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Der Israelit · 1902-08-04 · Heft 62 (4.8.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 62 (4.8.1902)
Date
1902-08-04
Page
– (sequence 7)
Language
German
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einen Marsch, dann wendete er sich seiner eben eintretenden Frau zu. „Na, Emma! jetzt hör' mal, vier Tage Halbfeiertage, da muß es doch Neuigkeiten im Dorschen geben!?' Die Angeredete war von großer, stattlicher Figur, ihr Gesicht trug feine Zuge und man sah es ihr an, daß sie in ihrer Jugend schön gewesen sein mußte; ihre braunen, großen Augen konnten manchmal so erstaunt blicken, als wären es unschuldsvolle Kinderaugen, so auch in diesem Augenblicke. „Ja, was soll es denn Neues geben?" „Na, wahrscheinlich eine „Kalle". Du weißt doch, daß man manchmal glauben könnte, dazu sei „Chole-. maued" da, so viel wird „Knaß" gelegt." Frau Emma ließ ein silberhelles Lachen ertönen, wurde aber sogleich wieder ernst und beinahe schüchtern fragte sie, indem sie mit einem Blicke das gegenüberliegende Nachbarhaus streifte: „Du meinst dort drüben?" — Es schien, als ob über ihres Gatten Stirne ein leiser Schatten huschte; er wollte ihr dies verbergen und. fuhr scherzend fort: „Gewiß, wen denn? Lea ist jetzt 24, so alt wie unsere Meta, die jetzt zu Gutem schon ein Jahr unter der Haube ist und das Pantoffel-Szepter schwingt, genau nach den Lehren der Frau Mama. . Oder glaubst Du, Lea will 'ne alte Jungfer werden?, die eine große Brille trägt, einen Sch'wahl Sommer und Winter um die Schultern schlingt, ein Hündchen an der Leine führt und einen Kanarienvogel auf der Achsel sitzen hat, und so aussieht," dabei schnitt er ein Gesicht. „Oder sagen wir ein spätes Mädchen, wenn Dir 'ne alte Jungfer nicht paßt," verbesserte er sich. „Gelt, Moritz," sagte jetzt ernst Emma, indem sie ihm einige Schritte näher trat, „es thut Dir doch leid um unseren Alfred, er hat sie so lieb!" ..Was lieb!" fuhr sie da ihr Gatte barsch au, „Ihr Frauen seht immer mehr als andere," aber schon wieder siegte sein Humor. „Sie ist halt ein bildhübsches Mädel, was Schönes sieht jeder gern; wer weiß, wenn ich sie vor 26 Jahren gesehen, was ich gethan?" Und dabei sah er sein Weibchen, mit dem er in glücklichster Ehe lebte, schelmisch an. Doch diese, einmal an diesem Thema angelangt, war nicht mehr zum Scherzen aufgelegt. Wer sieht wohl schärfer, als ein liebendes Mutterauge. Sie wußte es nur zu gut, daß ihr Aeltester. ihr schmucker Alfred, Prokurist des Bankhauses Isaak Goldstein, in dessen einzige Tochter, die schöne Lea, bis über. die Ohren verliebt war. Dieselbe besaß außer ihren körperlichen Reizen auch alle Vorzüge des Geistes und des Herzens. Schon als Kinder spielten Goldstein's Lea. die gleichaltrige Meta und der etwas wilde Alfred zusammen, sie waren unzertrennliche Gefährten. Mehr als einmal kletterte Alfred, Lea zu liebe, auf manchen Apfelbaum in ihrem Garten, um ihr einen besonderschönen Apfel zu bringen. Wie oft zerrissen dabei seine Kleider und die Ruthe des Mütterchens trat in Aktion.' — Selige Zeiten! —. - / Der aufgeweckte Knabe lernte sehr leicht, er war äußerst fleißig. Nach Absolvirung der Schule kam er zu Bankier Goldstein in die Lehre, wo er sich die Achtung und das Vertrauen seiner Kollegen, sowie seines Prinzipals errang und dadurch zum Prokuristen vorrückte. — . Frau Emma fuhr plötzlich aus ihrem Sinnen auf und sich nochmals zu ihrem Ehegemahl wendend, fing sie an: „Lieber Moritz!" „Was denn, mein lieber Schutz," unterbrach er sie, indem er seinen Arm um ihre nicht mehr ganz schlanke Taille legte. :.y-" ,V-. „Würdest Du" — fuhr sie fort — „könnte man" — zögernd kamen die Worte über ihre so'nst so. beweglichen Lippen— „ich meine" — „Um's Himmels willen! so rede doch frei von der , Leber weg. Was ich würd', was man könnte, was Du meinst?" — Frau Emma begann nochmals. „Würdest Du zu Goldstein's gehen und für unseren Alfred um Lea's Hand anhaltend Wir sind Gott sei Dank in der Lage, ihm auch eine Mitgift zu geben." -\.\-\ Nun war es heraus, sie stockte aber, denn mit einem Ruck fuhr ihr Gatte herum und ließ ihre Taille los: er sah sie ganz verblüfft an. ' ' ,rJa, was glaubst Du denn? So, jetzt wollen wir offen reden. Alfred thut mir leid, ich wollte es Dich nur nicht merken lassen, da Du aber nicht nachgibst, so sollst Du es erfahren. Ich weiß ja auch von früher, daß das Ding da," er deutete mit dem Finger auf die Brust, „das man Herz nennt, recht rebellisch schlagen kann in solchen Fällen. Aber was haben die da drüben an unserm Sohne auszusetzen? Weil ich. sein Vater, ein Bäcker bin? Alfred ist tüchtig und ich wünschte ihn mir nicht anders, als er ist." Er hatte die letzten Worte in mildem Tone und langsam gesprochen. Nun fuhr er aber rascher fort: „Heuzutage bittet man für keinen Sohn. Wenn Alfred ernstlich freien will, so darf er nur so machen," er spreizte die Finger seiner rechten ' Hand auseinander, „und an jedem Finger hängen zwei Mädels. Fünfmal schon genug, gelt Alte?" scherzte er. Auf seine Frau zutretend, erfaßte er ihre Hand, „den Kopf oben, meine liebe Emma, wenn es „Mn Haschomajin" ist, so kommen sie doch noch zusammen." Frau Emma gab sich noch nicht zufrieden; unter Thränen lächelnd sah sie zu ihm auf: „Du, da fällt mir ein, kann man nicht auch „Min Haschomajim" machen?" „Ja, meine Liebe, Vorsehung spielen.' das geht, nicht so leicht. Die Ehen werden im Himmel geschlossen' und wir Menschen sollen die Vollstrecker des göttlichen Willens sein, indem wir unsere Schuldigkeit thim.*

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