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Der Israelit · 1902-07-31 · Heft 61 (31.7.1902) · page 27

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 61 (31.7.1902)
Date
1902-07-31
Page
– (sequence 27)
Language
German
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1313 ganz und gar unser Fühlen und Denken beherrscht, uns gleichsam zur zweiten Natur geworden. Und will man auch aus heiliger Scheu und Ehrfurcht, oder weil logisch nicht ganz zutreffend von ihr als einer „tobten Sprache" nicht sprechen, eine Fremdsprache muß man sie folgerichtig heißen, nachdem sie einmal unsere Muttersprache nicht ist. Darin liegt aber das Entscheidende für den Betrieb der Grammatik in unseren Religionsschulen. Es gibt immerhin noch zahlreiche Kollegen, welche die aus .dieser Erwägung resultirenden Konsequenzen außer Acht lassen, denen die liebgewordene hebräische Grammatik auch zu einem intensiveren Grammatik unterricht den Ansporn gibt. Ich selbst gestehe meine große Vorliebe für die Fremdsprachen überhaupt und für das „Dikduk" insbesondere. Wenn ich trotzdem für die Volksschule bezw. für die Religionsschüler im - -Volksschulalter zu einem negativen Schlüsse gelange, so zwingt mich eben die Erfahrung dazu, die Thatsache, es in der Volksschule eben mit V o l k s schillern zu thun zu haben, die einer Fremd spräche gegenüberstehen. Man denke doch an die Kämpfe der deutschen Grammatik in deutscher Sprache, vielmehr im deutschen Sprachunterricht. Wigqe und Martin treffen den Nagel auf den Kopf, wenn sie meinen: „Vor dem vierzehnten Lebensjahr und vielleicht noch darüber hinaus fehlt dem Kinde jede Apperzeptionsfähigkeit für grammatische Kenntnisse; darum haben viele Erwachsene, obwohl sie Jahre lang in deutscher Grammatik unterrichtet worden sind, keine Ahnung mehr von Stamm- und Wurzelwörtern, von Grund- und Mittelform, von Subjekt und adverbialer Bestimmung, von Personen- und Sachobjekt, von Satzverbindung und Satzgefüge, von Subjektiv- und Objektivsätzen und all' den gelehrten Sachen, die sie einmal sinnlos zu lernen gezwungen wurden, und man bilde sich nur nicht ein, daß, wenn auch alle positiven Kenntnisse vergessen würden, doch der Geist geschärft, das Kind im Urtheilen und Schließen geübt sei. Das ist nichts weniger, als eine geistige Hebung, wenn mit Begriffen operiert wird, die der Seele völlig fremd sind, und fremd sind selbst zehn- bis zwölfjährigen Kindern nicht selten Begriffe wie Gegenstand, Eigenschaft, Tätigkeit, Gegenwart, Vergangenheit, Ergänzung, Umstand, geschweige denn Begriffe wie Hauptsatz, Nebensatz, Satzverbindung, indem, trotzdem, mithin, obgleich, bevor und unzählige andere, mit welchen man in der Schule um sich wirft, als wären sie schon mit der Muttermilch eingesogen." Trefflich und wahr! Und ich will sofort hinzufügen: Kein Kind unserer Religionsschule weiß, was "Q-I BBf, “I?y TOV# ">«, vys, tJ'iy», dyy) oder auch "lipa bedeutet, wenn es nicht aus seiner Muttersprache die Begriffe Hauptwort, Zeitwort. Vergangenheit, Zukunft, Befehlsform, Mittelwort der Gegenwart, der Vergangenheit, Leideform und Grund¬ oder Nennform kennt. Wo denn anders als in seiner Mutter spräche kann es diese Begriffe gewinnen? Erst wenn diese in der Muttersprache festgelegt wurden, kann ich ein fremdes Reis draufpfropfen. Wer anders glaubt, der baut auf Sand, der schwebt mit seiner Theorie vollständig in der Luft. Wer anders glaubt, der wird keine Antwort auf die Frage wissen: Warum lernen die Volksschüler nicht auch zugleich die französische Sprache? Warum dozirt man ihnen nicht das Englische? Oder ist den jüdischen Kindern Neigung und Fähigkeit, auf grammatischem Wege hebräisch zu erlernen, angeboren, als Naturgabe verliehen worden? Uns deutschen Juden ist die jüdische Sprache von Natur aus so fremd wie den Nichtjuden, sie ist uns so fremd wie jede andere Fremdsprache. Es ist darum ein Unding, wenn Jemand glauben möchte, man könne dem Kinde die 2 v nen, die n'v tu, die *6 Ti/ die rvb vu oder auch nur alle Formen der dt&b» beibringen, d h. so lehren, daß sie nutzbringend werden als Mittel zum Zweck. Denken wir nur an die ^.2-Form! Sie müßte — der Anwendung halber als Mittelwort, Haupt- und Zeitwort zugleich sich einprägen, etwa „der „stützt" die Fallenden," der „stützend" (ist) für die Fallenden, „der ein „Stützender" der Fallenden ist." Man kann die drei Formen, die sich auseinander ergeben, gar nicht trennen und etwa vorgeben, sich die verbale Bedeutung und Anwendung genügen zu lassen. Schon das gleich im angeführten Beispiele stehende widerstreitet solcher Annahme. Deutlicher noch spricht dafür das Wort gh in seiner zweimaligen Anwendung in der bekannten B'rocho Jeder wird dort dem Satzbau und natürlichen Sprachgefühl'entsprechend jenes Wort einmal mit „Arzt", das andere Mal als Zeitwort „der heilt," also als Gegenwart wiedergeben. Sollen hier innere Gründe und innerer Zusammenhang dem Kinde bewußt bleiben, so müßte eben sein d e u t s ch es Sprachgefühl und Sprachbewußtsein soweit entwickelt sein, um „heilend", heilen oder „heilt" (Präs.) und „Heilender" mit einander zu verschmelzen, oder. „hütend," „hütet" und „Hüter" in dem Worte "iDitf. Das ist aber durchaus nicht der Fall. Kein Kind verfügt über ein solches Sprachenverständniß. Wie sollte es nun gar für grammat. Erlernung unregelmäßiger Verben reif sein? Hören wir doch, wie Rein in den „Schuljahren" selbst über die d e u t s ch e Grammatik, über die Grammatik in der deutschen Mutter spräche urtheilt:. „Grammatisches Wissen kann niemals praktischer Zweck sprachlicher Uebungen sein,-sondern nur das K ö n n e n. Dem Umfange dieses Zieles sind jedoch die Grenzen durch den allgemeinen Entwickelungsgrad der Kinder

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