Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1902)
- Date
- 1902-07-03
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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genug die Weltgeschichte als LeLenslehrerin auch in großen Gegenwartskämpfen bewährt hat. Noch weiter. Wir vergessen über der Geschichte allzuhäufig ihre Ergänzung, die Geographie. So auch hier. Ein Querschnitt —.sozusagen — durch die Judenfrage von heute, möglichst weit durch die verschiedenen menschlich» Lebenskreise hindurch geführt, zeigt uns. Verschiedenheiten und Gemeinsamkeiten, an die wir ohne das kaum gedacht hätten. Wer in irgend einer deutschen Stadt zwischen Königsberg und Konstanz oder zwischen Wien und Köln mit der Judensrage zu thun bekommen hat, erfaßt sie kaum anders als in gerade diesem lokalen Licht und ahnt schwerlich, wie falsch dieses Licht auf die Verhältnisse beispielsweise in Rumänien oder hinwieder in England fallen würde. Daß in dem einen Land, etwa in Oesterreich, der Jude — soweit er nicht «Altjudegeblieben — sich zumeist ungern als Jude betrachtet sieht, in dem andern hingegen, z. B. in manchem Land des Deutschen Reichs, häufiger geradezu verlangt, als Jude betrachtet zu werden, das ist ein Unterschied, der in Unsere Ergründung der Sache tief einschneiden kann. Auch der Gegensatz zwischen dem Juden innerhalb größerer Gruppen von Genossen und dem Juden in der Diaspora, ferner dem religiös interessirten und dem religiös gleichgiltigen Juden und noch andere solche Gegensätze, wie sie sich erst aus Gleichzeitigkeitsvergleichen gut herausarbeiten lassen, müssen uns wenigstens einigermaßen bekannt, sein, wenn wir kompetente Beurtheiler und Behandler der Judenfrage werden wollen. Und diese Gegensätze sind um so wichtiger, als sie uns auch zeigen, welche Bedeutung für den Juden und für das Problem unseres Verhaltens zu ihm sein Milieu hat. Je mehr wires als unseren Stolz ansehen, entwickelungsgeschichtlich zu denken, um so werthvoller muß uns die ganze Fülle dieser Verschiedenheiten werden. Soviel über die geographische Ergänzung der geschichtlichen Bestrebungen. Müssen nun auch alle solche Theoriearbeiten ihren Zweck in sich selber tragen und von äußeren Rücksichten völlig frei bleiben, so dürfen wir uns trotzdem ihrer weitergehenden Wirkungen freuen, und zwar schon jetzt in unserer Hoffnung. Die Geschichte des Antisemitismus schließt ein und setzt voraus eine Geschichte politischer und sozialer Gemeinfaktoren. Wir haben nicht genug geleistet, wenn wir z. B. das Thema der Beschneidung nur als dieses behandeln; wir sind es der möglichen Blickweite unseres Geistes schuldig, daß wir das Thema als einen Spezialfall allgemeinerer Erscheinungen fassen, und werden für diese Bemühung entschädigt durch die daraus erwachsenden Einsichten in die Bedeutung von Absonderungszeichen überhaupt. Die Behandlung und Betrachtung des Juden als Staatsbürger oder als Nichtstaatsbürger läßt uns nachsinnen über den Werth des Staatsbürgerthums überhaupt-, u. dgl. m. Mögen nun auch daraus die Einen sehr radikale, die Anderen sehr reaktionäre Folgerungen ziehen, werthvoll ist schon die Ertenntniß des zu Erkennenden überhaupt, und Wahres wie Gutes wird um so rascher seinem unvermeidlichen Durchdringen entgegengehen, je mehr wir dort uns ansetzen, wo ein Ansetzen größere Erfolge verspricht als anderswo. Aber wir dürfen noch mehr hoffen: das nämlich, daß solche Einsichten immer kräftiger dazu beitragen, thatsächliche Zustände nicht als bedingungslos nothwendig hinzunehmen. Und das ist uns so nöthig, wie nicht bald etwas, ist aber auch so schwer, wie nicht bald etwas; die „kompakten Majoritäten" derer, welche Thatsachen mit allgemeinen Nothwendigkeiten verwechseln und Unheiliges als Heiliges hinstellen, sind ja noch lange nicht überwunden. Wenn wir uns diesmal mit den bisherigen Gründen für den Werth einer geschichtlichen Erfassung der Judenfrage begnügen, so müssen wir sofort fragen: wie steht es jetzt mit der Arbeit daran, und was ist darin zunächst zu thun? Von einer Seite her ist die Arbeit schon ziemlich weit vorgerückt, von der Seite der Geschichtsschreibung des Judenthums. Diese umfaßt ja zugleich eine Geschichte der Beziehungen des Judenthums zu seinen Gegnern, Feinden und indifferenten Beschauern; und daß die jüdische Geschichte eine reiche Fülle von Studien und Ergebnissen aufweist, brauchen r wir unseren Lesern nicht erst zu versichern. Aber hiermit ist doch nur der einen Seite der Sache Genüge gethan, und bei dieser darf es begreiflicherweise nicht bleiben. Eine entgegengesetzte Seite existirt nicht insofern, als wir , eine besondere Geschichtsschreibung der nichtjüdischen Welt hätten, sondern nur soweit, als gerade' der Antisemitismus dazu gelangt, seiner eigenen Sache historische Darstellungen zu widmen. Das ist aber überhaupt noch wenig geschehen und am wenigsten in unserem Sinn. Die antisemitischen Interessen sind ja ganz besonders aktuelle und führen deßhalb nicht leicht über ihre eigene Phase hinaus. So haben wir zwar immerhin einige Beschreibungen einzelner Parteien: der bekannte „Antisemiten-Katechismus" hat auch eine geschichtliche Skizze seiner Sache gegeben, und die Tageslitteratur enthält manche weitere Beiträge. Allein wir brauchen ein Anfassen der Aufgabe, abgesehen von hüben und drüben und abgesehen von einzelnen Uebersichten in objektiver Journalistik. Man ist leicht geneigt, sich diese Aufgabe recht bequem, mindestens recht eng begrenzt vorzustellen. Demgegenüber kann bereits unser voriger Hinweis auf die Verschiedenheiten jüdischer Verhältnisse stutzig machen, und noch mehr thut es der Versuch, jene enge Begrenzung genau zu bestimmen. Wir versuchen nämlich, die geschichtlichen Anfänge des uns vorliegenden Antisemitismus zu bestimmen und sinken dabei Schritt für Schritt tiefer zurück in histo-