Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 63 (7.8.1902)
- Date
- 1902-08-07
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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13481 Antwort schuldig, hatte überhaupt von dem mui rms leine Ahnung. Noch weniger kannte er die Motion, welche in dem Worte TpjQrj sich darstellt. Soll ich nun glauben, dieser Herr verstehe wirklich das genannte Wort nicht recht? Er schrieb doch vorzüglich Hebräisch! Er bemerkte mir aber: «Bei uns (i. Osten) kann man „lernen", aber nicht Grammatik. Hier bei Ihnen kennt man Grammatik, aber nicht lernen." — Es ist nicht ' schwer, sich darauf den Vers zu machen. Ist es in der That — für unsere landläufige Anschauung — nicht sonderbar, wenn wir Andere zu Mifchnah und Talmud siegreich Vordringen sehen, auch ohne sich mit „Dikduk" abzugeben? Muß den Lehrer nicht ein deprimirendes Gefühl beschleichen, wenn man das neun- oder zehnjährige Söhnchen eines Almosen suchenden Russen oder Polen „seine Raschi" oder Mischna, wenn nicht gar ein „Stück Gemoro" vortragen hört? Dabei wird dort im Jargon gelehrt, der doch bekanntlich keinen so großen Formenreichthum aufzuweisen hat, keine so präzise Begriffsbezeichnüng sein etgjit nennen darf, als die vollkommen entwickelte reine Volkssprache. Und doch beherrscht man nicht nur das Hebräische, sondern auch das Chaldäische. Das Alles beweist aber, daß Grammatik „wohl oft eine Zier ist," daß man jedoch — wie Figura zeigt — oft weiter kommt auch ohne „ihr". Mit anderen Worten: „Wir dürfen die Grammatik für unsere Volksschulkinder, denen wir Hebräisch lehren, um k e i n e n Preis überschätzen. Die uns zur Verfügung stehen-x Zeit wie die geistige Fassungskraft der Schüler, namentlich aber auch der Umfang des nothwendigrrweise ihnen zu übermittelnden L e h r st o f f e s sind die drei maßgebenden Faktoren". - - . . . Wir wollen jedoch — wie bereits angedeutet — hier der Frage noch näher, treten, ob ein solch' mechanisches'Verfahren nicht unmethodisch,. unwissenschaftlich und unhistorisch zu nennen, mithin zu verwerfen ist. Vor allem darf behauptet werden, daß hiermit dem traditionellen Begriff und Wesen unserer Lehre und ihrer Verbreitung nicht entgegengearbeitet wird. Wohl wacht unsere Tradition ängstlich über jeden Satz, jedes Wort, ja jeden Buchstaben der geoffenbarten Lehre.*) Wohl bildet der Text des Pentateuch die Unterlage für die in der Tradition uns überkommene Erläuterung, die jener Unterlage auf Schritt und Tritt folgt. Nichtsdestoweniger geht Derjenige durchaus fehl, der in Mischnah und Talmud das große Sammelwerk grammatischer Zergliederungen und Erläuterungen vermuthet, wie es etwa die biblischen Exegesen des abgelaufenen Jahrhunderts bezw. der Neuzeit bilden. (Das berühmt gewordene Werk „Al tikri" von S. B. Bamberger s. A. weist trefflich eine angebliche *) Vergleiche die S telle über »kwaud tzatoro" in Sotah. P. 9.15. „Texteskritik", die im Talmud versucht sek, als unhaltbar zurück.) Oder enthalten die „dreizehn Regeln" zur Erklärungsmethode des Gottesgefetzes, wie sie R. Jischmael aufgestellt, grammatische Anweisungen? „Eigentliche Grammatiker" traten in Israel viel spater auf, als der Talmud abgeschlossen wurde. (Um 500 d. g. Z.) Als erster ist R. Hai (gest. 1038) zur. Zeit des GaonatS zu nennen. Er stellte 70 Wörter zusammen und machte den Anfang einer hebräischen Sprachlehre. (Also 500 Jahre später als der Talmud entstanden!) Aus späterer Zeit (um 1100) sind die Grammatiker Josef Kimchi, namentlich aber dessen Sohn David („Redak") hervorzuheben, Abraham ben Meier Jbn Esra (geb. 1093 in Toledo, gest. 1168), Jona ibn Gannach u. a. Nathan ben Jechiel in Rom verfaßte ein talmudisches Lexikon, Aruch genannt. (1100.) Ebenso vollendete der spanische Flüchtling (um 1160) Salomon ben Abraham Pärchen ein . sprachwissenschaftliches Werk. Bei der grammatischen Forschung standen die Juden in enger Fühlung mit „nichtjüdischen Gelehrten," lehnten sich an ihre Methoden an, namentlich bei der lexikographischen Darstellungsweise. Schon zur Zeit Hai's wirkten arabische Vorbilder, wo überhaupt im Orient eine große Vorliebe für Sprachforschung herrschte. Sprachforschung , und Poesie bei den spanischen Juden unterliegen vielfach dem gleichen Urtheil. Noch mehr und oft unmittelbar treten jüdische und christliche Forscher in Berührung im 14. bis 16. Jahrhundert. Humanismus und Reformation belebten frisch die Erforschung der alten Sprachen. Die Reformatoren wie ihre Gegner brauchten ja die hebräische Sprache zur Stütze ihrer Theologie.*) Juden wurden oft Lehrer von Kardinälen und Professoren, oder sie standen zu ihnen in Beziehung. (Johann Reuchlin, Elias Levita, Paul Fagius, Sebastian Münster.) Eine neue Aera brach . an durch Johann Buxdorf I. (gest. zu Basel 1629), der mit jüdischen Gelehrten in Amsterdam, Deutschland und Konstantinopel in lebhaftem Brief-. Wechsel stand und ein noch heute benutztes talmudisches Wörterbuch schrieb. Sein Sohn, Buxtors II.. vollendete die vom Vater begonnene Konkordanz. (Auch Johann Buxtorf III., Enkel, war -Prof, des Hebräischen in Basel.) Am Anfänge des 19. Jahrhunderts ging der hebräischen Sprachforschung ein neuer Stern auf in Wilhelm Gesenius zu Halle. Seine Arbeiten waren bahnbrechend und epochemachend, sowohl auf dem Gebiete der Grammatik, wie durch die Abfassung großer hebräischer und chaldäischer Wörterbücher. Genug! „Es war im Laufe der Jahrhunderte ein neuer Weg der Gesetzeserforschung geschaffen, und daS Judenthum nahm bewußt und unbewußt, freiwillig und unfreiwillig zu ihm Stellung. Schon zur Zeit Saadjsh's äußerten sich Befürchtungen, daß man durch ' *) Vergleiche die Schrift: .Das Studium der hebe. Sprache z in Deutschland vom EndedeS 15. biszurMittedes ILJahrhundertS" von Lr