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Der Israelit · 1902-07-31 · Heft 61 (31.7.1902) · page 1

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 61 (31.7.1902)
Date
1902-07-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
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43. Jahrgang. M 61 Gentrat-Hrgan für das orthodoxe Zudenthum. > . Begründet von. - .y1'''.-:''' . Dr ^ehrnttnn in Wr«tnr» Donnerstag, den 31. Jnli 56SL (1WL). Zu den drei Wochen. Von Director Dk. Mendel Hirsch Der 17. Tamus liegt hinter uns und wieder, sind mit ihm die „drei Wochen" eingezogen in den jüdischen Kreis.' In der Zeit des üppig blühenden. Lebens der Natur, jener Zeit, in .der.es Alle hinaustreibt in Waldesgrün und Waldesdunkel, auf sonnige Höhen und in schattige Thäler, um in inniger Berührung mit der stets jungen Natur die. eigene Natur zu verjüngen, abzuschütteln den Staub der gewohnten Jahresarbeit 'und den Nerven neue Frische und den Muskeln neue Spannkraft und Herz, Geist Und. Gemüth neue Empfänglichkeit zu gewinnen,, um so mit vollen Zügen an den Brüsten der allliebenden Mutter Natur Gesundung zu trinken, in diesen Tagen, wo wir Alle gern des Augenblickes froh werden und den Gedanken an alles Unangenehme, an Sorge und Mühsal abschütteln möchten, — da zieht alljährlich mit diesen drei Wochen in die jüdischen Herzen der Gedanke an untergegangene Herrlichkeit und versunkene Größe, zieht das Gefühl der Trauer und die Stimmung des Ernstes ein. Und wenn du den Außenstehenden fragst, und ach, wie viele Juden gehören zu den „Außenstehenden": warum fasten die gesetzestreuen Juden am 17. Thamus, was ist es, das diesen drei Wochen den Charakter des Ernstes und der Trauer aufdrückt?, so lautet die Antwort: „Sie fasten und trauern wegen der vor Jahrtausenden erfolgten Zerstörung Jerusalems." Ist es wirklich der Gedanke an untergegangene Herrlichkeit, an versunkene Größe, an geschwundene staatliche Selbstständigkeit, die uns zum Fasten und Trauern laden? Sind es wirklich Thatsachen und Verhältnisse, die einer alten, grauen Vergangenheit angehören, da Alldeutschland noch von Urwald bedeckt war und die deutschen Eichen noch Zeugen waren der den germanischen Göttern dargebrachten . *) Aus dem Nachlaß uns »ütigst zur Verfügung gestellt.. Sied. Menschenopfern, und verwundert zuschauten, wenn der ' biedere Germane, um - den spärlichen Waldlichtungen die zum Nationalgetränk nöthige Frucht abzulocken, seine liebe Frau vor den Pflug spannte, ihr mit sanftem Geißelhieb minniglich die Arbeit erleichterte, und sich nachher auf der Bärenhaut erholtes Alle anderen Kulturvölker lassen Vergangenheit vergangen und die Schwächen und Mängel ihrer Jugendzeit begraben sein, und nur Israel, d. h. die Söhne des gefctzestreuen Judenthums, schwelgen in einer tausendjährigen Vergangenheit, suchen immer wieder aufzureißen Wunden, .die schonvor.,Jahrtaufenden -sich geschlossen, bersenken sich immer auf's Neue mit Wollust in Trauer um Verluste, die schon seit Jahrtausenden aufgehört haben, Aktualität zu besitzen. So und ähnlich tönt es uns entgegen, ansgesprochen von den Einen, unausgesprochen von den Andern.. Wir erlauben uns. ihnen darauf zu erwiedern: Gemach, Ihr gestrengen Herren Kritiker! So viel Sätze, so viel unrichtige Behauptungen. Wir fasten nicht wegen der Zerstörung Jerusalems, nicht wegen des Unterganges des jüdischen Staates. Wenn wir die Gedenktage unserer großen nationalen Katastrophen fastend begehen, so ist es, um uns an die Ursachen zu erinnern, die diesen Untergang und jene Zerstörung herbeigeführt haben, um uns zur Einkehr bei uns selbst und zur Selbstprnfung zu. laden, ob denn aus unserem Leben und dem Leben unserer jüdischen zeitgenössischen Brüder und Schwestern diese Ursachen geschwunden sind, die einst die Katastrophen nothwendig machten; so ist es, um uns mit eindringlichstem Ernste die Frage vorzulegen, ob. wenn Jerusalem wieder erstanden, der Tempel wieder erbaut und unsere staatliche Selbstständigkeit uns wiedergeschenkt wäre, unser und unserer Brüder Leben ihre Erhaltung möglich und nicht vielmehr ihren Untergang wieder zur unabweiSlichen. Nothwendigkeit machen wurde. Es ist also nicht der Blick auf eine weit hinter uns liegende Vergangenheit, sondern der Blick in unsere eigenste Gegenwart, nicht der Gedanse an die

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