Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 66 (18.8.1902)
- Date
- 1902-08-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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140d Die Siegespalme, welche sich dem ersten Redner zugeneigt hatte, gerieth in's Schwankem Nach dem Gottesdienste vereinigte ein Festmahl alle hervorragenden Theilnehmer der Festlichkeit. Die beiden Redner wurden mit Lobsprüchen überschüttet. Der ältere von ihnen über die geistvolle Predigt, der jüngere über die staunenerregende Wiedergabe derselben. Der Vorsteher näherte sich nunmehr Dr. Adler und führte ihn in eine Fensternische, wo er Folgendes zu ihm sprach: . r '; „Herr Doktor! Ihr merkwürdiges Gedächtniß hat. unser Aller Bewunderung erregt; doch zur Besetzung des Rabbinatspostens genügt dieses nicht. Wir brauchen einen Rabbiner, der seine Predigten selber ausarbeitet, und keine fremden hält, aber keinen Gedächtnißkünstler, wie er etwa in einem Theater am Platze ist. Sie hatten in der Einleitung gesagt, daß Sie eine andere Predigt vorbereitet hätten; fühlen Sie sich kräftig genug, dieselbe morgen nach dem Morgengottesdienste zu halten, so glaube ich bei Ihrer eminenten Vortragsweise-des Er- ' folges sicher zu sein." Für Adler genügte vollkommen der Zeitraum von einigen Stunden, um eine neue Rede auszuarbeiten und einzustudiren. Darum willigte er in diesen Vorschlag ein. Daß er diesen Leuten besser gefallen werde, als Herzig, daran zweifelte er keinen Augenblick. Jetzt lag ihm noch daran, seinem zukünftigen Schwiegervater einen gehörigen Denkzettel zu geben, ohne ihn öffentlich zu beschimpfen, da in diesem Falle Emma ihm auf immer verloren wäre. In der Pause zwischen zwei Gerichten winkte Dr. Adler seinen Rivalen in jene Nische, wo . er vor Kurzem ein Gespräch mit dem Vorsteher hatte. Nur zögernd und höchst unwillig folgte Herzig diesem Winke, ahnte er doch eine Katastrophe, die unberechenbare Folgen für ihn haben konnte. „Herr Rabbiner!" so sprach ihn Adler in strengem Tone an, „wer gab Ihnen das Recht,,die von mir ausgearbeitete Predigt als eigenes Geistesprodukt auszugeben und vorzutragen?" ' . Ein ironisches Lächeln war.die Antwort auf diese ■ Frage. : ' „Danken Sie es meiner Liebe zu Ihrer Tochter Emma, daß ich es unterlassen habe, Sie öffentlich bloszustellen, doch wird mich nichts abhalten,' es noch jetzt in dieser Stunde zu thun, bei Gelegenheit der Tischrede, die ich halten will, wenn Sie mir nicht jetzt gleich die. Hand Ihrer Tochter versprechen, und zu Gunsten Ihres Schwiegersohnes von der Bewerbung um den hiesigen Rabbinerposten zurücktreten." Herzig trat der Angstschweiß auf die Stirne. Doch wagte er noch einen lehten Versuch. v ’ v;; „Man wird Ihnen nicht glauben," sagte er; „S i e, haben die Rede gehalten, i ch. auch, wer könnte den rechten Verfasser herausfinden?" - - J ' i; * „O ja, ich kann den Beweis meiner Autorschaft.. erbringen. In meinem Reisekoffer befindet sich unter" anderen Papieren der erste Entwurf dazu mit der Quellenangabe aller Citate. Können Sie sich damit ausweisen?" - - <. ' - ... V.; Der Rabbiner schwieg ganz bestürzt/ Dr. Adler wiederholte seine Bewerbung um Emma, und Angesichts der Verhältnisse blieb Herzig nichts übrig, als an der Hand seines Gegners an die Festtafel zu tteten und laut zu verkünden, daß sein lieber Freund und Kollege, Doktor Adler, soeben um die Hand seiner ältesten Tochter angehalten habe, die er ihm freudigen Herzens zufagte. ' Natürlich werde er jetzt von seiner Mitbewerbung um den Rabbinatsposten zu Gunsten feines lieben Schwiegersohnes zurücktreten. - Aus allen Kehlen schallte den Beiden ein herzliches „Masel tow!" entgegen, und Dr. Adler hielt in seiner glücklichen Bräutigamsstimmung einen so gelungenen Speech, daß man auf eine weitere Proberede gerne verzichten konnte, nachdem beide Parteien ihre Stimmen . auf den so talentirten Dr. Adler vereinbartes. . Nicht wie auf der Herreise, jeder einen anderen Zug benützend, traten die Beiden die Heimreise an, in einem Koupee fuhren sie nach Hause, indem sie, allen Zwist vergessend. unterwegs gemüthlich plauderten. Als Emma, welche den Vater im Bahnhofe erwartete, diesen Hand in Hand mit ihrem geliebten Carl auf sich zukommen sah, glaubte sie, von einem schönem Traume befangen zu sein, aus dem sie jedoch durch die stürmische Umarmung geweckt wurde, mit welcher sich Dr. Alder als ihr Bräutigam vorstellte. Unsere Geschichte ist zu Ende. Wir hören aber den Leser die Frage aufwerfen: „Wieso ist Herzig zu Adlers Predigt gekommen?" .Das Rathsel hat eine einfache Lösung. Herzig hatte in derselben Restar'^tion logirt, wie Adler, und zwar Wand an Wand mit diesem. Eine dünne Tapetenthüre ließ jeden Laut von einem Zimmer in's andere vernehmen. Da hörte Herzig seinen jungen Rivalen die vorbereitende Festrede memoriren, und konnte sich der Erkenntniß nicht verschließen, daß seine eigene Predigt gegen diese nicht aufkommen werde. Da faßte er den Entschluß, seinem Gegner einen Possen zu spielen, ohne im Augenblick an die daraus entstehenden Konsequenzen zu denken. Er stenographirte die Predigt und lernte sie in der Nacht auswendig. Dieser Kunstgriff hat ihm wohl nicht den ersehnten Posten zu Malinee verschafft, wohl aber einen braven, tüchtigen Schwiegersohn, und feiner Tochter ein vollkommenes Eheglück gesichert..