Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 62 (4.8.1902)
- Date
- 1902-08-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1320 Schöpfungen. Die Steine schienen zu leben; ihr angeborener Glanz und das Spiel der Farben nahmen einen anderen Ausdruck, eine andere Bedeutung an. Jtzig sah all' dies, verstand es und war glückselig. Mit blitzenden Augen, mit vor Begeisterung säst stillstehendem Herzen rief er Rifta zu sich und sprach: . „Sieh' nur, Rifka! Das ist eine Kunst, das ist schön! Sieh' nur, wie sie leben, diese Steine! Siehst Du?" —; V Rifka sah hin und that, als ob es ihr gefiele, weil -sie Jtzig nicht beleidigen wollte; aber im Grunde gefiel es ihr gar nicht. Jtzig's Arbeiten schienen ihr sonderbar, weil sie den Gegenständen, die sie in den Schaufenstern großer Läden bewunderte, gar nicht ähnlich sahen. , Jtzig legte seine Arbeiten in's Fenster und wartete. Eines Tages besuchte ihn Herr Barmas.. Beim Anblick von Jtzig's Schöpfungen konnte er sich vor Entzücken kaum fassen. „O, das ist wunderbar!" rief er. „Ich verstehe das und sage Ihnen, daß es Kunstwerke sind! Aber das wird nicht „gehen", nein, Herr Schmul, diese Kunstwerke wird Niemand kaufen . . . Rach Derartigem fragt Niemand! . . . Denken Sie an meine Worte!".. Jtzig glaubte nicht und setzte seine Arbeit fort. Es vergingen Wochen, es begannen Monate zu vergehen. Niemand kam in den Laden. Hin und wieder brachte man ihm Reparaturen, — zerbrochene Ohrringe, Steine, die aus ihrer Einfassung hinausgefallen und wieder befestigt werden sollten.. Jtzig kämpfte lange, endlich verlor er den Muth. Das größte Herzeleid verursachte es ihm, als er Rifka weinen sah.. Er selber hätte , länger noch gewartet, den Anblick ihrer Thränen jedoch kannte er nicht ertragen. Mittlerweile war das ganze Geld draufgegangen und die Noth klopfte an die Thüre.- An einem solch' traurigen Tage kam Moselstein und fragte: Meißt Du was, Jtzig? Ich mache Dir einen Vorschlag. Verkauf' mir Deinen Laden, mit allem, was darin ist, und ich gebe Dir tausend Rubel dafür." „Was? Und auch das? Meine Arbeit?" rief Jtzig. ' „Deine Arbeit brauche ich nicht... die ist nichts nütze... Ich brauche nur das Material." Jtzig machte eine verächtliche Bewegung mir der Hand und verkaufte seine Werkstätte an Moselstein für tausend Rubel. Das Geld übergab er seiner Frau. ' „Nimm es, Rifka," sagte er, „und gib es mir nie! Hörst Du, niemals ... denn ich muß wirklich nicht ganz . bei Sinnen sein!" ' Darauf ging er zu Herrn Barmas, um wieder in . dessen .Werkstätte zu arbeiten. «Ich engagire Sie gern, Herr Schmul," sagte Barmas, „denn Sie sind ein vorzüglicher Julvelier. Aber ich wiederhole es: Sie haben einen großen Fehler: Sie sind ein Künstler!" Etwa zwei Monate nach diesen Ereignissen ging Jtzig an seiner einstigen Werkstatte vorüber. Auf dem Schilde sah er neben seinem Namen denjenigen Moselstein's. Dies ließ ihn gleichgiltig. Als er jedoch, in's Fenster blickend, eine Menge Nadeln und Ringe mit plump aufgesetzten Juwelen sah und sich vergegenwärtigte, wie Moselstein dieselben den Gegenständen entnommen, die er mit solcher Liebe verfertigt, da empfand er im Herzen einen so schrecklichen Schmerz, als habe Moselstein diese Steine nicht aus dem todten Metall, sondern aus der tiefsten Tiefe seines lebenden Herzens gebrochen. NneZel" ,llch Mttllifftv. Humoreske von DärUeitt. Es ist ein hohes Gemach, in das ich meine lieben Leser und Leserinnen führen will, aber kein Prunkgemach, sondern ein gut bürgerlich eingerichtetes Wohnzimmer, dessen Raum uns so heimisch und traulich anmuthet, weil man auf den ersten Augenblick die ordnende und pünktliche Hand einer tüchtigen Hausfrau bemerkte. Von der hohen Decke hangt eine meffing'ne sog. „Schabbeslampe", die glänzte wie eitel, Gold. Hinter dem runden Tisch steht ein mit schwarzem Leder überzogenes Sofa, vier Stühle stehen um denselben. An der einen Wand steht ein Schreibtisch. Vor dem Spiegel ein Blumentischchen, gefüllt mit duftenden Reseden und blühenden Geranien. An den beiden Fenster-. Nischen sind Erhöhungen angebracht, so daß sich ein lauschiges Plätzchen bildet, weil auf jeder ein Stuhl steht. Blendendweiße lange Vorhänge geben dem Ganzen ein überaus freundliches Gepräge, über Allem lag ein stiller Zauber, jenes geheimnißvolle. unsichtbare Band „des Sabbatfriedens," Man feierte den zweiten Tag Sukoth, der auf einen-Sabbat fiel. In einer der erwähnten Fensternischen faß der Hausherr, der wegen seines guten Humors überall beliebte Bäckermeister Moritz Stern aus Grünsfeld. Er war trotz seiner 56 Jahre noch ein schöner Mann zu nennen, obschon Bart und Haupthaar ein leises, silbernes Ahnen durchzog. Stern hatte ein überaus gutmütiges Gesicht und gehörte zu jenen glücklichen Naturen, die sich stets bemühen, dem alltäglichen Leben die heiterste Seite abzugewinnen. Derselbe hielt ein Zeitungsblatt in der Hand und las. Plötzlich hielt er inne, trommelte mit den Fingern auf die Fensterscheiben 0