Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-08-04 · Heft 62 (4.8.1902) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 62 (4.8.1902)
Date
1902-08-04
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449852--56420-2519089
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

43. Jahrgang. M jtt > 62 I littMmtisms unb Die yckW Agitstioii. Der Antisemitismus hatte sich bereits recht kräftig entwickelt und einige seiner, wüstesten Orgien und Skandale hinter sich, als Fürst BismarckZeines . Tages bemerkte, die polnische Agitation sei so gefährlich geworden, daß er ihr mit. einem Hundertmillionen-Fonds begegnen zu müssen glaubte, welcher Fonds nicht lange darauf verdoppelt worden und vor Kurzem durch einen "'weiteren Fonds von zweiundeinhalb Millionen verstärkt wurde. Wir kennen das Thörichte des Schlusses von propter hoc aus dem post hoc und werden uns dessen nicht schuldig machen. Aber es ist doch sehr leicht möglich, daß das Anwachsen der polnischen Bewegung in solchem Maße, daß sie selbst dem nicht leicht zu erschreckenden Fürsten Bismarck so ernste Sorge bereitet und zu so außerordentlichen Schritten trieb, mit dem Antisemitismus mehr zu thun hat, als man bisher annahm. . . Ja, es wäre wunderbar, wenn die Verfolgungen, -denen die Juden so plötzlich ausgesetzt wurden, nicht Eindruck auf die Polen gemacht, sie nicht zum Nachdenken über ihre eigene Lage und zu entschlossenerer Agitation veranlaßt hätte. Die Juden, mochten sie denken, die so lange schon in Deutschland ansässig sind, so lange schon um deutsches Können und Wissen sich so außerordentliche Verdienste erworben haben, die in den polnischen Landestheilen die eifrigsten Förderer des Deutschthums sind, werden plötzlich als Fremde betrachtet und verfolgt, werden offiziell zurückgeseht, gesellschaftlich geächtet und geschäftlich boycottirt. lim diesem ungesetzlichen und inhumanem Treiben ein plausibles Mäntelchen umzuhängen, gibt man an, man fürchte die so zahlreichen Juden. Eines Tages wird man uns verfolgen, ächten und boycottiren, uns, die wir die Juden an Zahl , so sehr übertreffen, die nicht , wie Jene, ohne eigenen Landbesitz, zerstreut sind über das ganze Reich, sondern die wir dicht beisammen auf eigenem Besitz wohnen und im Osten und Süden neben uns Stammesgenossen haben, die mit uns zusainmen einen großen Mittelstadt bilden könnten, während die jüdische Bevölkerung des ganzen deutschen Reichs nur ausreicht, um eine einzige Großstadt zu füllen. . In seiner letzten in Berlin gehaltenen Rede sagte Gras Pückler-Kl.-Tschirne — wenn wir anders dem . Berichte in einer Extra-Ausgabe der „Staatsbürger- Zeitung" trauen dürfen^—u. A.: „Unsere Könige sind viel zu gut,' viel zu vornehm, viel zu edel, um ein solches heilloses Gesindel, wie das Judenthum, zu regieren. Die Juden können ja nach Jerusalem gehen und sich dort einen König wählen ... Unsere ruhmreichen Hohenzollern jedoch, die sind deutsch, sind christlich, sind germanisch, sie sind dem deutschen, dem germanischen Stamm entsprossen; deßhalb haben sie die heilige Verpflichtung, auf Seiten deS . Deutschthums zu fechten u. st w. Was hier von den , Juden gesagt wird, kann ebenso von den Polen gesagt ■_ werden, die zu regieren dem deutschen, dem germanischen, also nicht slavischem Stamme entsprossenen Könige viel zu vornehm sind. Allerdings sind die Polen Christen; aber die Polen sind durchweg katholisch und die polnischen Massen glauben sogar an eine polnische Religion, die.sich von dem Katholicismus geschweige ' denn vom Protestantismus unterscheidet. Die Polen sprechen dafür obendrein ihre polnische Sprache, während die Juden nur deutsch reden. Man wird einreden, Graf Pückler ist nicht ernst zu nehmen, außerdem hat er ja erst jetzt gesprochen, die : polnische Propaganda ist älteren Datums. Gewiß. Aber Graf Pückler hat doch keinen einzigen originellen Gedanken. Das Reue bei ihm ist nur die häufige Aufforderung zum Hauen und die für einen Aristokraten ungewöhnliche rohe Art, öffentlich zu reden. Im klebrigen aber wiederholt er in einem fort sich selbst und das, was andere vor ihm gesagt haben. Bor ihm ist aber von den antisemitischen Demagogen tausendmal gesagt worden, die Juden seien keine Germanen, folglich haben sie kein Recht in Deutschland zu leben und vom deutschen Kaiser regiert zu werden. Es kann daher sehr wohl sein, daß die Polen sich schon vor fünfzehn und zwanzig Jahren sagten: Was heute den Juden geschieht, kann morgen uns geschehen. Heute will man die Juden als Fremde herausekeln, morgen wird man uns herausekeln. Warten wir das nicht ab, sondern verthcidigen wir uns. Da aber überall die beste Deckung der Hieb ist, greifen wir an,' zeigen wir, daß wir so leicht nicht wegzuekeln sind, daß man uns nicht so behandeln darf, wie man die Juden behandelt. Wenn in einem großen. Reiche mit gemischter Be-, völkerung von der Majorität gegen irgend eine der Minoritäten, sei sie eine religiöse, nationale, sprachliche, politische, mit Unrecht zu Felde gezogen wird, fühlen sich alle anderen Minoritäten in Mitleidenschaft gezogen und rüsten sich zur Gegenwehr. Schon aus diesem Grunde war es das denkbar Verkehrteste, den Antisemitismus aufzupäppeln und zu protegiren, bis er sich zu einem so rohen Patron ausgewachsen hatte. Und das Verkehrte wäre noch deutlicher und unangenehmer zu Tage getreten, wenn nicht auch bei allen Minoritäten aus oft auseinandergesetzten und sattsam , be- , kannten Gründen eiwas Antisemitisums immer latent vorhanden wäre. Gerade aber weil namentlich die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.