Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 49 (19.6.1902)
- Date
- 1902-06-19
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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deren mehr als ein Dutzend im deutschen Reiche — haben aber auch Schönes zur ideellen Besserung von Schule und Lehrerstand gethan. Letzteres namentlich durch die jährlich stattfindenden Konferenzen. Es ist nicht zu leugnen, daß sie einen rühmlichen, idealen Sinn bekunden, ein freudiges Streben zum Besten der Schule, der Kinder, des Judenthums. Auf den jährlichen Generalversammlungen werden Zeit- und Standesverhältnisse erörtert, pädagogische Fragen behandelt. Vorträge gehalten und die Schaffenskraft, die Berufsfreude neu belebt und gefördert. Die Lehrerkonferenzen sind daher stets Festtage im Berufsleben. Man freut sich auf sie und zehrt lange noch an der Erinnerung froh verlebter Stunden. Freunde und Bekannte treffen sich wieder, die den gleichen Bildungsgang durchlaufen, die im . gleichen Berufe Freud und Leid gleichmäßig theilen, die eben darum auch für einander ein besseres Verständniß besitzen und vertrauensvoll sich einander hingeben dürfen. So manche Unbill im Berufe wird da vergessen, so manches Bittere in seiner Wirkung gelindert. Das Herz weitet sich im Bewußtsein, gleiches Fühlen und Denken bei so vielen anderen zu treffen. Die Bedeutung des Wortes, den Begriff Kollegialität, lernt .man so recht erst auf jenen Versammlungen kennen und würdigen. Würden die Tagungen nichts weiter bewirken, als dieses Hochgefühl der Freude, sie hätten genug der Anregung geboten zum ferneren segensreichen Wirken im Berufe. Doch auch dieses Gefühl muß geleitet werden, wie jedes Gefühl, daß es nicht zur blinden Gewalt wird. Wie ein überspanntes Nationalgefühl zum Chauvinismus übergeht, wie studentische und militärische Ehrbegriffe oft die sonderbarste Logik zeitigen, mit der sich legislatorische Körperschaften und die Organe des Gesetzes wiederholt beschäftigen mußten, so kann auch das Standesgefühl und die Kollegialität in's Extrem gerathen. Hasin'oh mekalkelcs es haschuroh — Hoahawoh mekalkeles es haschuroh, „Liebe wie Haß verkennen " die gezogenen Schranke, überschreiten leicht die Grenze." Es ist mir nicht leicht geworden, diesen Gedanken hier niederzuschrciben, um ihn weiter auszuführen. Ich bin mir der Tragweite vollends bewußt, und nur der gute Wille, der Wille zum Guten läßt mich den Muth dazu finden. Denn ein gewisser Muth gehört immerhin dazu, die Furcht, mißverstanden zu werden, ja sich Insulten auszusetzen, niederzukämpfen und zu besiegen. Deßhalb soll auch nicht der Schleier der Anonymität meinen Namen schützend decken. Frei und offen, wie Männer zu einander sprechen sollen, gebe sich hier Rede und Wort. Eben darum mache ich auch aus meinem .orthodoxen Standpunkt keinen Hehl. Ja, noch mehr, gerade von diesem Standpunkte aus will ich hier reden, hier in der Pädagogischen Beilage des „Israelit". Verschiedene Fragen drängen sich dabei unwillkürlich auf.' Wird man nicht Gefahr laufen, als orthodoxer - Finsterling oder als Fanatiker bezeichnet zu werden? Vielleicht auch spricht man mir „modernes Fühlen und Denken" ab, als einem, der nichts von frischfröhlichem Vorwärtsstreben versteht, es vielmehr dem Krebse gleichthun möchte. Vor allem aber scheint eines fast sicher: man läuft Gefahr, exkommunizirt zu werden. Das geschieht einfach dadurch, daß einem jeder kollegiale Sinn, kollegiales Fühlen und Denken abgesprochen wird. Und damit ist für immer über einem der Stab gebrochen. Nun, ich fürchte nicht eine solche Brandmarkung. Besonders würde es mich — nach meinen obigen Darlegungen — ganz unberührt lassen, wollte mir Jemand Lektionen über „kollegialen Sinn" ertheilen. Und daß hier im orthodoxen Mainzer „Israelit" ein pädagogischer Artikel erscheinen soll, dazu möchte ich „entschuldigend" und zugleich rechtfertigend nur die eine Bemerkung in Bezug auf meine Wenigkeit mir gestatten, daß ich seit Jahren gleichzeitig vier jüdische Zeitschriften lese, die den verschiedensten Richtungen angehören. Man wird mich also nicht der Einseitigkeit , zeihen dürfen, wenn ich auf dem Gebiete des Zeitüngslefcns auch dem Grundsätze Schomoa ben achec^m huldige. ' ' ' f‘ Doch woher — wird man mit Recht fragen —diese Befürchtungen auf Angriffe, diese Verdächtigungen und solche Angstmeierei? , v.: Nun, ich will es hier in möglichst klaren und kürzen Worten thun, auf die ich „v i e l l e i ch t" eine ebenso klare und maßvolle Antwort erwarten darf. - Es weiß wohl jeder Kollege, daß die Meisten jüd. Lehrervereine Deutschlands'sich zu einem allgemeinen Lehrerverband zusammengeschlossen. Das kann jeder aufrichtige Lehrerfreund nur begrüßen. Vereinte Kräfte machen stark. Auch ein Verbandsorgan erscheint: die „Blätter für Erzieh, und Unterr." von Herrn Lehrer M. Steinhardt-Magdeburg, als Beilage zum „Jsr. Familienblatt" in Hamburg. Daß letzteres auf den „Israelit" nicht gut zu sprechen ist, weiß Jedermann. Doch das soll hier nicht erörtert werden. Uns Lehrer interessirt nur die Verbandszeitung „Blätter für Erziehung und Unterricht" des Herrn Steinhardt, der unabhängig vom „Familienblatt" diese Zeitschrift redigirt. Ich setze voraus, daß jeder Kollege die. treffliche, auch in diesen Blättern rühmlichst beurtheilte Broschüre des Herrn Steinhardt kennt, welche in beherzigenswerther Weise der Errichtung bezw. Erhaltung jüdischer Volksschulen das Wort redet. Es war ein Wort zur rechten Zeit und am rechten Ort. Jeder Jude, gleichviel welcher religiösen Richtung angehörend, mußte sich darüber freuen. Die Lehrer aber konnten erwarten, daß von dem Verfasser auch eine dementsprechende Leitung der „Bl. f. Erz. u. II." gesichert sei. Leider kann das nicht als zur Thatsache geworden festgestellt werden. Die pädagogischen „Bl. f. Erz. u. U." haben mehr als einen nicht befriedigt. Freilich ist das keinem Redakteur leicht möglich. Das liegt in der Unvollkommenheit aller