Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1902)
- Date
- 1902-07-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Iicfjen Lebens Angebracht hatte. Ja, er konnte lachen! Aber Jtzig — als man die Badewanne hinaustrug, war ihm zu Muthe, als habe man ihn seines einzigen und ganzen Besitzes beraubt. Und dem war auch so. Mit dieser Badewanne verlor er seine ganze Kindheit, die er, auf dem Boden sitzend, dort verbracht hatte. Und nie war er traurig gewesen, nie. Sein Kops war immer voll von Bildern, die so schön waren, daß weder er selber, noch sonst Jemand im Traume so Schönes sehen kann. Er sitzt auf dem Boden der Badewanne, in der Werkstätte laufen die- Kinder umher und lärmen, Vater und Brüder klopfen mit kleinen Hämmerchen, im Nebenzimmer brodelt das Esten auf dem Heerd und ihm scheint, dasi er sich auf dem. Meere, in einem tiefen Nachen befindet. Das Meer rauscht und schäumt, hoch, hoch empor schleudern ihn die Wellen, und in der Jerne siebt er grüne Ufer, dichte Wälder: über starre Felsen rieseln krystallklare Quellen. Vöael singen im strahlen- - den Sonnenlicht, buntfarbige Schmetterlinge gaukeln von Blume zu Blume. Wo er nur von all' diesen Wundern gehört hat? Wo — er weih es nicht. Ihm scheint, der alte Ehaim. sein Großonkel. habe solche Wunder erzählt, wenn er manchmal auf ein Stündchen zu seinen Eltern kam. Dann pflegte er Jtzig in feine Arme zu nehmen und ihn .bis zur Decke empor zu werfen. Ja, ia. der alte Chain; bat das erzählt. Er lvar nämlich Pförtner in der Svnaqoge und hatte nichts zu thun, als Freitag und Samstag an der Eingnngsthür zu sitzen. Aus Langeweile dachte er sich nun solche Geschichten aus. und wenn er zu Schmuls kam. erzählte er sie den Kindern. Natürlich hatte er keine Abnnna davon, welch' glühende warben die Bilder seiner Phantasie annabmen. wenn sie zugleich mit Jtzig's beistem Kopf aus den Boden der Badewanne fielen. Hätte er das aewusit. er N'ürde es vermieden haben, dem Knaben Dinge;u erzählen, die ihn in solche Aufregung versetzten. Und ietzt, da alle lachten, wurde Jtzig nachdenklich und liest traurig den Kopf hängen. Aber die Hauptsache war. dast von nun an. da die Badewanne verlaust, es nicht leicht wurde. Jtzia nicht zu bemerken. Er batte keinen Ort. wo er sich hätte verbergen können; überall war er im Wege, und sein Anblick erinnerte Jostel und die ganze Familie immer von Neuem, dast er die Idee persönlichen Nutzens noch nicht begriffen batte. So durste das nicht fortgehen. Jostel wurde besorgt. -Höre. Jtzig, bist Du dumm?" fragte er eines Tages. Verneinend schüttelte Jtzia das Haupt, was an- . deuten sollte, dast er gar nicht dumm sei. „Nun gut. Du sagst, dast Du nicht dumm bist/ fuhr Jostel, dessen Herz voller Angst war. zu sprechen fort. „Aber willst Du denn nicht essen? Ich nehme an, Du hast ietzt Vater und Mutter, und die geben Dir zu essen. Wir geben Dir zu essen. Aber stell'Dir vor. daß Deine Eltern sterben. Was wirst Du essen, wenn Du nicht gelernt hast, zu arbeiten? Wer nicht arbeiten kann, der ißt auch nicht. Weißt Du das denn nicht, Jtzig?" - ' ' ■ Jtzig's Antwort bestand in einem Lächeln. Nur Gott weist, warum er lächelte. Kann sein, er batte doch Menschen gesehen, die aßen, trotzdem sie keine Arbeit verstanden. Gott weiß, warum Jtzig lächelte. Doch blieb diese Unterredung ohne weitere Folgen.: Da es nun aber Joßel sehr leid war uni seinen Sobn, entschloß er sich, zu anderen Maßregeln - zu greifen. , - „Höre Jtzig. setz' Dich," sagte er eines Tages in strengem Tone; ..setz' Dich und arbeite!" Jtzia setzte sich ohne den geringsten Widerspruch. Ein Stückchen Kupfer, mit dem er nicht wußte, was er beginnen sollte, wurde ihm in die Hand gedrückt. So saß er eine Woche, die zweite, einen Monat, den zweiten und den dritten, ahne auch nur um ein Jota vorwärts zu kommen. — > Jostel lehrte ihn, die Brüder unterwiesen ihn, eS half nichts. Er störte, was sie sprachen, dachte aber an ganz Anderes. Die Wahrheit gestanden, dachte er an gar nichts, sondern fühlte nur, daß all'.dieses, d. h. alles, was sein Vater und seine Brüder thaten. in.gar keiner Beziehung zu ihm stand, daß er Anderes brauche. , . v* ..Nein." sagte Jostel. „aus dem Jtzig wir nie was Rechtes werden. Was soll ich mit ihm thun? WaS soll ich mit Dir thun. Jtzig?" ' Der Knabe liest die Frage unbeantwortet. Wußte er doch selber nicht, was man mit ibm thun solle. Er wurde von der ..Kupferschmied- und Klempnerarbeit" abgesetzt und die ganze Familie begann darüber nachzudenken. was man mit ihm thun solle. Was sollte man mit Jtzia thun? Am meisten beschäftigte die Frage Jostel Schmul. Die übriaen Mitglieder, die beiderseitigen Onkels, Tanten n. s. w. thaten nur. als ob sie darüber Nachdenken würden, und auch dies nur. um Jostel nicht zu beleidigen. Maren sie doch seit langem schon überzeugt, dast Jtzig ganz einfach ein Dummkopf war. Natürlich hätte sich Niemand dazu entschlossen, dies Jostel zu sagen. Gott behüte! Auch konnten sie gar nicht begreifen. wieso Jostel, ein so vernünftiger Mensch und vorzüglicher Handwerker, einen dummen Sohn haben könne? Umfomebr. als es bisnun in der Schmulschen Familie noch niemals einen.Dummkovf . oder ein Taugenichts gegeben hatte. Dann iedoch. daß Jtzig dumm sei und ganz bestimmt ein Tauaennichts werden würde, waren — mit Ausnahme Jostel's — alle einig. . Auch Jostel kam manchmal dn Gedanke: „Ist es . möglich, daß Jtzig dumm sein soll?" Dann versenkte