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Der Israelit · 1902-07-24 · Heft 59 (24.7.1902) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 59 (24.7.1902)
Date
1902-07-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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1256 hatte kein Kongreß von Juden stattgefunden; seit der , Zeit aber waren deren fünf. Damals schrieb ich ohne Kenntniß dessen, was ich seither aus Gesprächen mit Juden gelernt habe; damals schrieb ich in keiner offiziellen Stellung. Aber das Prinzip ist aufrecht geblie- - ben. Die Lösung der Judenfrage liegt in der Anerkennung der Juden als ein Volk, und darin, daß sie ein rechtlich anerkanntes Heim finden, wohin Juden aus'denjenigen Theilen der Welt, in denen sie bedruckt sind, naturgemäß wandern würden, denn sie würden dahin als Bürger gelangen, gerade weil sie Juden sind, und nicht als Fremdlinge. Im Resultate würde dädurch der Emigrantenstrom von diesem Lande und von Amerika, wo sie eine Last werden, sobald sie zu einer merklichen Zahl heranwachsen, nach einem Lande abgelenkt werden, wo den besten Interessen dadurch gedient wäre, daß man für die größtmögliche Anzahl Platz finden würde. Wenn den Juden dort ihre rechtliche Position als Volk eingeräumt wird, so bin ich überzeugt, daß sie eine spezifisch jüdische Kultur, nationalen Charakter und nationale Aspirationen entwickeln werden, welche zur Hebung der Menschheit führen würden. Vielleicht kommt es mir nicht zu, die Aufmerksamkeit' der Kommission auf diesen Zweig des Gegenstandes zu lenken, welcher möglicherweise ganz außerhalb der jetzigen Enquete liegt, aber ich bin fest überzeugt, daß das Problem, welches zu untersuchen und zu begutachten die Kommission berufen ist, nicht anders gelöst werden kann, als durch die Annahme des Prinzips, - daß der Auswandererstrom, welcher in steigendem Grade von Osteuropa her weitergehen muß, abzulenken ist. Die Juden von Osteuropa können nicht dort bleiben, wo sie jetzt sind. Wo sollen sie hin? Will man sie hier nicht, dann muß ein Ort gefunden werden, wohin sie emigriren können, sonst wird das Problem geschaffen, mit dem Sie hier beschäftigt sind. Diese Probleme entstehen aber nicht, wenn eine Heimath gefunden wird, welche rechtlich als jüdisch anerkannt wird, sind ich stelle der Kommission anheim — ob sie die Lösung der Frage beeinflussen kann oder nicht — es nicht zu unterlassen, diese Lösung in Betracht zu ziehen und derselben den hohen Werth ihres Gutachtens angedeihen zu lassen. Was die Juden anbetrifft, so trage ich kein Bedenken, zu behaupten, daß die Lösung praktisch und durchführbar ist. Sie ist vor allem Anderen diejenige, welche die unglücklichen Juden selbst willkommen heißen. Diese Lösung würde ihre ernsteste Mitwirkung erhalten, weil ihr hoffnungsloses Elend die Ursache von Störungen ist, mit denen sie selbst, aber auch diese Kommission, gegenwärtig zu schaffen haben." An diese Ausführungen Dr. Herzl's knüpfte sich ein mehrstündiges «Kreuzverhör", an welchem fast sämmtliche Mitglieder der Kommission theilnahmen, am lebhaftesten der Hauptwortführer der ganzen Fremdenhetze, Major Evans-Gordon, der eine Reihe von Bemerkungen Dr. Herzl's aufgriff und für seine Zwecke aüszubeuten versuchte. Lord Rothschild parirte einigen Klopffechter-Kunststuckchen Evan's-Gordon's, indem er mehrere Fragen desselben, aus denen der Antisemitismus Kapital schlagen konnte, genauer sormulirte und Dr. Herzl Gelegenheit gab, mit einer jegliche Mißdeutung ausschließenden Präzision zu antworten. Auf das „Judenstaat"-Thema ist von keinem Kommissons-Mitglied eingegangen worden; das vermindert nicht das Bedauern, daß dasselbe überhaupt angeregt wurde. Wie immer man zum Zionismus stehen mag, auch Mancher der getreuesten Anhänger der Idee der „Schaffung einer öffentlich-rechtlichen Heimstätte in Palästina" dürfte es bedenklich finden, daß diese internjüdische Frage vor das Forum einer Körperschaft, wie die Fremden-Einwanderungskommission, gebracht und daß die letztere noch dazu in aller Form aufgefordert wurde, „diese Lösung in Betracht zu ziehen." Kann es Wunder nehmen, wenn diese Aufforderung, die — natürlich unbeabsichtigte — Wirkung hat, daß sie von Major Evans-Gordon und Genossen als Ermuthigung »der als Vorwand gedeutet wird, unseren unglücklichen Glaubensgenossen die Häfen Englands zu sperren und sie auf die künftige „öffentlich-rechtliche Heimstätte in Palästina" zu vertrösten? Zugegeben selbst, daß die Verwirklichung dieses letzten Zieles des politischen Zionismus gelingen kann — auch der Vertrauensseligste muß zugestehen, daß sich derselben zunächst noch thurmhohe Widerstände entgegenstellen und in absehbarer Zeit entgegenstellen werden, daß für die Gegenwart diese „Lösung" keinesfalls in Betracht kommt. Ist es wirklich wohlgethan, zur Bewältigung einer augenblicklichen Schwierigkeit auf einen günstigsten Falles erst in der Zukunft gangbaren Weg zu verweisen, völlig abgesehen davon, daß es sich am letzten Ende um ein Experiment handelt, dessen Einsatz die Unglücklichsten der Unglücklichen unseres Stammes bilden? Kein Einsichtiger kann sich der Befürchtung verschließen, daß die Kommission, wenngleich nicht ein Verbot, so doch unter dem Druck der öffentlichen Meinung, eine Beschränkung der Einwanderung befürworten und daß die gesetzgebenden Körperschaften sich ihren Vorschlägen anschließen werden. Angesichts dieser ernsten Gefahr ist unseres Erachtens für jeden Juden, dessen Bekundungen auf die folgenschwere Entscheidung Einfluß gewinnen kann, Vorsicht und Zurückhaltung doppelt geboten und Alles zu vermeiden, was diese Gefahr zu verschärfen geeignet ist. Daß Herr Dr. Herzl die Ge-, legenheit wahrnahm, an weithin vernehmbarer Stelle seine persönliche Anschauung über die wirksamste Losung der „Judenfrage" zum Ausdruck zu bringen, mag begreiflich erscheinen; daß er aber zugleich Berücksichtigung derselben für die gegenwärtige Praxis forderte, kann, so fürchten wir. verhängnißvoll werden, keinesfalls den in England eine Heimath suchenden Glaubens-

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