Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 53 (3.7.1902)
- Date
- 1902-07-03
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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gut. Mit dem läßt sich vortrefflich fechten. Allein ich frage, was würden unsere Vorfahren, welche die Verfolgungen unter- Antiochus, die Katastrophe unter. Titus, die Zeiten des Hadrian und die Verheerungen des Mittelalters u. s. w. erlebt haben, — wessen würden, sie sich wohl versehen haben, wenn auch sie das Judenthum nur als eine „inkonstante Größe" würden gekannt haben? Wohl ihnen, dreimal wohl, daß sie vor solcher Weisheit verschont geblieben, — nur dadurch konnten sie es aus allen Heimsuchungen und Verfolgungen aus dem furchtbarsten Verfall erretten und ihren Muth zu hohen Thaten beflügeln. Es soll damit längst nicht gesagt sein, daß unter ruhigen Zeitläuften diese Formel dessenungeachtet ganz gute Dienste leisten könnte. Keineswegs. Das Israel, welches sein Judenthum auf diese Formel stellen wollte, dem wäre der Lebensfaden sofort abgeschnitten. Von ihm könnte man ruhig sagen: „Deine Tage sind gezählt, gewogen und getheilt." Denn auch die ruhig aber stetig wirkende Zeit hat ihre auflösende Gewalt. Nur die starken, urwüchsigen Kräfte vermögen ihr einen siegreichen Widerstand entgegenzusehen. Mifchlingsformen dagegen sind im vorhinein zum Tode verurtheilt. Unter Glashäuser gesetzt, können sie allenfalls mit ihrem buntschillernden Farbenspiel dem Menschen eine Zeit lang eine ergötzliche Kurzweil bieten. Aber draußen in der freien Natur, wo alle Kräfte mit voller Gewalt sich breit machen, bedeutet ihre ganze bunte Pracht nur ein einziges Wahrzeichen der Ohnmacht. Unsere gesammte Geschichte von der Urzeit Tagen an müßten als ein einziges Räthsel alsdann vor unseren Augen dastehen. Jerobeam wäre denn eigentlich der erste, der von dieser Formel den verständnißvollsten Gebrauch gemacht, indem er darauf auSging, das Judenthum mit der damaligen Kulturform — des ägyptischen Kälberdienstes ebenso schön, .als innig zu verschmelzen. Er hatte es auch verstanden, wie oben im dritten Aufsätze gezeigt worden, diesen Bestrebungen ein echt klassisches Gepräge aufzudrücken. Unerfindlich blieb nur, wie denn die Propheten dazu kamen, über diesen Jerobeam trotz seiner so echt jüdischen Bestrebungen. die volle Schale ihres Zornes auszuschütten und ihn als einen der verworfensten Verräthrr aller Zeiten zu brandmarken?! Was nun gar der.Eifer des Elijahu gegen die Vaalspriester auf dem Berge Karmel für eine Berechtigung hatte, bliebe einem vollends räthselhaft. Herr Dr. Jakob thut doch immer so, als ob er es mit den Propheten hielte. Weiß er denn nicht, daß dieselben vom ersten bis auf den letzten ihren ganzen ungestümen Eifer aufbieten, um das Volk von seinen Neigungen, das Jndenthum mit fremdem Wesen zu verschmelzen, abzubringen? Darin erschöpfte sich dockgerade ein großer Theil ihrer Wirksamkeit! Dagegen mochte ich einen Preis darauf aussetzen, wenn er in der Lage wäre, auch nur eine einz i g e Stelle anzuführen, wo ein Prophet der Verschmelzung des Judenthums, sei es mit fremden Religion»- oder Kulturformen, das Wort redete. Es ist daher nur eitel Aufschneiderei, wenn die Reform behauptet, daß es das prophetische Judenthum wieder zu Ehren bringen' möchte. Nein, Herr Dr. Jakob, wer das Judenthum verstehen, oder gar aus den Fährnissen der Zeit reiten will, der muß etwas tiefer graben. So leichten Kaufes vollbringt man diese Aufgabe nicht. Auf ein Gleiches läuft es hinaus, wenn Herr Dr. Jakob meint, wir könnten ruhig vom Judenthuine ein Stück nach dem andern preisgeben, wenn wir nur den Satz von der Nächstenliebe und dergl. noch behalten. Es ist gerade nicht unverfänglich, in der heutigen Zeit, wo alle Welt damit paradirt und derselbe so recht zum Gemeinplatz geworden ist, dessen ethische Bedeutung öffentlich zu erörtern. Um daher Mißdeutungen im vorhinein zu begegnen, sei hier zum Ueberfluffe ausdrücklich betont, daß es mir fern liegt, die große Bedeutung dieses Grundsatzes für die Gestaltung des menschlichen Lebens im Sinne einer höheren Ethik verkennen, oder das ausschließliche Recht des Judenthums, diese moralische Errungenschaft für sich in Anspruch zu nehmen. irgendwie in Zweifel ziehen zu wollen. (Fortsetzung folgt.) AettmrgZrmchrrchterr rrrrd ILorrespondenzerr. Deutschs au d. Bonn, 29. Juni. (Die PabstjubiläumSrede des Generaloberst voir Loö.) Generaloberst von 2oe hielt heute Mittag in der Beethovenhalle bei der Jubelfeier zum 25jährigen Pavstjubilöum eine bemerkenswerthe Rede, welche direkt aus die vielbesprochene Aachener Kaiserrede Bezug nahm und gewissermaßen einen Kommentar dieser Rede bildete. Die Rede ist, wie man der „Franks. Ztg." mittheilt, das Produkt sorgfältiger Berathungen mit der hiesigen Zentrumsleitung, und es sollen darüber sogar mehrfache telegraphische Unterhandlungen mit dem Reichskanzler stattgefunden haben. Wir geben Nachstehendes aus der Rede wieder: Generaloberst Loö berichtete zunächst über seine Entsendung an den Papst zur Uebermittelung der Glückwünsche des Kaisers und bemerkte dann in Bezug auf seine neuliche Ansprache an die Bonner Husaren: „Ich habe neulich in einer Ansprache an meine alten Husaren an den denkwürdigen Ausspruch des unvergeßlichen Reichskanzlers, des Fürsten Bismarck, erinnert: „Wir Deutsche fürchten Niemanden außer Gott." Ter Ausspruch ist heute wahr und wird es bleiben, aber nur unter der Voraussetzung, daß wir den deutschen Erbfehler, die elenden konfessionellen