Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-07-31 · Heft 61 (31.7.1902) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 61 (31.7.1902)
Date
1902-07-31
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449851--56384-2519052
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Verirrungen der Urahnen unserer Ahnen, sondern der Gedanle an unsere eigenen Verirrungen, zu denen diese Tage uns laden. Aber eben deßhalb sind schief und hinfällig auch alle Vergleiche mit den anderen Kulturvölkern hinsichtlich ihres Verhaltens zu den Mangelhaftigkeiten ihrer Vergangenheit und zu den Thorheiten und Sünden der Jugend ihres Volksdaseins. Denn so beschämend die Erkenntniß auch sein mag, eben hier klafft' der gewaltige Gegensatz zwischen ihnen und uns. Ueberall, in der Geschichte aller Kulturvölker begegnen wir einem erfreulichen Fortschritte, einer trotz allem und allem fortschreitenden Erhebung. An der Hand des Buches, welches das jüdische Volk ihnen gebracht, an der Hand der Wahrheiten, die aus diesem Buche Gemeingut und Grundlage der Civilisation aller Kulturvölker geworden, haben sie sich herausgearbeitet aus dem Zustande der Rohheit, aus der heidnisch polyteistischen Versunkenheit. Auch der Materialist und Gottesleugner wurzelt' mit den auch ihm hochstehenden Idealen der Humanität, der Gleichberechtigung aller Menschen, mit seiner Verurtheilung aller ihm als Atavismus erscheinenden Gemeinheit und Verthierung in dem Boden der von ihm verkannten und mit den Lippen verleugneten jüdischen Wahrheit. Ueberall ist im Völkerleben im Laufe der Jahrtausende — nach Jahrtausenden zählen ja nur wir — ein Fortschritt, und sagen wir, trotz aller vorübergehenden Trübungen, ein mächtiger Fortschritt unverkennbar. Sie alle sind der von dem Gottesworte, dessen Träger das jüdische Volk ist, gelehrten Wahrheit und Gesittung näher gekommen. Wenn sie zurückschauen auf Kulturzustände ihrer Vergangenheit und die Summe des Vergleiches ziehen zwischen dem Einst und dem Jetzt, so ist es nur das Frohgefühl tiefgreifender errungener Siege und entschiedenen Fortschreitens, das ihre Brust voll stolzen Selbstgefühls schwellt. Sie dürfen auf so viele Schwächen und Gebrechen, als auf überwundene Jugendsünden schauen. Wie aber steht es in dieser Beziehung mit uns, den Trägern eben des Gotteswortes, das die Grundlage aller Menschengestttung bildet, wie steht es mit den jüdischen Kreisen der Gegenwart? Freilich, in allen Beziehungen allgemein menschlicher Pflichttreue, in der Hockhaltung der bürgerlichen Moral, in Gesittung, in der Uebung der warmherzigen Menschenliebe, wie in strenger Redlichkeit, in der gewissenhaften Pflichterfüllung gegen Staat und Vaterland, in der selbstlosen Hingebung an die Förderung der Gesammtheitszwecke . und des Gesammtheiisheils können wir — wir sind glücklich, dies laut vor Gott und Menschen aussprechen zu dürfen — frei und kühn das Haupt erheben, können die Nachkommen Abrahams und Saras sich stolz neben ihre nichijüdischen Mitbrüder stellen, stehen sie hinter keinem Kreise ihrer nichijüdischen Mitbürger zurück. Allein wie steht es mit den höheren und besonderen Anforderungen, die unser Beruf als Menfchheitspriester, als Träger des Gotteswortes und Gottesgesehes, an uns stellt? Wie steht es mit der Erfüllung aller jener spezifisch jüdischen Gesetze, deren Erfüllung eine noch viel höhere Gewissenhaftigkeit, eine noch viel strengere Selbstbeherrschung, eine noch viel unablässigere Wachsamkeit, eine noch viel unbeschranktere Emanzipation von den Götzen der Selbstsucht und der Genußsucht, eine noch viel ausgeprägtere Identität der Gesinnung und des Strebens erfordert, um jenes Ideal vollendeten reinen Menschthums ausgestaltend hinauszuleben, welches unser jüdischer Menschheits-Priesterberuf uns als Ziel steckt? Hat das alte Prophetenwort keine Anwendung mehr auf uns, das im Hinblick auf die jubelnd ihres Lebens sich freuenden Völker zu uns sprach: „Du, Israel, hast dich nicht zu freuen bis zum Jauchzen, gleich den andern Völkern, denn d u bist von deinem Gotte abgesallen, du erblickst in allen irdischen Gütern nur Errungenschaften des Abfallsl* (Hosea 9, 1) keine Anwendung mehr das Pröphetenwort, das diesen Sabbath wieder uns entgegentönt: „ — von der innigen Nähe bei Mir entfernten sie sich, gingen dafür dem Nichtigen nach und wurden selbst nichtig—"? keine Anwendung mehr im Hinblick auf alle die Priester des Abfalles, der geistlichen Führer der Neologie, der fanatischen Vorstände der Reform, das Wort desselben Propheten: „die Priester sprachen nicht: wo ist denn Gott, (die allein die Gottesnähe bedingende Gesetzestreue ist ihnen im strengsten Sinne des Wortes eine quantitö n£gligeable geworden), die die Thora zu handhaben hätten, haben keine Ahnung von mir, und die Führer üben Verrath an mir —"?? Und hat schon in allen Kreisen, die noch nicht gebrochen haben mit der Thora unseres Gottes, die Pflichtübung ganz und überall anfgehört, eine nur äußerliche, die Erfüllung göttlicher Gebote überall und ganz aufgehört ein, wie der Prophet es nennt, angelerntes und gedankenlos geübtes Menschengebot zu sein? geht schon von jeder Sabbat- und Festesfeier eine solche Weihe des Lebens der Woche, von jedem Betreten des Gotteshauses eine solche Weihe des eigenen Hauses, von jedem heißen Gebete vor Gott eine solche Weihe unserer Tage aus, daß Jefaias' Worte (1, 12 ff.) keine Anwendung mehr fänden und Gott seine Freude hat an unserer Sabbat- und Festtagsfeier und unserem Tempelbesuch und sich gnadenvoll unseren Gebeten zuwendet, so daß durch unseren Lebensernst und unsere Lebensweihe, durch die Innigkeit und Freudigkeit unserer Pflichterfüllung die Keime der Frömmigkeit und aufrichtiger Gottesfurcht in den Herzen und Gemüthern unserer Kinder geweckt und gezeitigt werden?? -—- Diese Fragen höchster Aktualität, unmittelbarster Bedeutung für unsere und unserer Kinder eigenste Gegenwart und Zukunft möchten die Tage dieser Wochen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.