Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1902)
- Date
- 1902-06-26
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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SÖO Personen auswandern. Die Bemühungen der rumänischen Delegirten waren bisher in Budapest von Mißerfolg begleitet. Das vor zwei Jahren hier gegründete rumänische Hilfskomitee hat sich aufgelöst und feie-50,000 Kronen, welche von den im Sommer 1900 gezeichneten Spenden nicht verbraucht wurden, werden nicht der ursprünglichen Bestimmung entsprechend verwaltet, sondern deren Zinsen dienen zur Unterstützung durchreisender armer Israeliten. Die israelitische Kultusgemeinde besitzt nicht die Mittel, um viele Tausende für ausländisch: Glaubensgenossen zu spenden, und auch seitens der israelitischen Landeskänzlei, welche die erwähnten Fonds verwaltet, begegnet das Romaner Komitee tauben Ohren. In dieser Angelegenheit muß Wandel geschaffen werden. Es geht doch nicht an, daß sich die Szenen wiederholen,, als hier vor zwei Jahren Tausende rumänischer Juden stecken blieben und nur 'Dank einer opferfreudigen Aktion ihr Reiseziel erreichen konnten. Schon mit Rücksicht auf unsere heimischen Arbeitskräfte ist es nothwendig, daß wir uns die Konkurrenz hungriger. Proletarier ferne halten. Die hier weilenden rumänischen Juden - erzählen geradezu haarsträubende Thatsachen aus dem Reiche König Carols. In großen Judengemeinden, wie Bukarest, Jassy, Galatz, Fokcsani, sind während weniger Jahre zwei Drittel der Geschäftsleute zu Grunde gegangen. In den Straßen sind die meisten Geschäftsläden geschlossen.. Der Häuserbesitz ist vollständig entwertet und die Arbeitslöhne betragen nicht ein Drittel gegen früher. Von Hunger und der bangen Sorge um die Zukunft gequält, nähert sich der kritische Termin, der 1. Sept., und dann wird die Hetzjagd gegen die Andersgläubigen losgehen. Wir können, so schreibt das „Pol. Volksbl.", dem wir Vorstehendes entnehmen, den bevorstehenden Ereignissen in Rumänien nicht phlegmatisch gegenüberstehrn: die rumänische Judenfrage interessirt nicht allein das Kabinet Stourdzä, sie ist vom wirthschaftlichen Standpunkte eine internationale Angelegenheit. , tzsMWZKsHrLHLes rmÄ TsTTesysVdeNZSN. Deut s ch l a « d. Graudenz, 18. Juni. In der Nacht vom Sonntag 16., auf Montag 16.. um 214 Uhr. verstarb im jüdischen Krankenhause zu Berlin Herr Rabbiner Dr. Baer aus Graudenz. Auf der Rückreise von Karlsbad begriffen, wo er Linderung seines schweren Zucker-- leidens erhofft, befiel ihn eine Herzlähmung; in bewußtlosem Zustande wurde er in's jüdische Kranken-, .hausgebracht. Der'Verschiedene hatte in Würzburg - und Berlin Philosophie studiert, er war ein Jünger des R/Seligmänn Bar Bamberger s. A., und des R. Esriel Hildesheimer s. A. Die ganze Zeit seines Lebens blieb Jj er treu den Prinzipien seiner Meister. Glänzende Anerbieten von größeren neologen Gemeinden, die ihm wegen seiner bedeutenden Kanzelberedtsamkeit gemacht wurden, lehnte er standhaft ab. Da er frühzeitig den Plan zu einem gründlich ausgearbeiteten Nachschlagewerk über sämmtliche im Talmud vorkommenden Tannaim und Ammoralm faßte, so lag es ihm hauptsächlich am Herzen, sich mit Eifer dem Talmudstudium zu widmen. Nachdem er sechs Jahre als Rabbiner in Pieschen fungirt hatte, siedelte er an das hiesige, damals neu begründete Kaspar Lachmann'sche Institut nach Graudenz über, wo er seinen litterarischen Neigungen sich mehr hingeben zu können hoffte: Er hat hier als Rabbiner und als Religionslehrer segensreich gewirkt und war eine allenthalben beliebte Persönlichkeit. Die Frucht seiner Studien, sein Werk über die Tannaim, ist vollendet worden und hat im Manuskript hervorragenden Fachgelehrten Vorgelegen, deren rückhaltlose Anerkennung es gefunden; wie wir hören, soll es demnächst dem Druck übergeben werden. Herr Rabbiner Dr. Munk von der Adaß Jisroel-Gemeinde in Berlin hielt eine ergreifende, den Charakter des Entschlafenen treffend kennzeichnende Grabrede, indem er denselben mit Mose verglich, von dem der Wochenabschnitt kündete: „Der Mann Mose war sehr bescheiden." In selbstloser Hingebung habe er der jüdischen Wissenschaft gedient, in uneigennütziger Weise habe er feine Kräfte einer von ihm begründeten Religionsschule zur Verfügung gestellt^ und mit freudigem Herzen habe er den Bedrängten, die sich an ihn wandten, in einer nachhaltigen'Weise geholfen, indem er ihnen einen felbstthätigen Erwerb verschaffte. Trotzdem der Verstorbene fern von der Heimath zur ewigen Ruhe gebettet wurde, war doch eine große Zahl von Schülern, Freunden und Verehrern erschienen, die der sterblichen Hülle die letzte Ehre erweisen wollten. Sein Andenken sei zum Segen! AuS Lothringen, 24. Juni. Am 15. Juni fanden in Elsaß-Lothringen die Gemeinderathswahlen statt. Die Kämpfe wurden diesmal allerorts mit Erbitterung geführt. Auch an den kleinsten Plätzen, wo früher alles ruhig verlief, bildeten sich diesmal Parteien. In Metz war Justizrath Dr. Müller Gemeinderaths-Kandidat, fiel jedoch durch. Dieser Herr ist Kons.-Mitglied, aber als Jude verachtet er unsere Religionsgesetze und bekennt sich öffentlich, wie aus dem gelegentlich seiner Kandidatur geführten Zeitungskrieg ersichtlich, als Freimaurer. Ein Zeichen jedoch, daß sich bei uns G. s. D. das Rischus nicht eingeführt hat und auch so leicht. keine Nahrung findet, gewiesen die Wahlergebnisse, da fast in jeder Gemeinde, wo etwa 25—30 und noch mehr Juden wohnen. Glaubensgenossen als Stadträthe gewählt wurden, überhaupt stets als solche amtirten. Noch vor wenigen Jahren waren es Juden, die . in , Saar-