Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 49 (19.6.1902)
- Date
- 1902-06-19
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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menschlichen Unternehmungen, in der Ungleichheit der Hunderte, zu denen ein Redakteur redet. Dieser vernünftigen Erwägung darf und wird sich hier Keiner entziehen. Doch eine gewisse Rücksicht muß geübt werden, hier hilft nichts anderes. Und diese Rücksicht ist gegenüber den orthodox gesinnten Mitgliedern des israelitischen Lehererstandes gar oft außer Acht, gelassen worden! Ich will nicht reden von den vielen Seitenhieben (und wohl auch Kopfhieben) gegen die Orthodoxie. Vor allem möchte ich die ganze Hetze gegen den „Israelit", die man Abwehr von Angriffen genannt, in dieser Beziehung anführen. Ich rede frei und offen! Der „Israelit" ist keinesfalls identisch mit der Orthodoxie und will es nicht sein. Auch weiß der orthodoxeste Lehrer genau, daß die Lehrerfreunde nicht immer in den Reihen der Strenggläubigen zu suchen sind, ja, daß letztere oft unvortheilhait abstechen von Freigesinnten, die Herz und Hand öffnen für unsere Bestrebungen. Der „Jsr." will nicht für unfehlbar gelten und ist noch so liberal wie andere „liberale" Blätter, die eine auch sachlich gehaltene Berichtigung oder Entgegnung ablehnen oder unterdrücken. Mögen aber die „Blätter für Erziehung und Unterricht" es sich selbst zuschreiben, daß Hunderte von orthodoxen Lehrern bei den Angriffen gegen den „Israelit" sich des Gefühles nicht erwehren können, daß man den Sack schlägt und den Esel meint, oder doch wenigstens mitmeint. Der berüchtigte Geis'sche Artikel diente zum Ausgangspunkte einer Campagne, die jedem ruhig Denkenden widerlich erscheinen muß. E s k a n n nicht so leicht vergessen werden, da die Nachwirkungen noch heute sich zeigen, wie weiter ausgeführt werden soll. . Es ist zur Genüge in Liesen Blättern erörtert worden. Und worin lag die ganze Sache? In dem einen generalisirenden Ausdruck, daß der Lehrer sich gewöhnlich nur soweit fortbilde, als sein Amt es erfordere. Freilich war auch von „Halbbildung" die Rede und in Nr. 24 der „Bl. f. Erz. u. U." wird einem anders urtheilenden Kollegen geantwortet: Selbstverständlich bleibt es! Ihnen und Ihren Nachbarkollegen unbenommen, wenn.! man von Halbbildung des Lehrers spricht, Zustimmungsadressen zu schreiben .... Doch was schreibt kurz darauf Herr Seminarlehrer Feinstein-MLnster in seiner Abhandlung über die Lehrervorbildung? (Nr. 33 d. Bl. f. Erz. u. U.) „Ein im Seminar flüchtig erworbenes Halbwissen." Warum ist dieser Passus nicht gestrichen worden, umsomehr, als er von einem Seminarlehrer stammt und deßhalb Glauben findet? Ist es nicht doppelt bedenklich^—wenn ja der Ausdruck Halbbildung schwere Beleidigung ist — vor der breiten Oeffentlichkeit eine solche Redewendung von einem Fachmanne und Kenner der einschlägigen Verhältnisse gebrauchen zu lassen?*) Darum sind all jene *) Schreibt doch tzr. Steinhardt selbst in Nummer 27. 1901: ®ter*e Zeitschrift hätte diesen Satz nicht passieren Entrüstungsstürme und Resolutionen materiell unangebracht gewesen, künstlich genährt durch Aufbauschung einer unbedeutenden Sache. Es wäre für das Lehreransehen vortheilhafter gewesen, nicht mit zehn Kanonen nach einem Spätzlein zu schießen. In nichtjüdischen Lehrerkreisen wird man vergeblich nach einem ähnlichen Beispiele suchen, obwohl es dort gerade genug „Schulkämpfe" gibt. Aber diese Resolutionswuth, dazu wegen solchen Anlasses und obendrein gegen ein Blatt, das immer und immer wieder als harmlos und unbedeutend hingestellt wird, ein derartiges Vorgehen findet man nicht. Man käme gar nicht aus den Resolutionen heraus. Hätte das Vereinsorgan hier aufklärend und beruhigend gewirkt, die einzelnen Vereine hätten das Schauspiel der Resolutionen nicht geboten. Herr Kollege Schweizer-Glogau hatte seiner Zeit Recht, wenn er von dem modernen Entrüstungsrummel sprach, bei dem doch Keiner Zurückbleiben will. Unser bayerischer isr. Lehrerverein ist der größte aller jüdischen Lehrervereine Deutschlands; er zählt fast 160 Mitglieder, feine Versammlungen sind jährlich von 80 bis 100 Mitgliedern besucht. Kein zweiter Verein weist diese Frequenz auf. Und doch war im Vorjahre die ganze Sache in fünf Minuten ruhig klargelegt und erledigt. Man ging zur Tagesordnung über ohne Entrüstung und ohne Resolution, nicht etwa, weil wir „eingefleischte" Verehrer des „Israelit" sind, sondern weil wir die Sache objektiv erfaßt und aufgefaßt. Darum behaupte ich, es sollte weniger dem Geisschen Artikel, als dem „Israelit" gelten. Wir erringen uns aber Achtung nicht durch papierne Resolutionen.' sondern durch persönliche Tüchtigkeit und berufliches Wirken. Weniger wäre dort mehr gewesen. Und nun die Frage, warum hier das Altbekannte und Halbvergcssene neu aufgetischt wird?! Die Antwort lautet: Weil wir augenscheinlich in den Entrüstungsrausch immer weiter hineingerathen. Das Standesgefühl und Standesbewußtsein scheint in's Lächerliche auszuarten! Vor mir liegt Nr. 24 der „Bl. f. Erz. u. U." dieses Jahres. In dem Berichte über die Jahresversammlung der isr. Lehrer Württembergs vom 20. Mai c. leuchtet in großem Fettdruck Folgendes hervor: . „Die Versammlung spricht ihren tiefsten Abscheu aus über die ungeheuerlichen Angriffe, die in Nr. 38 des „Israelit" gegen die Lehrer Württembergs geschleudert worden sind." Diesem Anträge ward einhellig zugestimmt. Ich wundere mich, daß mir als Leser des „Jsr." dieser ungeheuerliche Angriff entgangen - sein soll. Schnell hole ich meine Nr. 38 herbei und lese nach; ich ' lese nochmals durch und nehme Logik und Sprachverständniß scharf zur Hilfe. Ich lese wiederholt die Resolution durch und — bin paff! >