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Der Israelit · 1902-06-19 · Heft 49 (19.6.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 49 (19.6.1902)
Date
1902-06-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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jetzt als Letzter im Bunde obenauf im Koffer sc men Platz findet. Wenn nun endlich das-Einpacken beendet und der Koffer mit mannigfaltigen Dingen angefüllt ist, wird der ganze Inhalt desselben in Gedanken nochmals durchgenommen,- um sich zu überzeugen, ob man ja nichts vergessen habe. Und siehe da! an was Niemand gedacht, oder vielmehr Niemand denken konnte, die fürsorgliche Mutter hat's gefunden! Geschwind holt sie noch einige Bogen Briefpapier und den ganzen, im Hause befindlichen Vorrath an Postkarten herbei, und unter den Einwendungen des. Vaters, daß man diese Dinge auch in der Jeschiwah bekäme, die sie aber mit den Worten: „in der Jeschiwah kostet ohnedies jeder Schritt Geld," beantwortet, bringt sie auch noch diese Dinge im Koffer unter. Nachdem die Aufregung des Verpackens vorüber ist, beginnen erst die wirklichen Sorgen. Das „Wie? Wo?" und „Wann?" ist jetzt auf der Tagesordnung. „Wie wird es in der Jeschiwah aussehen?" fragt man sich. „Wie wird die Aufnahmeprüfung ausfallen?" — denn eine solche muß jeder frischgebackene Jeschiwah- ' Vachur, der aus dem „Eheder" kommt, trotz aller Empfehlungsschreiben und Zeugnissen bestehen. — „Wie wird der „Chaser-Vocher"') aussehen, dem zugetheilt zu werden man das Glück oder Unglück haben wird? Wird er strenge oder nachsichtig sein? Wird er eine Methode zum Lehren haben oder nicht?" Und wenn der neue Jeschiwah-Bachur ein „Oberländer"') ist. so fragt er sich noch außerdem: „Wird er ein Oberländer oder ein Unterländer sein? Wo werde ich wohnen, wo essen und endlich, wann werde ich mich in per Jeschiwah heimisch fühlen?" Des Sprüchwortes eingedenk: „wer eher kommt, mahlt eher," wird mit der Reise nicht lange gezögert, um noch vor „Rosch-Chodesch"'') dort zu sein, um womöglich Kosttische zu bekommen. Auch solche, die bemittelt und auf dieses Vrod nicht angewiesen sind, pflegen sich noch vor diesem Termin in der Jeschiwah einzustellen, um eine ordentliche Wohnung und einen guten „Chaser-Vocher" zu erlangen. Die Abschiedsszene zu schildern, halte ich nicht für nothwendig, denn Jeder wird.es wissen, wie schwer es einem fällt. Eltern und Geschwister auf längere Zeit verlassen zu müssen, um in einem fremden Orte, dessen Sitten und Gebräuche uns unbekannt sind, und unter fremden Menschen ganz allein zu sein. Da das Leben des gesehestreUen Juden eine Kette von Entbehrungen und Prüfungen ist, so ist gleich der erste Schritt, den der junge Bachur aus Liebe zur Thora und seiner Reil Größere Dacburim. die schon längere Zeit in der Jeschiwah sind, und mit den jüngeren lernen. mnnmrn*, 2) Die oberhalb von Budapest wohnenden, un Gegensatz?u den unterhalb Vest-s Wohnenden sogenannten «Unterländern. Da sich die Oberländer für gebildeter und intelligenter. die Unterländer aber für klüger halten, aiebt es oft streit zwischen ihnen. 3) Der erste Tag des Monat». ligion thut, eine Prüfung, die der unseres Erzvaters Abraham gleich ist, indem auch er sein Vaterhaus, seinen Geburtsort und oft auch sein Vaterland verläßt, um in der Fremde, zu den Füßen großer Lehrer, die Worte unserer heiligen Thora in sich aufzunchmen, und die Wege, die das jüdische Gesetz vorschreibt, wandeln zu lernen. Es sind keine kleine Entsagungen, die ein armer . Bachur auf sich nimmt; aber er thut es gerne, denn die mächtige Liebe, die ihn erfüllt, die große, starke und erhabene Liebe zur Thora, das Bewußtsein, seinen Wissensdurst in der Jeschiwah stillen zu können und durch das gute Beispiel seiner Lehrer einst selber ein echter, wahrer Jehudi zu werden, diese Dinge lassen ihm alle Noth und Plage, alle Prüfungen und Verzichtleistungen auf die Genüsse dieser Welt, kleinlich erscheinen und die Opfer, die er seinem Stande zufolge bringt, nicht als solche betrachten. Mit diesen Zeilen habe ich mein Tagebuch, welches ich während meines zwölfjährigen Jeschiwahlebens ge-, führt habe, geschlossen. . - Heute, wo ich meine Erlebnisse in der Jeschiwah von den vergilbten, losen Blättern, auf reines, weißes Papier übertrage, stelle ich sie als Einleitung zum Anfang. um mir die darin geschilderte Zeit zu vergegenwärtigen; ich werde dann meine Erlebnisse mit besserem Verständniß durchlesen. Sollten diese Blätter das Glück haben, von Jemandem gelesen zu werden, so will ich ihn gleich hier darüber belehren, daß dies nicht nur meine Erlebnisse — die Erlebnisse eines Einzelnen — sind, die er hier ausgezeichnet findet, sondern daß dies das Leben eines jeden Vachurs ist, welches ich in meinen Erlebnissen wiedergebe. Denn das Leben eines jeden Vachurs, mag er nun reich oder arm sein, gleicht dem des andern, wie ein Ei dem anderen gleicht. Nachdem ich dies vorausgeschickt, beginne ich mit der Erzählung meines Jeschiwah-Lebens, indem ich mir schmeichle, daß der Leser dieser Blätter nicht nur, wenn er selber auch ein Bachur gewesen und sein Jugendleben— ich darf wohl so sagen— geschildert' finket, mir seine Anerkennung nicht versagen, sondern auch, wenn er dieses Leben nicht durchgemacht/ hat.'! einiges Interesse daran finden wird. . 23. September 18 .., Endlich bin ich an Ort und Stelle, und weil ich mir noch zu Hause fest vorgenommen habe, alle.meine Erlebnisse in der Jeschiwah niederzuschreiben, so mache ich von der ersten freien Stunde Gebrauch und beginne mit meiner Abreise. . Mit dem Nöthigsten ausgerüstet, verließ ich" vor' drei Tagen mein Elternhaus, um in die Jeschiwah den M__ zu fahren. * .1 Der Abschied von meinen Lieben war sehr rührend. Ist es doch der einzige Sohn, den man auf ganze fünf

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