Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1902)
- Date
- 1902-07-28
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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UN276 m Schmul, wenn er glaubte, daß er auch den Zink allein fabrizire. Er wies dann gewöhnlich auf die einzige in seinem Geschäft befindliche Badewanne, deren Facon jedoch eine so ungewöhnliche, daß sie eher einem kleinen Schlitten glich; nachdem nun diese Wanne aus Zinkplatten verfertigt worden war, fand Joßel es vollkommen berechtigt, die Aufschrift auf seinem Schilde mit dem Titel: „Zinkfabrikant" zu vervollständigen. Aus dem, was bis nun berichtet, ist ersichtlich, daß in Schmul's Familie bisnun Niemand sich mit Juwelirarbeiten beschäftigt hatte, und weckt daher die Frage, wieso und auf welche Weise Jtzig Schmul ein Juwelier geworden, ein ganz besonderes Interesse. Die Ursache hiervon war folgende: Joßel hatte eine zahlreiche Familie. Es wäre schon gut, wenn er selber und seine Frau Sarah die Zahl ihrer Nachkommen genau gekannt hätten, aber manchmal konnte man auch daran zweifeln. In der Werkstätte, in der, nach Joßel's Ansicht, „Zink fabrizirt" wurde, und in den zwei anstoßenden Kammern wimmelte es von kleinen Geschöpfen, die nur sehr wenig an menschliche Wesen erinnerten. Sie unterschieden sich von einander nur durch die Größe, sonst waren sie sich alle ähnlich; alle kletterten um.Sarah und Joßel herum, und alle trugen lange, schmutzige Hemden. Unaufhörlich waren sie in Bewegung, lärmten und trieben es so, daß es schien, als ob die Werkstätte mitsammt den verwunderten Samovaren, den beschädigten Kasserolen und den vollkommen gesunden Theekannen ebenfalls in Bewegung gerathen und lärmen müßte. Joßel saß auf einem wackeligen Schemel und arbeitete eifrig, ohne dem, was um ihn vorging, die geringste Aufmerksamkeit zu schenken. Sarah kochte das Mittagsmal, stopfte die Wäsche, und vertheikle einzelne Bissen unter die jeden Augenblick danach verlangenden Kinder. Manchmal besann sich Joßel, machte ein strenges Gesicht und schrie auch alle Kinder zugleich an. Doch blieb dies ganz ohne Einfluß auf den gewöhnlichen Lauf der Dinge, und Joßel that dies auch nur in der Ueberzeugung, daß ein Vater streng sein müsse. Nur am Freitag Abend war es möglich. die ganze Nachkommenschaft von Joßel und Sarah zu berechnen. Am Freitag nämlich wurde die Werkstätte vor Sonnenuntergang geschlossen, alles in ihr gescheuert und in Ordnung gebracht, die Kinder bekamen reine Hemden, und sobald es dunkelte, wurden viele, viele Kerzen angezündet. Joßel las mit lauter Stink me die Gebete und die Familie saß still und hörte zu. Das. war unerläßlich. denn darauf folgte eine schmackhafte, srisckigekochte Malzeit: Hechte, mit viel Zwiebel und Pfeffer zubereilet, und süßer, mit wohlriechenden! Anis reichlich gefüllter Kuchen. War der älteste der Nachfolger ein Junge und sechs Jahre alt geworden, so begann er, wie dies von jeher in der Familie angenommen, an der Arbeit des Vaters sich zu betheiligen. Seine Thätigkeit bestand vorerst im „Verderben des Stoffes"; dann jedoch wurde seine Hilfe immer werthvoller, bis er schließlich ein fertiger „Kupferschmied, Klempner und Zinkfabrikant" wurde, der an Geschicklichkeit und geschmackvoller Ausführung der Arbeit seinem Vater Joßel nicht nachstand. War jedoch das älteste Kind ein Mädchen, so war dasselbe unzertrennlich von Sarah, und lief so lange unausgesetzt hinter der Mutier her, bis es sich dessen zu schämen begann. Jtzig war das dritte Kind; als die Reihe an ihn kam, setzte er sich zu Joßel's großem Erstaunen nicht neben ihn und begann auch nicht den Stoff zu verderben. Anfänglich schenkte man diesem Unistand keine Aufmerksamkeit. Man dachte, er verstände die Idee persönlichen Nutzens noch nicht, mit der Zeit jedoch würde er dieselbe schon begreifen. Indessen verging ein Jahr und noch eins. Schlomo, der jüngere Bruder Jtzig's, hatte sich schon neben den'Vater gesetzt. So kam denn unser Held gar nicht mehr an die Reihe, und doch hatte er noch immer nicht begriffen, was persönlicher Nutzen sei. Seine liebste Beschäftigung war, sich in die einem Schlitten gleichende Zinkwanne zu setzen und dort, den Rücken an die eine Wand gelehnt, die Füße bis zur anderen auszustrecken. Dort verharrte er, in Gedanken, die Niemand errathen konnte, versunken, vom Morgen bis zum Abeyd. Er verließ seinen Lieblingswinkel nur, wenn er zum Essen gerufen wurde. Manchmal jedoch geschah es, daß man ihn zu rufen vergaß, dann schlief er, ohne in seiner philosophischen Lebensweise gestört zu werden, in der Wanne bis zum nächsten Morgen. Trotzdem es nun Jtzig an Zeit zum Nachdenken nicht mangelte, hatte er die Idee persönlichen Nutzens noch immer nicht begriffen. Mittlerweile fand ein Ereigniß statt, das bei Joßel und allen, die Idee persönlichen Nutzens begreifenden Mitgliedern seiner Familie große Zufriedenheit hervorrief und das gleichzeitig auf Jtzig's Schicksal einen tiefen Eindruck machen sollte. In der Werkstätte erschien ein wohlbeleibter Herr und kaufte die einem Schlitten gleichende Badewanne. Er zahlte für dieselbe zwölf Rubel und es ist daher verständlich, daß Joßel den ganzen Tag über gut gelaunt war, daß er lächelte und scherzte. Die Wahrheit gestanden, hatte er die Hoffnung, diesen sonderbaren Gegenstand zu verkaufen, seit Langem schon ausgegeben. und Niemand wunderte sich mehr über den Herrn, in dessen Besitz die Badewanne überging, als Joßel selber. „Hm!" sagte er lächelnd, als das Ungethüm aus der Werkstätte hinausgetragen wurde, „was wird jetzt unser armer Jtzig machen?" Alle lachten. Alle, mit Ausnahme Jtzig's. Joßel scherzte; er konnte scherzen. Besaß er doch einen wackeligen Schemel, auf dem er die Hälfte seines so glück-