Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 59 (24.7.1902)
- Date
- 1902-07-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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1257 brüdern die Wege ebnen. Auch darüber dürfte man getheilter Meinung sein, ob es angebracht war, vor dieser Instanz ein so fatalistisches Urtheil über die Situation der „Juden von Osteuropa" auszusprechen und mit solchem Nachdruck zu proklamiren, daß dieselben „nicht dort bleiben können, wo sie jetzt sind." Wer wird den trostlosen Jammer, unter dem Millionen unserer Brüder in jenen Ländern seufzen, auch nur im Entferntesten bestreiten? Indessen wird auch das brennendste Mitgefühl nicht jede Möglichkeit abweisen, daß wenigstens für einen Theil jener Märtyrer in einer mehr oder minder nahen besseren Zukunft „dort, wo sie jetzt sind," eine Linderung des Jammers anheben, daß die sieghafte Macht der Menschlichkeit und Gerechtigkeit auch dort endlich zum Durchbruch gelangen kann. Das Zugeständnitz, daß jene Unglücklichen allesamt unabweislich der Gewalt weichen müssen, dürfte kaum dazu angethan sein, diejenigen, deren Gewaltregiment sie ausgeliefert sind, milder zu stimmen; die autoritative Bestätigung, daß ihrem satanischen Streben, die verhaßten Juden von der Scholle zu drängen, Erfüllung winkt, dürfte vielmehr verstärkter Ansporn sein, Brutalität auf Brutalität zu häufen. Zeitungsnachrichten und Sorrespsndenzen. Deutschland. Weisrcnbnrg, 20. Juli. Am 17. dss. Mts. verstarb nach schwerem Leiden Banquier Henri Cers im j Alter von 66 Jahren. Die Nachricht hat in allen - Kreisen tiefes Mitgefühl und Bedauern erweckt, war der Verstorbene doch eine der hochangesehensten und beliebtesten Persönlichkeiten Hierselbst. Dem Gemeinderath gehörte er seit langen Jahren an und entwickelte in demselben eine rege Thätigkeit; ferner war er Vorstand, der hiesigen israelitischen Gemeinde, Mitglied des Sparkassenvorstandes.und mehrerer Wohlthätigkeitsvereine; dem Konsistorium für Unterelsaß gehörte er bis vor kurzem an. Was ihm aber die herzlichen Sympathien Hauptsächlich erworben hat, war sein Wirken, das er im Geheimen ausübte; ein großer Wohlthäter der Armen, war er auch stets bereit, den um Rath und Beistand Heischenden nach bestem Wissen und Können zur Hand zu gehen; sein Hinscheiden wird eine große, nur schwer auszufüllende Lücke in unserem Gemcindeleben hinterlassen. Die herzliche, tiefgehende Antheilnahme, welche von allen Seiten spontan bekundet wird, möge den Angehörigen des Verstorbenen ein Trost in ihrem schweren Verluste sein. Das Leichenbegängniß, welches den darauffolgenden Tag stattfand, zählte eine von Hunderten aller Konfessionen angehörenden Menschenmenge, welche dem Dahingeschiedenen die letzte Ehre erweisen wollten. i . Zur Trauerfeier, die im Hause des Herrn Cers abgehalten wurde, hatten, sich nicht nur die Bürger unserer Stadt, sondern Fremde aus allen Theilen der Umgegend eingefunden, ein beredtes Zeugniß für die Liebe und Hochachtung, deren sich der Verstorbene erfreute. Der Ortsrabbiner, Herr Dr. Koch, sprach zuerst Worte des Trostes und feierte in warmen, tiefempfundenen Worten die Verdienste des Menschen und Bürgers, der die vielen Pflichten seiner zahlreichen Ehrenämter mit seltenem Eifer erfüllte. Ferner sprachen die Herren Oberrabbiner Dr. Ury - Straßburg, Rabbiner L e v y - Hagenau und Rabbiner Bloch, zukünftiger Rabbiner in Sulz unterm Wald, welche sich alle dem Vorredner in der Schilderung der Verdienste des Verstorbenen und in Trostesworten an die Familie anschlossen. Am Grabe sprach Herr Rabbiner Lev y - Brumath. Er zeichnete in treffender Weise den Israeliten, der in Treue und Wahrhaftigkeit an den Traditionen des Judenthums festhielt und sie unterstützte, ' der durch die zwingende Macht seiner Persönlichkeit überall die Interessen seiner Glaubensbrüder erfolgreich vertrat; Herr Rabbiner L e v y spendete ebenfalls Trost den Hinterbliebenen. Die Stadt und speziell die jüdische Gemeinde erleiden einen unersetzlichen Verlust. Das Andenken des Verstorbenen wird ein unvergeßliches bleiben. S.' Dänema r k. Kopenhagen, 20. Juli. Ein ganz sonderbarer Zufall hat sich vor kurzem hier in unserer Gemeinde ereignet, ist in hiesigen Tagesblättern erwähnt worden und verdient auch, in Ihre geehrte Zeitung Eingang zu finden. Die Geschichte, die bereits am 20. Juni anfing, ist erst jetzt — nachdem die Kranken außer Gefahr sich befinden — zur öffentlichen Kenntniß gelangt und hat folgenden Verlauf. In einer hiesigen, angesehenen, jüdischen Familie, wo die Frau seit langem krank gewesen, erkrankten plötzlich der Herr, die eine Tochter, drei Dienstmädchen und eine Krankenpflegerin an Magenleiden, bei den Meisten mit heftigem Fieber verbunden, das sehr ernst zu sein schien und verschiedene Schmerzen im ganzen Körper zur Folge hatte. Der Hausarzt konnte sich diese Krankheit garnich! erklären, sie glich einer heftigen Influenza-Epidemie, er dachte' an die Möglichkeit einer Vergiftung, doch hierzu boten sich keine Stützpunkte. Die Pflegerin, als die am meisten Angegriffene, wurde in ihr Heim und unter private Behandlung ihres eigenen Arztes gebracht. Von den Symptomen der Krankheit seiner Patienten benachrichtigt, sowie von der Epidemie überhaupt, kamen ihm die Erscheinungen derselben denen einer Trichinen-Vergiftung ähnlich vor und erwähnte er dies der Pflegerin gegenüber, jedoch mit der Hinzufügung, daß sie ja lange in einer jüdischen Familie gewesen sei, sodaß von Ansteckung durch Schweinefleisch wohl keine Rede sein könne. Die Krankenpflegerin erzählte hierauf, daß die