Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 59 (24.7.1902)
- Date
- 1902-07-24
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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43» Jahrgang. %i AtM Htkzl Dir kr FttÄMWliiikrüliMMiiiissisii. London, 20. Juli. Herr Dr. Theodor Herzl wurde dieser Tage von der Fremden-Einwanderungs-Kommission in ihrer sechzehnten Sitzung vernommen. Derselbe begann seine eingehenden Ausführungen mit einer Darstellung der Entstehungsgeschichte seiner Schrift „Der Judenstaat", in welcher er bereits das Auftauchen der Judenfrage auch in England vorausgesagt habe. Der wahre Beweggrund für die Berufung der Kommission zur Prüfung der Einwanderungsfrage sei darin zu suchen, daß zum ersten Male seit Cromwell's Zeiten Juden in größerer Zahl in England ansaffig seien und in dem Wunsche, daß diese Zahl sich nicht in merklicher Weise vergrößere. Ueber die Frage, ob die Einwanderung an sich für England ein Segen oder ein Uebel sei, stehe ihm, als im besten Falle parteiischen Zeugen, kein Urtheil zu. Möglicherweise seien die jüdischen Einwanderer gerade deßbalb, weil sie bestimmte Tugenden, z. B. Fleiß, Mäßigkeit, Sparsamkeit, in merklichem Grade besitzenweniger willkommen, als wenn sie unverfälschte Laster besäßen. Das Beispiel Rumäniens beweise, daß die Lage der Juden in Osteuropa von Tag zu Tag sich verschlimmere, und die Folge werde wahrscheinlich sein, daß die Opfer der Verfolgungen, denen selbst Mr. Arnold White den Eintritt nicht versagen will, in noch größerer Zahl auf englischem Boden Zuflucht suchen werden. Die Verzweiflung, welche sich beim Auftauchen der Judenfrage der englischen Judenheit bemächtigt habe, sei nicht erstaunlich, da sie trotz aller Warnungen des Redners und Gleichgesinnter einem Zustande gegenüber unvorbereitet geblieben seien, der, wie sie hofften, niemals eintreten werde. Wunder nehmen könne aber die Tiefe der Verzweiflung, die Größe der Richtbereitschaft, welche nur die sinnlose Proposition der örtlichen Vertheilung als ein Heilmittel für das Uebel Vorschläge, das mit Riesenschritten über und um die englischen Juden heraufziehe, genau so, wie dies bereits anderwärts der Fall war.. Dieser Vorschlag sei aus dem veralteten Geiste jener „jüdischen Wohlthätigkeit" entsprungen, welche für das Mittelalter ausrcichte. gegenüber den veränderten Verhältnissen der Neuzeit aber ohnmächtig sei: „In alten Zeiten hatte die jüdische Wohlthätigkeit den Zweck, denjenigen, welche von Ort zu Ortreisten, und welche durch die Verfolgung an den Bettelstab gebracht waren, hilfreich zur Seite zu stehen, und das Leitmotiv mag zum größten Theil der Umstand gewesen sein, daß man nicht wußte, wie schnell der heutige Almosengeber zum morgigen Bettler werden dürfte. Alle Juden waren, wenn vorläufig noch nicht thatsächlich, doch voraussichtlich Brüder im Unglück. Aber zu jenen Zeiten war die Strecke, welche der wandernde Jude zu durchreisen hatte, eine Fußreise von vielleicht bloß einigen Meilen, und folglich brauchte ihm die beanspruchte Hilfe nur für die kurze Streckern genügen. Heute aber sind die Kommunikationsmittel diesem wohlthätigen System entwachsen, so daß die Londoner Wohlthäter beispielsweise aufkommen müssen für die Weiterschiebung von Juden, die von Rußland nach Amerika emigriren, und das alte System hat einen solchen Grad von Verwirrung erreicht, daß es sich schön nicht mehr allein damit befassen kann, den Leuten zu helfen, sondern daß das Geld, welches den Zweck hatte, hie Juden aus ihrer elenden Lage zu befreien, dazu benützt worden ist, sie in dieselbe wieder zurückzustürzen. Dies war hauptsächlich der Fall bei den rumänischen Flüchtlingen, welche nach England kamen, und deren einziger Empfang in dem Remedium bestand: „Per Schub zurück in das Vaterland," ein Vaterland, in welches sie als Fremdlinge wieder zurückgelangen!! Das isi es, was ich gemeint habe, als ich sagte, daß das System der jüdischen Wohlthätigkeit bankerott ist. Ihr wirklicher Zweck ist, Juden aus schlimmer Lage in bessere Verhältnisse zu befördern, wenn sie aber gezwungen ist, sie aus besseren Verhältnissen in eine schlimmere Lage zu bringen, so ist das ein Zeugniß, daß die Methode Fiasko gemacht hat." Der Vorschlag der Assimilation durch die Mischehe setze einmal voraus, daß'diejenigen, welche den Juden als Nachbar nicht dulden wollen, sich mit ihm als Familienmitglied verbinden, ferner, daß dieses Mittel zu einer Universal-Politik sich heranbilde und nicht auf vereinzelte Heirathen mit Andersgläubigen beschränkt bleibt, endlich daß die Welt für uns empfangsbereit sei, in welchem Falle aber für die Mischehen gar keine Veranlassung Vorlage. da damit ein Volk vernichtet werden würde, ivelches die Welt anerkennen und achten gelernt hat und zu erhalten bestrebt sein solle. Hinzukomme, daß die Juden selbst sich den Mischehen widersetzen, falls'nicht Der- oder Diejenige, mit denen sie eingegangen werden, zum Judenthum übertreten. Dr. Herzl schloß nach dem Berichte der „Welt" mit folgender Apostrophirung der Kommission: „Es verbleibt demnach die Lösung, welche ich in meiner Brochüre „Der Judenstaat" angedeutet habe. Natürlich möchte ich das, was ich damals schrieb, jetzt nicht in seiner Gesammtheit in denselben Worten oder in den einzelnen Punkten wieder schreiben. Damals