Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 51 (26.6.1902)
- Date
- 1902-06-26
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449841--56163-2518959- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schreitenden Entwickelung unseres blühenden Gemeinde- Wesens drohen nun in jüngster Zeit ernste Gefahren, die, wenn sie nicht rechtzeitig beseitigt werden, das glücklich Erreichte gefährden und dessen weitere Ausgestaltung unterbinden müssen. Durch die von der liberalen Partei angestrebte Einführung einer Orgel in unserer neuen, schönen Synagoge und die mit der Orgel zusamenhängenden unausbleiblichen weiteren Reformen im Gottesdienste, würde eine tiefe Spaltung durch unsere Gemeinde gehen und sie in zwei scharf gegenüberstehende Lager theilen. Eine solche höchst bedauerliche Spaltung würde aber nicht allein in hohem Maße schädigend auf unser ganzes, vielgestaltiges Gemeindeleben und dessen blühende Wohlfahrtseinrichtungen zu-. rückwirken. sie würde auch nach Außen hin in der öffentlichen Meinung und in den Augen unserer nichtjüdischen Mitbürger einen höchst ungünstigen Eindruck machen und eine wohlberechtigte Verurtheilung erfahren. Wir dürfen uns deßhalb nicht verhehlen, daß für unsere Gemeinde Großes auf dem Spiele steht! Aus diesen Erwägungen ist nun vor Kurzem der „Jüdische Volksverein" hier gegründet worden, der vor Allem bezweckt, die drohende Spaltung der Gemeinde zu verhindern, und alle diejenigen Gemeindemitglieder in sich zu vereinigen, denen, gleichviel welcher religiösen Richtung sie angehören, eine gedeihliche und friedliche Fortentwickelung unseres reichen Gemeindelebens am Herzen liegt, namentlich aber die Erhaltung unseres, dem Wesen des Judenthums, seinen Religionsgesehen und seiner Tradition entsprechenden Gottesdienstes? Dieser Gottesdienst bildet nun einmal von altersher den natürlichen Mittelpunkt unseres Gemeindewesens! Wir wollen unserem Gottesdienste seine zahlreichen, regelmäßigen Besucher erhalten und ihm neue zuführen! Wir wollen unsere altehrwürdige Gemeinde bewahren vor den traurigen Erfahrungen, die so viele andere Gemeinden mit der Einführung fremder Einrichtungen in den jüdischen Gottesdienst bisher gemacht haben! Wir wollen aber unserseits auch alles aufbieten, unserer Gemeinde den für ihr Wachsthum und ihr Gedeihen so nothwendigen Frieden zu erhalten! Wir geben uns gerne der Hoffnung hin, daß Sie, durchdrungen von der heiligen Pflicht, für unsere hohen Ziele freudig einzutreten, unsere Tendenzen billigen und unseren Verein durch Ihre Mitgliedschaft unterstützen werden." Borken i. W., 24. Juni. Unsere Gemeinde hat einen schmerzlichen Verlust erlitten. Am 29. d. Mts. starb nach kurzem, aber schweren Leiden Herr Meier Haas im Alter von 73 Jahren. Weniger glänzend durch reiche Geistesgaben, da er nur über das bescheidene Wissen eines Handelmannes verfügte, wären es die Vorzüge des Herzens, die seinem Namen die Unsterblichkeit sichern.^ Durchdrungen von dem Geiste wahrer und ungeheuchelter Gottesfurcht, erfüllt mit Liebe zu unserer rwipn rmn deren Verbreitung und Forderung er materiell unterstützte im Sinne von na vpnnvtz iwi begeistert für die .rchvn n rrn», die 4 er bis kurz vor seinem Hinscheiden stets gerne verrichtete, war sein Lebenselement' das nvn ■ infae. Ohne Wohlthaten zu üben, könnte, ihm der Segen, wo-, c mit Gott das Werk seiner Hände krönte, keine Pefrie- > digung gewähren. Glücklich und zufrieden war er nur, wenn er neben der Erfüllung seiner Gatten- und Vaterpflichten auch Andern helfen konnte. Davon zeugen die Spendenverzeichnisse für das heilige Land, die JahreS- J berichte der Waisenhäuser, Lehr- und Erziehungs-A anstalten, das nach seinem Hinscheiden Vorgefundene, gewissenhaft geführte. lewo-Buch, die Unmasse von? Bittgesuchen, die aus aller Herren Länder an ihnge-> langten und ausnahmslos gebührende Berücksichtigung fanden u. s. w. Was er aber an Wohlthaten übte. Ä entzieht sich natürlich unserer Kenntniß und auch der ' Kenntniß seiner in gleichem Sinne erzogenen Söhne, - die bei Gelegenheit des 70. Geburtstages des geliebten Paters diesem keine höhere Freude zu bereiten wußten, ' als seinen Namen durch Spendung eines prachtvollen Sefer. Thora in der Gemeindezu verewigen, zu welch' herrlichem Geschenke der Gefeierte dann noch ein kostbares .anp Hn spendete. Bei Gelegenheit seines 72^ Ge-Hburtstages wurde er in Anerkennung seiner hohen Tugenden durch den van-Titrl geehrt. Allein selbst geben zu können, genügten dem edlegesinnten/ im höchsten Maße bescheidenen und anspruchslosen Manne? noch nicht. Er wußte auch NVvn sv iw nwar bnr Darum benutzte er jede Gelegenheit, auch in seinem gev schriftlichen Verkehr, die Herzen seiner Freunde und . Bekannten für seine Armen zu erwärmen, und seine Mühe lohnten offene Herzen und — offene Hände.. , Ja. noch mehr! Nachdem er sich vor Jahren vom Geschäfte zurückgezogen, verdoppelte er diese seine gottgefällige Tbätigkeit zum Segen der Armen und' Be-; drängten, bis ein schweres Leiden ihn aufs Schmerzens--* lager warf, von welchem nach.dreiwöchentlicher Dauer "' rin sanfter Tod ihn erlöste. '-'JV. .'^r Die Beerdigung, welche am Sonntag Nachmittag' stattfand, gestaltete sich zu einer Kundgebung allgemeiner Liebe und Verehrung für den Verstorbenen.- " Ein unabsehbares Gefolge, bestehend aus sämmtlichen . Mitgliedern der Gemeinde, einer großen Schaar christ- ’ sicher Mitbürger und einer hier nie gesehene Anzahl - l? von Freunden und Verehrern aus Nah und Fern, geleitete die sterblichen Reste des unvergeßlichen ManneS zur letzten Ruhestätte. Am offenen Grabe entwarf Herr Lehrer Rssenb e r q, anknüpfend an den 4.=y; Vers des Wochenabschnittes, ein Lebensbild des Hin- 5 geschiedenen, der in allen Lagen und Verhältnissen des^ j Lebens der gleichblieb, rein wie Gold , in seiner Gesinnung und glänzend durch die zahllosen^ . Werke der Liebe und Barmherzigkeit, die er im; Lebens geübt. Und als der Hügel über dem Sarge sich ge-! -