Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 49 (19.6.1902)
- Date
- 1902-06-19
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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richtüng aller dieser streng-rituell geführten Einrichtungen hat stch der sel. Herr Daniel Wormser erworben. (Vergl. meinen kürzlich erstatteten Bericht über die Wirksamkeit des Vereins für isr. Obdachlose in Nr. 46/47 des „Isr.") Dem Andenken dieses edlen, leider uns so früh entrissenen Mannes, wurde von einem Schüler des Verewigten, dem Stein-Bildhauer Herrn Eduard Berlin hier, eine Marmorgedenktafel mit passender Inschrift gewidmet, welche mit Genehmigung der Behörde und der Direktion, ihren würdigen Platz an der Misrachwand über dem v-ripn fiirr gefunden. Mit der Enthüllung dieses sehr sauber und kunstvoll ausgeführten Denkmals wurde heute eine Synagogen- Feier verbunden, die unter zahlreicher Betheiligung in sehr würdiger Weise verlief. Vor dem Eingänge zur Synagoge intonirte die vollbesetzte Stewardskapelle einen stimmungsvollen Choral, dann trug Herr Ober- Chasan N. S ü ß k i n d die Psalm. 24 und 15 mit gewohnter Meisterschaft vor. Hierauf hielt im' Aufträge des Komitees Herr Sally Mainzdie von ihm freundlichst übernommene Ansprache, richtiger Gedächtnißrede, mit einer Eleganz, wie man sie sonst nur bei Berufsrednern gewohnt ist. Der Redner erinnerte an die von allen Seiten anerkannten Verdienste unseres Freundes, wie er mit aller Hingebung rastlos für die armen Auswanderer thätig gewesen, wie er dabei mit leeren Händen angefangen und durch Ausdauer und Selbstlosigkeit Resultate , erzielte, die überall Staunen erregten, so daß es ihm gelang, bis in die höchsten Schichten der Gesellschaft und bei höchsten Behörden reges Interesse und warme Unterstützung zu finden, die ihm reiche Mittel für seinen hochedlen Zweck zuführten. Hier ist der richtige Ort, ihm ein bleibendes Andenken zu schaffen; hier ist der richtige Ort der Andacht für Diejenigen, die gedrückten Gemüthes aus ihrer Heimath verdrängt, Sammlung und Erbauung suchen, um dann mit neuem Gottvertrauen und von der Religion gestärkt, in ihre neue überseeische Heimath ziehen. Diese Tafel soll ihnen erzählen, wem sie diese Erhebung zum Allmächtigen zu verdanken'haben. dann werden sie seiner in ihrem Gebete innigst gedenken — so soll sein Andenken in seinem Sinne geehrt werden. War es ja auch nur ein Stein, den unser Stammvater Jakob, vom Bruderhaß aus dem Vaterhause getrieben, auf der Wanderschaft seinem Gotte dankbar errichtet, und dieser Stein, er wurde der Grundstein zu unserem Heilig-. 1 thum. Der Redner gedachte noch der anwesenden Gattin und der beiden Söhne, die ihren Gatten und Vater in allen seinen Bestrebungen hingebungsvoll unterstützten. Möge ihnen diese Weihe zum Tröste gereickien. Unter Hinweis auf den Schlußsatz der dieswöchenilichen Haftora rh |rt {n mrtnn pxn nx iwfti schloß Herrn Mainz seine wohlgelungene Rede. Die Glanzleistung Siißkind's war zum Schlüsse sein v'vni vh den er mit Kraft und Reinheit der Stimme vortrug, wie wir es von ihm gewohnt: aber diejenigen, die ihn noch nicht gehört hatten, namentlich die anwesenden Beamten, mit Bewunderung erfüllte. Herr Rechtsanwalt A l e x a n d e r, Präses des Vereinsvorstandes, dankte den zahlreichen Anwesenden für ihr Erscheinen, appellirte an ihr Interesse, dem Vereine neue Mitglieder und Mittel zuzuführen und hob mit Anerkennung die Verdienste der Behörden und ihrer Organe hervor, insbesondere diejenigen des Inspektors, Herrn Kolischewsky, der mit großer Humanität seines Amtes waltet. Letzterer führte die Versammlung dann durch die ausgedehnten Anlagen und Räume und ließ den Gästen einige Erfrischungen reichen. Ich schließe meinen Bericht mit dem Appell an die geehrten Leser, der armen Auswanderer zu gedenken und dem „Hamburger Verein für Obdachlose" gelegentlich einen Theil ihrer milden Gaben zukommen zu lassen. H. B. Rußland. Warschau, im Juni. Ueber die Eindrücke, die ein Reisender in Russisch-Polen, speziell in Warschau erhielt, wird der „Franks. Zeitg." geschrieben: Hochinteressant ist Warschau, weil hier drei Nationalitäten mit verschiedenen Glaubensbekenntnissen auf ' verhältnißmäßig kleinem Raum zusammengedrängt mit einander zu leben genöthigt, obgleich'sie politisch und konfessionell recht schroff einander gegenüberstehen: die katholischen Polen, die Juden und die. orthodoxen Russen. Nach der letzten Volkszählung gab es in Warschau am 14. (1. Jan.) Januar d. I. 737,000 Einwohner, von denen 418,000 katholische Polen, 263,000 Juden, 36,000 orthodoxe Russen waren. Die in der polnischen Hauptstadt lebenden Protestanten, etwa 20,000 an Zahl, verhalten sich zu den Nätionalitäts- und Sprachenfragen völlig neutral und können deßhalb in diesem Zusammenhang außerhalb Beachtung bleiben. Ganz besonders ist die Lage der zahlreichen jüdischen Bevölkerung Warschaus. Wie bereits erwähnt, gibt es zur Zeit in der polnischen Hauptstadt nicht weniger als. 263,000 Juden, von denen die meisten ein kümmerliches Dasein fristen, was schon daraus hervorgeht, daß von den rund 45,000 jüdischen Familien keine 10,000 im Stande sind, der Gemeinde einen Jahresbeitrag zu leisten, obgleich das Minimum'des Beitrages auf nur zwei Rubel jährlich festgesetzt, ist. Sehr viele Familien müssen mehr oder weniger von der Gemeinde unterstützt werden. Diese Verhältnisse erfuhren vor einigen Jahren, in Folge der Massenauswanderüngen von Juden aus Moskau, eine starke Verschlimmerung, indem nicht weniger als 35,000 dieser Unglücklichen , auf einmal nach Warschau übersiedelten. - Wohl gab es .unter ihnen nicht wenige reiche Geschäftsleute,-die meisten jedoch waren aller Mittel vollständig entblößt. iMLS