Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 59 (24.7.1902)
- Date
- 1902-07-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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sich unbedingt das Volk in zwei Klaffen, der sehr Reichen und der sehr Armen, — da wird die Arbeit versclavt, — da werden die Wenigen die Herren der Vielen, gleichgiliig unter welcher politischer Form, — da entsteht Laster und Niedrigkeit, gleichgiliig unter welcher Religion. Und mit der Umsicht des philosophischen Staatsmannes, welcher Gesetze nicht für das Bedürfniß eines »Tages, sondern für die Zukunft gibt, suchte er auf Geheiß Gottes auf eine seiner Zeit und ihren Bedingungen angemessene Art gegen diesen Jrrthum Vorsorge zu treffen. Ueberall in den mosaischen Institutionen ist das Land als die Gabe des Schöpfers für alle seine Geschöpfe angesehen. Niemand hat das Recht, es zu monopolisiren.. Ueberall heißt es nicht: „dein Grundstück," oder „dein Besitz," nicht „das Land, welches du kauftest," oder „das Land, welches du erobertest," sondern: „das Land, welches der Herr, dein Gott, dir gibt, das Land, welches der Herr dir leiht." Und durch praktische Gesetzgebung, durch göttliche Verordnungen suchte er gegen das Unrecht Vorsorge zu treffen, welche, alte Civilisationen. in Despotismen umformte — das Unrecht, welches in späteren Jahrhunderten am Herzen Roms nagte, welches die vertierende Leibeigenschaft Polens und das dürre Elend Irlands hervorbrachte das Unrecht, welches heutzutage in dieser Stadt ganze Familien in einzelne Zimmer zusammendrängt und welches unsere Landstraßen mit Vagabunden bevölkert. Er sorgte nicht nur für die gerechte Vertheilunq des Landes unter das Volk, und die Einhaltung der Brache in jedem siebenten Jahre, sondern er sorgte auch durch die Einrichtung des Jubelfestes für eine Neuvertheilung des Landes alle fünfzig Jahre, und machte so das Monopol unmöglich. Wie viel danken wir diesen Einrichtungen selbst heute noch! Heute noch ist das Einzige. daS zwischen unserer arbeitenden Klasse und unaufhörlicher, schwerer Arbeit steht, eben eine dieser mosaischen Institutionen. Keine Lehre der Volkswirthschast steht fester, als die, daß unter den jetzt herrschenden Umständen die arbeitenden Klassen nicht , mehr für sieben Tage Arbeit erhalten würden, als sie jetzt für sechs bekommen und daß es ihnen bei den sieben ebenso schwer fallen würde, ihre Arbeitsstunden zu verringern, wie bei unseren sechs. Und wer, der die Vergeudung produktiver Kraft in Betracht zieht, kann zweifeln, daß die moderne Gesellschaft nicht nur glücklicher, sondern auch reicher wäre, hätten wir ebenso wie den Sabbattag die große Idee des Sabbatjahres erhalten, öder seinen Geist un seren veränderten Bedingungen anpassend, in anderer Art eine entsprechende Verringerung der Arbeitsstunden erlangt. ' Aus dem freien Geiste des mosaischen Gesetzes entsprang die Innigkeit des Familienlebens, das durch alle Zerstreuungen und Verfolgungen die Individualität der hebräischen Raffe bewahrte, jene Liebe zur Unabhängigkeit, welche in den verzweifeltsten Umständen den Juden gekennzeichnet hat. Aus ihm entsprang der glühende Patriotismus, welcher in den Makkabäern aufflammte, und welcher die Brust der jüdischen Bauern den geschlossenen Lanzen der griechischen Phalanx und dem unwiderstehlichen Angriff der römischen Legionen gegenüber entblößte; jener hartnäckige Muth, welcher in der Verbannung und auf der Folter den Juden an seinem Glauben festhalten ließ. Dieser Geist entzündete das Feuer, welches in den Gesängen der hebräischen Seher und Poeten den höchsten Schwung des Gedankens für uns 'zum Ausdruck brachte; entzündete die Kraft, welche immer und immer wieder den dürren Stab knospen und blühen ließ. Von einem kleinen Stamme ausgehend, hat dieser Geist der heiligen Schrift seine Macht entfaltet, wo immer sein Einfluß gefühlt worden ist. Er hat Throne gestürzt und Hierarchien umgestoßen. Er stärkte den schottischen Covenanter*) in der Stunde der Noth und den Puritaner in den Wintern eines fremden Landes?) Er stand im Feuer mit den Jronsides*) bei Naseby?) stand hinter den niedrigen Schanzen von Bunker Hill?) Aber nicht nur durch seine Lehren, auch durch seine Thoten wird ein solches Leben zu einem Segen. Es verleiht der menschlichen Natur Würde, es verherrlicht menschliches Streben und bringt denen, die sich abmühen, Vertrauen und Kraft. Das Leben Mofe's ist ein Protest gegen jene gotteslästerliche Lehre, welche heute noch im Umlauf ist, wie sie es vor dreitausend Jahren war; jene oft auch von christlichen Kanzeln gepredigte Lehre, daß die Noth und die Leiden der Mehrzahl der großen Massen von einer geheimnißvollen Fügung der Vorsehung ausgehen, welche wir beklagen mögen, gegen die wir aber weder ankämpfen, noch die wir ändern können. Wer sich bei dieser Lehre wohlfühlt, wer glaubt, daß der Schmutz und die Verworfenheit, welche wir in den Mittelpunkten unserer Civilisation aufgeh'äuft finden, ihn nichts angehen, der schaue auf das Vorbild dieses Lebens. Denn für den, der sehen will, brennt der Dornbusch heute noch und für den, der hören will, ertönt noch heute die Stimme: „Das Volk leidet, wer will es erlösen?" In die nächste Familie des ersten Monarchen ausgenommen. beinahe auf dem Gipfel der sozialen Pyramide stehend, welche zu ihrer Basis jene arbeitenden Millionen hatte. Priester und Fürst in einem Land, in welchem Priester und Fürst in allen - Genüssen schwelgen durften; alles, was das Leben bieten kann, die Sinne zu befriedigen, oder deren. Geist anzuregen — alles stand ihm offen. , V?? 1) Anhänger des Bundes zum Schutze der schottischen Kirchen» freibeit. 2) Amerikas L) Cronnveils »Eisenseiten": schwere Reiter. 4) Schlacht 1645. 5) Schlacht im amerikanischen Unabhängigkeitskriege am 16. Juni 1775.