Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 60 (28.7.1902)
- Date
- 1902-07-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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etc. .öffne deine Hand und gib es den Armen/; auch - seine früh verstorbene Frau war sehr wohlthätig, denn es ging nie ein Armer leer aus ihrem Hause. Die Söhne des Verschiedenen stifteten zum Andenken ihrer so geliebten Eltern einen Betrag, für ein Kadisch, das alljährlich hier gesprochen werden soll. Möge der Allgütige den Hinterbliebenen Trost spenden und die Seele des Heimgegangenen aufnehmen in den Bund der Lebendigen zum ewigen Leben. Doruheim, 23. Juli. Gestern Nachmittag wurde Frau Regine Sommerfeld geb. Wieseneck, Ehefrau des Dornheimer Bürgers Herrn Wolf Sommerfeld, zur letzten Ruhe geleitet. Dieselbe hat ein gottbegnadetes Alter von über 80 Jahren erreicht; ihr Gatte, welcher schon das. Alter von 90 Jahren überschritten, blickte auf eine ungetrübte, glückliche, wenn - auch kinderlose 62jähr. Ehe mit ihr zurück u. er verliert in der Heimgegangenen ein Stuck seines eigenen Selbst, so sehr waren beide in Harmonie und Liebe verbunden. Doch auch ihren Mitmenschen, insbesondere ihren Glaubensgenossen in Dornheim, hat sie ihr mittheilsames und teilnehmendes Gemüth zugewandt; jede hiesige Familie hat in der langen, langen Reihe von Jahren an ihr eine treue Freundin in Freud und Leid besessen, die bis in's hohe Alter weder Zeit noch Mühe gescheut, sich nützlich zu machen; bei Unglück und Roth war ihr sogar keine Stunde der Nacht zu spät, Hilfe Und Trost, sowohl in pietätvoller, wie auch in pekuniärer Hinsicht zu leisten und sich so das Prädikat einer 'i"n wrr. zu erwerben. Oe st e r r e i ch. Wien, 25. Juli. (Die Bürg des Königs Salomo.) Der Professor an d«r evangelischen Fakultät in Wien, Herr Dr. Sellin, ist gegenwärtig auf einer wissenschaftlichen Forschungsreise durch Palästina begriffen, die er mit Unterstützung der Akademie der Wissenschaften unternommen hat. Von Dr. Sellin ist nun letzter Tage ein Bericht eingelaufen, der ausführliche Angaben über die Funde und Entdeckungen des Gelehrten enthält. Der Forscher, so theilt das „Neue Wiener Tagblatt" mit, ist bei einer der von ihm vorgenommenen Grabungen auf die Burgmauern eines salomonischen Schlosses gestoßen; auch das Festungsthor desselben wurde gesunden. Außer diesem historisch bedeutsamen Funde gelang auch bei der Freilegung einer Vegräbnißstätte israelitischer Kinder die Entdeckung eines aus dem Naturfelsen herausgearbeiteten Altars.(?) Die Festungsmauern in Taanak, die Dr. Sellin gleich am Beginne seiner Expedition fand, wurden thatsächlich als die Umfangsmauern der alten kanonitischen Stadt festgestellt. Seinen größten Erfolg errang der Gelehrte, wie erwähnt, in der Auffindung des salomonischen Schlosses. In Anbetracht der Wichtigkeit dieses Fundes ließ Dr. Sellin einen sehr genauen Plan anfertigen, weil hier zum ersten Male ein Muster der so oft in der Bibel erwähnten, von den isr. Königen .aufgeführten Burgen gegeben ist. Ferner wurden zwei Schächte aufzegraben, die eine solche Fülle an Material boten, daß es möglich ist, mit aller wnnschenswerthen Deutlichkeit ein umfassendes Bild von der Kultur der vorisraelitischen Bewohner des Landes zu entwerfen. - Fr an freich. Paris, 24. Juli. Eine jüdische Familie hat sich lange Jahre in Moskau aufgehalten, bis der berüchtigte Ausweisungserlaß unseligen Andenkens sie brodlos gemacht hat. Dem Beispiele ihres Volkes getreu, verschmäht es diese Familie, ihre Ideale und ihre Vergangenheit zu verleugnen, greift zum Wanderstab und kommt in die große Mllionenstadt, die sich an den Ufern der Seine befindet und deren Mauern so viele jüdische Thränen haben fließen sehen. Was thun? Der Vater, der in Moskau sehr gute Tage gesehen hatte, läßt den Muth nicht sinken und wird Hausirer. Jeden Abend nimmt er einen Korb voll Apfelsinen und geht die langen Boulevards entlang, von einem Kaffeehaus zum andern, um seine Apfelsinen mit einem recht mageren Gewinne zu verkaufen. Erst am nächsten Morgen kehrt er müde nach Hause zurück. Wieviel Schmähungen und Unannehmlichkeiten muß er während jeder Nacht' über sich ergehen lassen! In einem Kaffeehaus sitzt eine dieser Frauen, die mehr zu bedauern als zu verachten sind und von denen ein großer französischer Dichter die schönen Worte gesagt hat: N’insultez jamais une ferame qui tombe. Der Jude bietet ihr seine Apfelsinen an. „Va-t-en, sale juif % sagt sie ihm. Und darauf erwiedert en,,Merci Mademoiselle, vous etes bien aimable.*'*' Dieser kleine Vorgang ist eine großartige Verkörperung der ganzen jüdischen Geschichte. Ein Jude läßt sich nicht durch schändliche Äusnahmegesetze beugen: er gehört einem hartnäckigen Volke an und er weiß sehr gut, daß seine Väter ruhigen und gefaßten Herzens für ihre Ideale auf dem Scheiterhaufen gestorben sind. Er arbeitet, hofft und strebt. Und wenn schmutzige Männer oder noch schmutzigere Weiber ihn beschimpfen und verleumden, so geht er darüber mit einem mitleidigen Lächeln zur Tagesordnung über. .Ja, so sind wir! Für Tyrannenfrechheit haben wir nur Verachtung, für menschliche Gemeinheit nur tiefes Mitleid übrig. Ein bekannter Ritter des Mittelalters soll von seinem Jahrhundert gesagt haben: „Jahrhundert, es ist eine Lust, in dir zu leben!" Als ich über diese kleine, so lehrreiche Geschichte nachdachie, sagte ich mir: „Mein armes, großes Volk, es ist eine Lust, dir anzugehören!" . Pi. \ A f.r i k a- *■:: Johannesburg. (Die Juden in Afrik a.) Das Londoner Blatt „Jewish Chronicle" bringt einen sehr interessanten Bericht über ein Interview mit dem 1274