Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1902)
- Date
- 1902-08-11
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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1359 Rumänien. Bukarest, 10. Aug. Herr Dr. Hugo Ganz (Wien) berichtet in der „Frankfurter Zeitung" über eine Unterredung, die der rumänische Ministerpräsident Sturzda in Bukarest mit ihm hatte, und der wir Nachstehendes entnehmen: Sturdza: „Rumänien will und muß sparen. Es hat im Jahre 1899 eine Mißernte gehabt, die geradezu entsetzlich war, deren Folgen noch nicht verwunden sind. Es ist schlechterdings nichts gewachsen. Nicht einmal das Saatkorn. Die gesammte Bevölkerung mußte sozusagen auf Staatskosten erhalten werden, ein ganzes Jahr lang. Damals begann die Misere, die man jetzt als chronisches Uebel kennzeichnen will. Jeder Haushalt schränkte sich ein, auch der reichste. Man reduzirte die Dienerschaft, man sparte an allen Ecken. Darunter litten auch Gewerbe und Handel. Am meisten natürlich die Proletarier der Moldau, die schon in normalen Zeiten die denkbar niedrigste, kaum begreiflich niedrige Lebenshaltung haben, die in der Periode des Nöthstandes und der Theuerung natürlich fast dem Hungertode preisgegeben sind. Daraus schmiedet man nun Anklagen gegen die rumänische Regierung und macht sie womöglich auch noch für den Mißwuchs verantwortlich. Es sind ja auch Rumänen genug ausgewandert in diesen traurigen Jahren und Rumänen genug zu Grunde gegangen. Warum spricht davon Niemand?..... Ich konnte doch nicht umhin, zu bemerken, daß im Auslande nicht aus der Noth der Juden der rumänischen Regierung ein Vorwurf gemacht werde, sondern aus ihrer Rechtslage. Sturdza: Aber das ist selbstverständlich der gröbste Jrrihum des Auslandes. In Rumänien kennt man keinen Fremdenhaß. Es kann hier Jeder ungestört seinem Glauben, seinen Sitten und Gebräuchen leben. Niemand wird geächtet, verfolgt oder auch nur belästigt. Nicht einmal der Zigeuner. Daß man den Israeliten die Bürgerrechte vorenthält? Das ist Nothwehr, pure Nothwehr. Vor fünfzig Jahren gab es in der Moldau 50,000 Juden, heute gibt es mindestens eine Viert elmillion. Das drückt sich über die langen Grenzen aus Rußland und Galizien herüber, nach Rumänien, wo das Leben doch leichter ist, das Klima milder, der Druck der Behörden geringer. Nein, sollte ein Staat diesen ständigen Zufluß resorbiren können? Und es ist doch ein ganz fremdes Elment, das mit den Rumänen nicht mehr gemein hat, als das Athmen, nicht einmal das Essen und Trinken. Rumänien will doch schließlich das Land der Rumänen sein und nicht das einer unerschöpflichen, fremdartigen, proletarischen Einwanderung. Im Vorjahre sind die Zionisten gekommen und haben große Auswanderungen veranstaltet; singend und weinend, von den Rumänen angestaunt, sind die Leute ausgezogen, aber mäuschenstill sind sie zuxückgekehrt. Man hat sie nirgends über die Grenze gelassen, weil sie gänzlich mittellos waren. Und was alle Welt zuriickweifi, das müssen die Rumänen in die Herrenklasse des Landes einlaffen? Ich erwähnte, daß man im Auslande von besonderen Verfügungen rede, durch welche dem proletarisch- Mischen Elemente der Erwerb jeder höherem Kultur unmöglich gemacht werde. '; . Sturdza: Nichts ist ungerechter. Der rumänische Unterricht ist, die Hochschule miteinbegriffen, gänzlich kostenlos. Der Staat bringt dafür die größten Opfer. Ist es da billig zu fordern, daß den Fremden die Schulen geöffnet, den eigenen Landeskindern aber gesperrt werde? Man kann doch den Fremden nur so viel Platz einräumen, als die Landeskindcr übrig lassen, und noch sind die Israeliten weit über ihren Prozentsatz der Bevölkerung in den Schulen vertreten. — Das Handwerksgesetz? Ein Gesetz der Reprözität, in keiner Weise gegen die Juden gerichtet. Wie sollte das auch sein. Vor Jahren hat hier ein ausländischer Jude, ein Bankdirektor, Herr von Frank, seine Tochter verheirathet; rumänische Fürstentöchter waren die Kranzeljungfern. Ein Parteigenosse, der Bankier Blank, ist Jude, Staatsbürger, ein Intimus der Intimsten. Aber um es dahin zu bringen, muß man doch zuvor gelernt haben, rumänisch zu denken und zu fühlen, rumänische Kultur angenommen haben, entschlossen sein, mit dem Volke zu leben und zu leiden. Aber die Juden sondern sich ab, bilden ein Volk für sich. Sie massenhaft rezipiren. hieße einfach, eine Fremdherrschaft im Lande etabliren. Denn man müsse doch auch bedenken, daß die bäuerliche Masse der Rumänen noch auf sehr tiefem Niveau stehe und in gar keiner Hinsicht den wirthschaftlichen und politischen Kampf mit der jüdischen Rasse aufnehmen könne. Rumäniens Zukunft bestehe im strengen Nationalismus; denn wenn Rumänien beispielsweise bulgarische Bevölkerung hätte, wäre es längst im slavischen Meere verschwunden. Ich fragte, ob es irgend ein striktes Gesetz gebe, nach dessen Erfüllung der Fremde die Staatsbürgerschaft erhalten könne. Die Frage ist dem Minister sichtlich unangenehm. In ihr habe ich mich als der rechte Occidentale entpuppt, der strenge, verpflichtende Gesetze für den Fordernden wie für den Gewährenden verlangt. ' , Sturdza: Nein, die Aufnahme in den Staatsbürgerverband erfolgt durch Ballotage in der Kammer, und zwar recht langsam, da das eine langwierige Prozedur ist. Mehr als zehn bis zwölf Natüralisirungen werden in keiner Sitzung vorgenommen. Dazu ist das Geschäft zu wenig amüsant. ^, Der Minister kommt auf die Ungerechtigkerk zurück, die darin liege, daß die ausländische Presse sich zum Echo der Klagen einer einzigen BevölkerungSschicht mache und durch tendenziöse Herabsetzung des Landes