Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 64 (11.8.1902)
- Date
- 1902-08-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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1858 dies auch gegenüber der Türkei außer Acht gelassen wird, so darf nicht vergessen werden, daß die Türkei übernommene internationale Verpflichtungen nicht erfüllte, und daß die inneren Verhältnisse der Türkei eine fortwährende Gefahr für den Frieden bilden." Das Wiener Blatt vergißt, daß Rumänien ebenso wie der Türkei, besondere Verpflichtungen durch den Berliner Kongreß auferlegt worden sind und daß auch Rumänien diesen Verpflichtungen nicht nachgekommen ist, weßhalb die Unterzeichner des Berliner Vertrages allerdings ein Recht haben, Rumänien Vorstellungen zu machen. Prag. (Antisemitismus und Geschäft.) Ein reizendes Antisemitenstückchen, welches auch in Antisemitenkreisen viel belacht wird, meldet man aus einem deutsch-böhmischen Fabrikstädtchen. Wendet sich da kürzlich eine als scharfe Antisemitin bekannte Dame an einen Leinenwaarenhändler, der eine Stütze der Partei bildet, um Wäsche zu kaufen. Dieser schickt ihr auf Wunsch eine Auswahl zu, erhält dieselbe aber mit der Bemerkung zurück, daß die Dame keine Judenwäsche kaufe. Die Wäsche stammte nämlich aus einer allerersten Fabrik Oesterreichs, deren Inhaber Juden sind. Die Dame hatte trotzdem nicht Eiligeres zu thun, wie sich direkt an die jüdische Fabrik zu wenden und sie zu ersuchen, ihr zum — Fabrikpreise die fragliche Wäsche zu überlassen. Die Firma lehnte dies jedoch ab mit der Begründung, daß sie an Privatpersonen nicht verkaufe, theilte aber der rabiaten Antisemktin mit. daß sie ihren Vertreter, den erwähnten Leinenwaarenhändler. beauftragt habe, ihr das Gewünschte zu übergeben. Der Kaufmann lieferte auch entsprechend dem Aufträge der Fabrik die Maaren prompt ab, und zwar legte er gleichzeitig mit der Rota auch den von der Dame an die Fabrikanten gerichteten Brief vor. Frankreich. Paris, 8. Aug. Die Drehfus-Sache kommt in Frankreich noch immer nicht zur Ruhe. In den letzten Taaen hat Alfred Drevfus, welcher seit vielen Monaten rußig in Paris lebt, an Josef Ranc folgenden Brief gerichtet: . „Da nunmehr alle Welt weiß, daß ich nicht der Verfasser des Borderaur bin, verbreiten gewisse Leute das Gerücht, daß ich wohl niemals Verbindungen mit Deutschland gehabt, aber mit Rußland in. Verbindung gestanden bin. Man druckt so etwas nicht, aber man läßt e? verbreiten. Rach den Einen hätte ich an Rußland Mittheilungen verkauft, welche die Verhältnisse unserer Mobilisirung betrafen und die Unrichtigkeit der Angaben des Generals Boisdeffre bei Abschluß der Allianz zeigen sollten. Rach den Anderen wäre ich vom General Boisdeffre selbst aufgefordert worden, an Ruß- . land die Details über unsere Mobilisirung gelangen zu lassen, welche der General selbst mir geliefert hätte,, damit die offiziell angegebenen Ziffern auf dem Wege der Spionage Bestätigung finden sollen. Sie zucken die Achseln, verehrter Herr und Freund, über derlei Dummheiten. Es sind einige Wochen her, daß General Gallifet zu unserem Freunde Joseph Reinach, welcher mich ermächtigte, davon Gebrauch zu machen, gesagt: „Das Borderau ist von Esterhazy, welcher zwei Komilicen hatte. Was Dreyfus betrifft, so hat er niemals Beziehungen zu Deutschland gehabt. Aber Jemand, welchen ich nicht nennen darf, sagte mir in Marienbad, daß Dreyfus in Diensten Rußlands gestanden." Reinach protestirte, ohne jedoch den General Gallifet in eine: Ueberzeugung erschüttern zu können. Habe ich es nöthig, Ihnen zu sagen, daß die ganze Geschichte eine abscheuliche Lüge ist, daß ich niemals mit Rußland in Verbindung gestanden, ebensowenig wie mit Deutschland? — Sie werden mir einen großen Dienst leisten, ivenn Sie diesen Brief veröffentlichen. Es ist das einzige Mittel, diese dumme und unerhörte Legende zu tödten, indem man sie dem großen Tageslicht aussetzi. Auf diese Weise wird sie zerstört werden. Man wird vielleicht der russischen Regierung glauben, wenn sie erklären wird, daß sie niemals in Verbindung zu mir gestanden ist. Ich fordere den General Boisdeffre hiermit auf, zu sagen, ob ich jemals Beziehungen zu Rußland hatte. Hugues le Roux erzählt, daß ihm Felix Faure gesagt habe: „Die Revision des Dreyfus-Prozesses ist nothwendig, weil sie gesetzmäßig ist." Felix Faure gilt dafür, daß er besser als irgend Jemand alle Umstände gekannt hat, die sich auf die russisch-französische Allinaz bezogen. Er wußte auch, daß ich vollständig unschuldig bin. Der Tag wird kommen, an welchem eine neue Thatsache an's Licht dringt, die es mir ermöglichen wird, endlich die legale Revision zu fordern, welche mir gesetzmäßig meine Ehre wiedergeben soll. Aber bis dieser Tag anbricht, unterstützen Sie mich darin, einer abscheulichen Legende, welche im Dunkel schleicht, den Garaus zu machen. Alfred Dreyfus. General Gallifet hat sich um die Antwort mit einigen nichtssagenden Phrasen herumgedrückt. Paris, 8. Aug. Bei der Jahresversammlung der hiesigen jüdischen Frauen wurde mitgetheilt, daß Baroneß Edmond von Rothschild sich erbot, ein neues Haus für jüdische Frauen errichten zu lassen, da sich die jetzigen Räume zu klein erwiesen. Die Stiftung, welche ihre Existenz einem glücklichen Gedanken der Madame Eugene Manuel verdankt, nimmt nur junge . Damen auf, die keine Verwandten in Paris haben und stellen- . los sind, welche dort gegen kleines Entgelt Wohnung und Essen finden. Die Einahmen betrugen im Jahre 1901 49,018 Frs., die Ausgaben 25,318 Frs.