Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 65 (14.8.1902)
- Date
- 1902-08-14
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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1380 V, Ein im Auslande lebender, reicher Casseler Herr hat seiner Vaterstadt zur Errichtungeines interkonfessionellen und internationalen Waisenhauses ein Kapital von 6 Millionen Mark überwiesen und ausdrücklich die Bestimmung getroffen, daß dieses Waisenhaus nach dem Muster der Ahlemer Anstalt, die ihm . bekannt war, gegründet und geführt werden sollte. In Folge dessen waren vor einigen Wochen die Herren Oberbürgermeister, Stadtsyndikus und Stadtbaumeister von Cassel in Ahlem, um die Anstalt einer gründlichen Besichtigung zu unterziehen. Die Herren haben sich sämmtlich sehr zufrieden geäußert und es nur natürlich gesunden, daß der Geber gerade Ahlem ihnen als Muster bezeichnet hat. Gegenwärtig sind in Ahlem zwei Lehrer der Baron Hirsch-Stiftung aus Galizien, welche die hier geübte praktische Erziehungsweise kennen lernen sollen, um.sie später in den Baron Hirsch-Schulen in Galizien einzuführen. Voraussichtlich werden in der Folge auch noch aus anderen außerdeutschen Ländern Lehrer und Lehrerinnen sich zu dem gleichen Zwecke dort aufhalten: Es handelt sich eben in Ahlem nicht mehr um Experimente, sondern um praktisch erprobte Erziehungsmethö.- den, deren Resultate höchst erfreuliche sind. Die normal veranlagten Knaben, welche nach Vollendung ihrer Lehrzeit die Anstalt verlassen, haben nicht nur in Deutschland, sondern auch im Auslande ein gutes Unterkommen gefunden. Die Jewish Agricultural and Industrial Aid Society, welche verschiedene junge Leute, die in der Nähe von Newyork Stellung gefunden hoben, kennen gelernt, hat der Anstalt geschrieben, daß nach derartigen Gärtnern mehr Nachfrage als Angebot ist. Es ist begründete Aussicht vorhanden, daß die die Anstalt besuchenden Ausländer später einmal den Kern von Kolonieen in den Vereinigten Staaten bilden, und daß dann ein Theil ihrer Landsleute, angereizt durch den Erfolg, sich veranlaßt sieht, ihrem Beispiel zu folgen, und dadurch am besten das Elend dieser gemildert und das Vorurtheil gegen die jüdische Einwanderung beseitigt wird. Es wäre wünschensnnrth, wenn recht viele unserer Glaubensgenossen, namentlich während der jetzigen Reisezeit, die Anstalt in Ahlem in Augenschein nehmen wollten. Die Anstalt ist vom Bahnhöfe in Hannover in einer halben Stunde zu erreichen, und es lohnt wohl der Mühe, auf der Sommerreise einen kleinen Umweg zu machen, der bei der zentralen Lage Hannovers in vielen Fällen nur unbedeutend sein wird. Noch einem anderen Wunsche möchten wir schließlich Ausdruck geben: Durch die Erweiterung des Erziehungswerkes hat die Anstalt eine nicht unerhebliche Schuldenlast und Verpflichtungen übernommen, die in der Folge bedeutend größere laufende Ausgaben als bisher erfordern; - wir wünschen, daß in 'allen Kreisen, die Herz und Verständniß für derartige Erziehungsbestre^ungen haben'— und wo wäre solches mehr vorhanden, als in jüdischen Kreisen — auch der Wohlthätigkeitssinn sich regen möge, so daß es der Anstalt ermöglicht wird, den neuen Anforderungen in jeder Beziehung auch gerecht zu werden.,; Zeitungsnachrichten und Eorrespondenzen. Q e sie r r e ich. ' Wien, im Äug. (Der T e m pelbau in bet Neudeggerga sse.) Der Wiener Magistrat hat mit dem Bescheide vom 19. Mai 1899 dem Tempelbauvereine des Bezirks Josephstadt die Bewilligung zur Erbauung einer Synagoge in der Neudeggergasse Nr. 12 verweigert. Die Baudeputatiön für Wien hat über den Necurs des Vereins am 14. Juni 1901 den.angefochtenen Bescheid aufgehoben und ausgesprochen, daß der projektirte Synagogenbau unter den von den Vertretern des Stadtbauamtes und des Stadtphysikates gestellten Bedingungen in öffentlicher Rücksicht zulässig ist, und die gegen das Projekt gerichteten Einwendungen privatrechtlicher Natur auf den Rechtsweg verwiesen. Dem gegen diese Entscheidung von der Gemeinde Wien ergriffenen Rekurs hat das Ministerium des Innern laut Erlasses vom 12. Juni d. I. keine Folge gegeben. Es wurde jedoch die Zulassung des Baues'noch an folgende weitere Bedingungen geknüpft: Der Fassungsraum der Synagoge wird für eine Besucherzahl von 480 Personen festgesetzt, welche nicht überschritten werden darf; die in die seitlichen Hofräume führenden Thore, sowie die drei Hauptthore sind während der Benützung des Tempels stets offen zu halten; die Ausgangsthüren aus dem Tempel sind mit einer Fettsioffbeleuchiung zu versehen: Diese Entscheidung stützt sich auf die Erwägung, daß das Bauprojekt den Vorschrift ten der Bau-Ordnung für Wien entspricht und die vom Standpunkte der Verkehrs- und sonstigen öffentlichen Rücksichten erhobenen Einwenöungen nicht als begründet angesehen werden können. Der Stadtrath hat beschlossen, diese Entscheidung zur Kenntniß zu nehmen und von der Ergreifung der Beschwerde an den- Verwaltungs-Gerichtshof abzusehen, da keine Aussicht auf Behebung der Minisierial-Entscheidung vorhanden ist. Karlsbad. Unser Weltkurort ist der Sitz einer antisemitischen Ansichtskartenindustrie. Derlei Ansichtskarten befinden sich in allen Schaufenstern und finden in tausenden von Exemplaren Verbreitung durch die Welt. Man kann sich lebhaft vorstellen, welchen Schmerz und welche Betrübniß dies den jüdischen Kur-- gästen, die aus aller Herren Lander zusammenströmen,' verursacht, und wie andererseits diese judenhetzerischen Ansichtskarten auf die arischen Kurgäste.wirken. Wir'