Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 63 (7.8.1902)
- Date
- 1902-08-07
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1350 Wie soll ich nun das endgiltige Urtheil zusammenfaffen? Was ist für die Religionsschule dabei zu beachten? Rach dem vorher Ausgeführten ist es klar, daß die sogenannte grammatistische Methode nicht sehr heimisch geworden oder werden konnte in unserer Mitte. Ja, man hat vielfach eine offen feindliche oder doch mißtrauische Stellung gegen das „Dikduk" eingenommen, sei es — wie gesagt — weil man eine Beeinflussung der jüdischen Lehrmeinung und Denkweise'durch die Fühlung mit christlichen Orientalisten gefürchtet, oder weil manche jüdische Grammatiker sich „zur Linken" gewendet, oder auch, weil man dem Erwerben der Sachkenntniß durchaus an Zeit und Kraft keinen Abbruch thun wollte. Wir wissen beispielsweise heute soviel, daß der Mendelssohn'sche Biur den populären „Raschi" nicht verdrängt, obwohl letztgenannter, oder gerade weil letztgenannter in grammatischer Hinsicht keine große Ausbeute bietet. (Die Gerüchte, daß man in Polen und Rußland den „Viur" mit dem Cherem belegt, sind mir unkontrollirbar.) Es muß aber, um jedem Mißverständniß vorzubeugen, laut . und. unzweideutig ausgesprochen werden, daß das „Judenthum durchaus und in keinem Falle der Grammatik gleichgiltig oder übelwollend gegenüber steht." (Mußte man doch schon auf das korrekte Lesen der Thoraworte bedacht sein.) Das Judenthum hielt es auch hier mit seinem liberalen Grundsätze: naan n» tap rmtt? 'vv : Nimm die Wahrheit von jedwedem an.' Jemehr der Sprachschatz gesichtet und durchleuchtet wird, desto reiner sind Begriff und Berständniß. Wir werden beispielsweise aus unserem „Sprachschätze selbst" den von gegnerischer Seite gemachten Vorwurf, daß wir für „Kunst" nicht einmal ein eigenes Mort (außer chochmah) besäßen, gebührend zurückweisen können. Wir können beweisen, daß es im jüdischen Reiche wohl „Arme" und „Dürftige", aber keinen — „Bettler" gab, auch keine „Almosen", wohl aber eine „Pflichtgab^" u. s. w. Welch' reichliche und herrliche Ausbeute etymologischer Begriffsbestimmung ist in S.R. Hi.rsch's Pentateuch- und Psalmkommentar niedergelegt. Hirsch hat aber in seiner Jugend bei Wilhelm Gesenius in Halle hebr. Grammatik gehört. Malbim baut seinen berühmten Kommentar „hatora w'hamizwa" darauf auf, daß in der heil. Schrift jeder sprachliche Ausdruck an jeder Stelle nothwendig in der gegebenen Form sich finden müsse und ein „kefel loschaun," eine Tautologie ausgeschlossen sei. An vielen Stellen kommen Hirsch wie Malbim auch zu ganz gleichen Resultaten.^ obwohl doch beide unabhängig von einander gearbeitet. Dem 3. V. M. schickt Malbim sein „Ajelet haschachar" voraus, eine Zusammenstellung aller möglichen Synonyma mit den sie scheidenden Nuancen. Eine nutzbringende Lektüre für jeden Freund des wahren Wortsinnes und der. hebräischen Sprache überhaupt. Ich meine aber, solche Arbeiten seien doch mehr oder minder Kinder ihrer Zeit und in früheren Jahrhunderten vielleicht nicht so wahrscheinlich entstanden. Jedenfalls genügt dieser Hinweis, zu bezeugen, wie hochgeschätzt das Dikduk auch bei uns Juden ist und sein darf. Nur darf nicht die „grammatistische Methode Ausgangspunkt sein u. einschränkend und erdrückend auf andere Gebiete ihre Wirkung üben." Der alte „Joseif Omez" rügt es, daß so mancher, der im Talmud zu Hause, nicht den einfachen Wortsinn in Mikrah anzugeben wisse. (Von dieser noch heute in Polen und Rußland heimischen Einseitigkeit gilt das Witzwort von „dem Posuk", der „schon" in Chulin vorkommt.) In der Gegenwart ist mitunter die umgekehrte Mahnung am Platze. Indem ich bei obigen Darlegungen das Dikduk nach verschiedenen Seiten betrachtet, bin ich keineswegs zu einem negativen Resultate gelangt, sondern zur goldenen Mittelstraße zurückgekehrt. Damit ist Dasjenige erschöpft, was ich zur „Würdigung des hebräischen Grammatik-Unterrichtes" sagen wollte und^ zu sagen hatte, lieber das „Wie", das „Wieviel" und „Was", besonders für die „jüdische Religionsschule", ein anderes Mal. Nur soviel sei jetzt und heute schon bemerkt, daß ich mir den hebr. Grammatikunterricht nicht denken kann, ohne ein gutes, lautrichtiges und laut reines Lesen, ohne schöne Betonung, ohne genaue und sichere Kenntniß der Na-' men der hebr. Konsonanten und Vokale. Ist denn nicht auch für den deutschen Unterricht bezw. für den Unterricht in der deutschen Sprache Vorsprechen und Vor-, lesen. Selbsthören und Selbstsprechen die Hauptsache? Kann man von dem Kinde richtiges Deutsch verlangen, wenn man es selbst nicht vorspricht, wenn man selbst beispielsweise die Präpositionen falsch anwendet oder Endungsfehler macht? Gilt dort nicht der Satz: Aller Unterricht sei Sprachunterricht? „Welche Dienste leistet doch das Ohr bei Erlernung jedweder Fremdsprache!" Schlecht- und schwerhörende Kinder ' lernen eben nicht gut sprechen, und ein schlechtes Lesen hörende Schüler nicht richtig lesen. Durch's Ohr — zum Gefühl. Ein scharf prononzirtes Vorlefen seitens des Lehrers — es ist ein halber Grammatikunterricht: eine hieran sich knüpfende Uebersetzung — sie gibt den guten Unterbau für die jüdische Sprachlehre. Noch ist gerade in dieser Hinsicht Vieles zu sagen und gebessert zu wünschen. . Es ist. uns aber ausgezeichnet vorgearbeitet durch die. so volksthümlich gewordenen Siddur- Ausgaben von W. Heidenheim und nur zu hoffen, daß die Praxis dem verdienstvollen Manne gerecht werde. Wie bereits bemerkt, ich werde wohl noch auf den eigentlichen Betrieb des Dikduk zurückkommen. Für heute wollte ich. nur das Nöthigste sagen zur „Würdigung des hebräischen Grammatikunterrichts" ... > M, ‘i