t ■ 1401 - Die Stiftung. Kommerzienrath Meyer lag auf seinem Divan Morgen sollte er sein siebzigstes Lebensjahr vollenden. Er hatte es zu etwas gebracht. Als.Kleinhandwerker begann er seine Laufbahn und heute war er vielfacher Millionär. Er erinnerte sich, wie schwer es ihm hielt, die ersten Hundert Gulden zurückzulegen. Was er einnahm, verbrauchte er stets wieder mit seiner starken Familie. Seine Frau wollte sich einen kleinen Handel mit Möbeln und Betten anfangen, aber es gelang ihm nicht, das dazu nothwendige Kapital aufzutreiben. Nach unendlichen Mühen und jahrelanger» Ringen brachte er es so wett, daß - er seiner Frau ein kleines Waarenlager anschaffen tonnte und von da an. stieg er immer aufwärts. Welcher Segen,' dachte der Herr Kommerzienrath, wäre es doch für die kleinen Handwerker. wenn ihnen bei Beginn ihrer Thätigkeit ein . kleines, wenn auch noch so unbedeutendes Kapital zur Verfügung stände. Wie wäre es, wenn er zu seinem morgigen 70. Geburtstage eine Stiftung machen würde, aus der Klein- Handwerker alljährlich an seinem Todestage einige hundert Mark Betriebskapital erhalten würden. Der Gedanke gefiel ihm außerordentüch und mit dem beglückenden Gefühl der. zu vollbringenden guten That schlummerte er sanft in sein Mittagsschläfchen hinein. Und er hatte einen merkwürdigen Traum. Er befand sich wieder am Beginn seiner Laufbahn und wollte selbst, in höchster Verlegenheit, seine eigene Stiftung iu Anspruch nehmen. Bereits dreimal war er aus dem Rathhause, aber er traf Niemanden, der ihm Bescheid geben konnte. Nach vielen Laufereien erfuhr er von einem Beamten, daß die Vergebung der Zinsen für dieses Jahr schon ausgeschrieben und daß morgen der letzte Termin zur Bewerbung sei. Die Schuld, daß er hiervon nichts erfahren, war, daß die Stadt ihre Bekanntmachungen in einem kleinen, wenig gelesenen Blatte, aus das er nicht abonnirt war, veröffentlichte. Es war noch Zeit, gegen Mk. 1 Copialgebühren konnte man auf dem städtischen Bureau die näheren Bedingungen erhalten, ebenso die Anmeldeformulare, und er beeilte sich, seine Bewerbung einzureichen. Drei Monate hörte er nichts mehr von der Sache. Da entschloß er sich, einmal wieder auf's Rathhaus zu gehen und erfuhr hier zu seiner Freude, daß er berücksichtigt werden solle und daß ihm aus der Sttftung Mk. 500 zugedacht seien. .'Es verflossen weitere drei Monats in denen er wiederum nichts von der Angelegenheit hörte, in der er sich aber in der angenehmen Hoffnung wiegte, daß er jetzt bald ein kleines Betriebskapital haben werde. Er verfügte sich wieder einmal auf die städtische Kanzlei, da hörte er zu seinem Schrecken, daß er sobald leine Aussicht auf Realisirung seiner Hoffnung habe. Es hätten sich zu wenig Bewerber gemeldet und'die Zinsen müßten deßhalb neu ausgeschrieben werden; e3 wäre doch gewiß nicht im Sinne des Stifters,, daß dieZin- : fen unter drei Personen vertheilt würden..Diesmal wurde die Anzeige .auch in änderen Blättern erlassen, , damit die betreffenden Kreise Kenntniß von ihf erhielten. ‘ Es vergingen wiederum drei Monate. Seine Bewerbung wurde neu eingereicht. Nunmehr hatten sich statt drei — hundert drei Personen gemeldet, und wenn er berücksichtigt werden würde, so sagte man ihm, ' kamen auf sein Theil höchstens siebzig Mark... . . Enttäuscht über die der vielen Arbeit lange nicht entsprechende Aussicht, — hätte er die Zeit, die er seither auf diese Sache verwendete, anderweitig benützt, er hätte gewiß mehr verdient — wollte er seine —* zurückziehen, doch seine Fra« »uunrerte ihn auf, auszu-: ' harren und fv wartete er des Weiteren ab. > Nach einiger Zeit ging er mal wieder auf's Stadt- Haus. Mit dem betreffenden Beamten hatte er sich inzwischen angefreundet, da er so oft schon mit'ihm der- . kehrte. Der Beamte hatte Mitleid mit dem Manne und gab ihm freundschaftliche Winke, wie er eine diesmalige Berücksichtigung sicher erreichen könne. „Sie wissen," sagte der Beamte, „daß die Berücksichtigung der Bewerber von einem Beschluß der Stadtverord- ' netenversammlung abhängig ist. ' Wir haben sechsund-.. vierzig Stadträthe. Wenn Sie Ihrer Sache sicher sein; wollen, müssen Sie die Zusage von mindestens 24 Käthen haben, dann ist das Spiel für Sie gewonnen. . Fünf scheiden ja ohnehin für Sie aus, da diese , als. Antisemiten Sie als Jude auf keinen Fall berücksich- . tigen. werden, fünf andere, von denen weiß man nicht, ob sie judenfreundlich oder feindlich sind, besser ist es, wenn Sie diese nicht besuchen^ dagegen rathe^ ich Ihnen . -zunächst, einmal die fünf Räthe äufzusuchen, die Ihre Glaubensgenossen sind."^ ,-'- Was wollte unser Freund machen? Er wollte nun, einmal die Sache weiter verfolgen, die, abgesehen von der materiellen Seite, sein Interesse erregte, und'er auf den Ausgang gespannt war. Er . besuchte daher, zunächst seinen Glaubensgenossen, den Stadtrath Löwenstein, ' der ihm von jeher gewogen war und für den er schön manche Arbeit ausgeführt hatte. '. Da law er aber M den Unrechten. . / ., „Wie können Sie nur denken, mein Herr, daß ich. > als Jude einen Glaubensgenossen befürworten kann. ' Ich muß froh fein, wenn ich als Jude überhaupt in den : Stadtrath gewählt werde, da darf ich doch nicht öffentlich für einen Glaubensgenossen eintreten! Das wür- 7 ' den meine Gegner bei .der nächsten Wahlperiode-schön V . ausbeuten, sie würden sagen, daß ich ausschließlich das ' jüdische Interesse im Stadtrathe vertrete, und wie die schönen Redensarten gehen. Nein, mein Freund, ' ich'" o. kann Ihnen in dieser Sache nicht dienen, das kann viel