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Der Israelit · 1902-08-07 · Heft 63 (7.8.1902) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 63 (7.8.1902)
Date
1902-08-07
Page
– (sequence 19)
Language
German
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die Grammatik und die Sprachstunde leicht gegen die traditionellen BibelerklLrungen eingenommen wird. Noch mehr war dies in späteren Jahrhunderten der Fall, wo jüdische und nichtjüdische Forscher einander näher traten. Am Anfänge des 19. Jahrhunderts bildete sich ein Verhältnis^ heraus, in welchem die Grammatik eine Art Schibolet bildete." Hie Rabbinismus, Talmudismus, Orthodoxie — hie Aufklärung, Sprachforschung, Bibelstudium. Damals übten Polen und polnische Lehrer noch einen hervorragenden Einfluß auf unser Vaterland aus. „Die Polen waren jedem anderen Studium (als dem talmudischen) abgeneigt. Es lebte bei ihnen der Talmudist nicht bloß im Geiste, sondern in allen religiösen und gesellschaftlichen Gebräuchen. Für die Anfänger, die Kinder, bediente man stch des deutschen, im Munde der Polen schlecht konstruirten Ausdrucks, bis die Schüler des Rabbinischen mächtig waren. Der innere Werth des Sprachstudiums ist ihnen selten bekannt. Mit der deutschen Sprache sahen ste den ganzen hebräischen Denkzusammenhang verschwinden. Neue Wörter für ihre alten sahen ste als Zerstörer der Begriffe an. So trat die Unmöglichkeit hervor, sich mit der nach neuerem Geschmack gebildeten Jugend zu verständigen. Allein trotz alles Widerspruchs und aller der neuen Lehrweise in den Weg gelegten Hindernde, fanden sich eine große Menge Rabbinen äwogen, sie öffentlich anzuerkennen, wodurch das allzusrühe Erlernen des Talmud von selbst verschwand und nur auf die Jünglingsjahre verschoben ward. Die Rückkehr zur Bibel wirkte überall sehr heilsam.*) Es nahmen die schon „herangereiften" talmudischen Gelehrten den wärmsten Antheil daran, sie verglichen ihre Hermeneutik mit der gegenwärtigen, sie gingen bald noch weiter und strebten nach der sorgfältigsten Wahl des Uebersetzungsausdrucks und folglich nach einer tieferen Sprachkenntniß." (Dr. I. M. Jost, „Allgemeine Geschichte des Israelitischen Volkes," IT. Bd. Pag. 529.) Ich konnte nicht umhin. Obiges näher darzuthun; denn es gehört einmal zur „Würdigung des hebräischen Grammatik-Unterrichts." Der historische Rückblick ist auch für unsere Zeit noch von Interesse und' lehrreich. Hie und da ist auf jüdischen Versammlungen von „Gebildeten" — es waren allerdings Nichtlehrer — einem vertieften Grammatikunterricht das Wort geredet worden. Vor ungefähr neun Jahren, lautete ein amerikanisches Urtheil über die Zöglinge des Hebrew Union College in Cincinnati, daß sie wohl in den „spezifisch rabbinischen Fächern sich nicht mit den auf europäischen Anstalten gebildeten Kandidaten messen könnten, dafür aber größere „V'ne Mikra" feien." Und vor'wenigen Jahren lautete ein ähnliches, selbstbewußtes Urtheil in gleicher Angelegenheit: Die _ - *) Beraleiibe hier die Ausfübrunaen de8 Herrn Rabbiner Dr. A. LRösenthal in Rogascn in Nr. 19—23 der «Jsr. Wochen» schritt" d. I.: .Zurück zur BibeH" jungen Rabbinen können wohl nicht Nttt dem sel. Ezechiel Landau (Verf. deS Roda bihudoh) disputiren über den Milchlöffel, der sich in die Suppenschüssel verirrt; dagegen brauchen sie nicht zu errothen wie jener, wenn diese oder jene grammatische Form oder Regel festzustellen ist." Man sieht, der Glaube an die Grammatik als Universalrezept, als Allheilmittel, spukt noch hie und da. Man sieht, in Zeiten der religiösen Meinungsverschiedenheiten, in Perioden des Ueberganges, spielt die Grammatik immer eine Rolle. Und in der That, der seine „Schaalos U'tschuwos (Gutachten) schreibende Rabbi und der moderne gebildete Rabbiner, welcher mit Hilfe seiner philologischen Kenntnisse die Targumim „kritisch" untersucht, arbeiten sie nicht auf ganz verschiedenen Gebieten, stellen sie nicht ^gleichsam zwei Kulturepochen dar? So ist es ja nicht zu leugnen, daß eine vieljährige Beschäftigung mit den verschiedensten Fremdsprachen einen guten Untergrund „auch für das Dikduk bilden" wird, bilden muß. Ist doch die Zerlegung der Sprache in die verschiedenen Redetheile, die Gliederung des Sprachstoffes überall so ziemlich dieselbe und zu Vergleichen einladend. Borgt doch die hebr. Grammatik gerade m ihrer Terminologie schon viel von fremden Zungen. Sö ist man zu hebr.- gram. Studien gleichsam disponirt. Allein — trotzalledem kann und konnte der logisch-synthetische Weg nicht so zu: Geltung kommen, wie. mancher es sich borstellte oder als Thatsache glauben mochte. „Rabbinismus, Talmudismus" stehen dem entgegen, und — es ist bekannt — im „Lernen" bildet sich so eine Art Umgangssprache, eine Art mehr oder minder freien Dialekts. Hat man leichterdisgs zwei Lernende ernstlich darüber streiten hören, ob oder das Richtige ist? Oder hält man sich an die von anerkannt tüchtigen und maßgebenden Grammatikern und Massoretern gegebene Lesarten in der Mischnah? So accentirt der sel. Dr. S. Bär: ' — N2 W di’ — '121 pte&ö rvfot>iq irnM 'y i'2LlM ly — NYS rq$25 228Y — inings isirp □'ja?? oft« -?iy pi.2'2y H «V — ,'ajj — .v"' 2M d^*ii; - mr^pi Die wenigen Stichproben aus bekanntem Texte dürften Eingeweihte überzeugen, wie die grammatische Strenge doch mitunter sehr absticht von der Lesart, die gang und gäbe ist. Wer aber nach der präzisen Vokalisirung lesen wollte, der würde sich dem Schrine der Afektirtheit aussetzen. Wer sein grammatisches Gefühl und Gehör etwas mehr geübt, der kann oft die Beobachtung machen, wie Mischnahvortragende häufig die oft angewandte Pualform verfehlen und. den Kal oder Piel (also eine aktive Form) dafür lesen. (Ich spreche hier selbstredend von solchen, von denen man das korrekte Lesen voraussetzen darf.).

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