Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1902)
- Date
- 1902-07-03
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449843--56221-2519019- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
48. Jahrgang. * i» gezuM Dir MUsslhltibW Wkilfklillk. Von Johannes Mcnzinger, M ü n ch e n. Es. scheint ein merkwürdiges Unterfangen, inmitten einer lebhaften Tagesbewegung, so subjektiv wie nur eine, an die Objektivität einer geschichtlichen Darstellung der Sache zu gehen. Gewöhnlich wartet man ja. bis eine Bewegung sich soweit ausgereift hat, daß, man ihr^v^n einem überlegenen Standpunkt gegenübertreten kann.- Und eine abschließende Geschichtsschreibung wird sich ja jedenfalls auf dieses Abwarten einrichten-müffen. Indessen ist es doch nicht so schlimm, und gegentheilige Beispiele sind nicht unerhört. Namentlich die Litteratur- und die'Kunstgeschichte hatten sich lange damit bcscheidet, dort abzuschließen, wo das im weiteren Sinn sogenannte Klassische zu Ende war. Allein seit nicht allzukurzer Zeit haben sie sich aufgerafft, über das durch fein Alter Verehrungswürdige hinauszugehen; und nun bemüht man sich um die Wette, auch die neuesten und modernsten Vorgänge in Litteratur und bildender Kunst durch eine geschichtliche Behandlung, so weit möglich, den „Denkmälern der Vergangenheit" gleichzustellen. In einem Sinn thut man daran unter allen Umständen sehr gut. Wir brauchen nämlich auch heute noch, wie vor Alters, chronikartige Aufzeichnungen von Augenzeugen und anderen Zeugen als Quellenwerke späterer wirklicher Geschichtsschreibung, die dann schon wissen wird, mit welcher Kritik sie diese Quellen zu benutzen hat. Dazu kommt, daß sich heute alle gleichzeitigen Quellenarbeiten in weit reicherer Weise durchfuhren lassen, als dereinst. Wir haben z. B. — so lange eine Bewegung aktuell ist — die beste Gelegenheit, ihre flüchtigen Tageserzeugnisse zu sammeln und späteren Geschlechtern die Schwierigkeiten des Wiederfindens zu ersparen. Wir können so namentlich die Zeitungsmuseen und ähnliche allgemeinere Sammlungen ergänzen" durch Sondersammlunoen aller Augenblickszeugnisse für eine bestimmte Bewegung: Nummern und Ausschnitte von Journalen, auch Flugr blätter, Wahlprogramme, Nachschriften von Reden, und was es sonst an derartigen Kleinmaterial giebt, gewinnen eine gründlichere Bedeutung erst dann, wenn wir sie möglichst vollzählig zur Vergleichung neben -einander haben. Und.eine der unentbehrlichsten, aber auch.entsagungsvollsten, modernen Arbeitsarten, die bibliograpbische, wird um so fruchtbarer ausgeführt werden können, je früher man für ein bestimmtes Gebiet daran -gebt. - - - Aber zwischen den bloßen Mäterialschassungen und der endgiltigen historischen' Abschließung^ liegen noch allzu viele Zwischenstufen, als daß uns. die Ferne dieser zu einer Beschränkung auf jene zwingen-müßte. Vor Allem eins. Wer inmitten einer aktuellen Bewegung sowohl sie, als auch ihre Analogien aus der Vergangenheit studirt und darzustellen versucht, - wird seiner Arbeit durch diesen Vergleich zwar eimgermaaßen schaden, jedoch auch einigermaßen nützen. Jenen Schaden kann eine spätere historische Kritik wieder gut . machen, diesen Nutzen aber kann sie, tvar er nicht bei Zeiten gewonnen, nicht genügend ersetzen. So ist es gerade mit einer Geschichte der Judenfrage oder insbesondere des Antisemitismus. Dem,'der nur eine einzelne Phase daraus, eine gegenwärtige oder eine vergangene betrachtet, erscheint das Besondere daran so wichtig, daß ihm darüber das Allgemeinere und'Grundlegende zurücktritt. Er überschätzt viele Bestandtheilc der einzelnen Bewegung, die dem .vergleichenden Blick in eine typische Untergeordnetheit zurücksinken. > Und hier liegt zugleich die praktische Bedeutung solcher vergleichender Studien. Zunächst nützen sie ja schon durch thatsächliche Berichtigungen. Sie verlangen als Hilfsarbeiten dokumentarische Bemühungen, beispielsweise über die Angelegenheit des Ritualmordes. Sie werden uns Vorhalten, was wir schon längst wissen könnten: daß nämlich unsere Einsicht in das geschichtliche Judenthum viel geringer ist, als sie schon aus theologischen Rücksichten sein sollte und gar als sie zur Begründung unserer antisemitischen Praxis sein sollte. In diesem Sinn erwerben sich jedenfalls , viele Juden von heute durch geschichtliche und philologische Arbeiten : ein sehr anerkennenswerthes Verdienst. : Nun aber die eigentliche Angelegenheit. des Vergleichens. Angesichts einer gegenwärtigen. Bewegung erhitzen wir uns über Einzelheiten, über die sich die Welt-, ' geschichte schon längst beruhigen, konnte, bringen Ge- ' dankengänge der Begründung und der Angriffswie- - Vertheidigungswege vor. die eine historische bessere Ein-; sicht bereits kennt und zugleich in ihrem bestimmten Grad von Geringwerthigkeit erkennt. Ferner kommt ein wichtiger suggestiver Umstand in Betracht.. Eine solche theoretische und zivar geschichtliche Betrachtung, wie wir sie sonst eher vergangenen Erscheinungen zu- * ' wenden, macht uns geneigt, auch eine gegenwärtige. Erscheinung mit der Kühle geschichtlicher Objektivität zu erfassen. Dem, der davon eine Lähmung der für den Tageskampf erforderlichen Kräfte befürchtet, sei darauf >. - erwiedert, daß dies nur für das Niedrigere an dem tobenden Kampf zu gelten braucht und nicht auch für das Große, Edle daran; dieses kann durch jene o&[eftiüe ' Abklärung sehr 'viel gewinnen, wie sich ja schon oft