Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 46-47 (9.6.1902)
- Date
- 1902-06-09
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
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dem fünf Stunden entfernten Salzheim gebracht hatte, jeden Erew-Jaumtouw bei seinen Eltern als lieber Gast einzukehren. Schon früh am Morgen, kaum von Schul nach Hause gekommen und kaum sich Zeit nehmend, etwas zu genießen, war From fortgeeilt, um einige Landwirthe in benachbarten Ortschaften, die zu seiner Kundschaft - gehörten, zu besuchen und von da aus, ebenfalls zu Fuß, noch rechtzeitig die Eisenbahnstation zu . erreichen, von der aus die Sekundärbahn nach seinem Heimathsdorfe Laubbach ging. Müde und schweißtriefend, denn heiß brannte die Maisonne vom wolkenlosen Himmel herab, hatte er sein Ziel erreicht; erschöpft hatte er sich auf der Bank vor dem Stationsgebäude niedergelassen und doch verklärte die Freude seine Züge, denn in zehn Minuten hoffte er seinem David die Hand drücken zu können. Der Zug brauste heran, doch . den Erwarteten brachte er nicht. Fast mechanisch setzte sich From in ein Abtheil der Sekundärbahn, wo er noch jeden Erew- Jaumtauw neben seinem David gesessen hatte, denn die Freude hatte er sich noch nie versagt, noch vor der Mutter den geliebten Sohn zu sehen, an seinem munteren Wesen, an seinem klaren, treuen Auge sein Vaterherz zu erfreuen. Was sagt man der Mutter, war der erste Gedanke From's, als er seiner Enttäuschung Herr geworden war. Und obschon sein Inneres von Zweifeln und Sorgen aller Art über das Ausbleiben seines Sohnes erfüllt war, wollte er ruhig bleiben und seine Frau auf den nächsten Zug vor Jaumtauw vertrösten, der zwar keinen Anschluß mit der Sekundärbahn hatte, der aber so frühzeitig eintraf, daß man zu Fuß noch vor Eingang des Festes Laubbach erreichen konnte. . „Jedenfalls kommt er noch vor Jaumtauw," setzte er trostspendend zu seinen ersten Worten hinzu, als er zwei große Thränen in den Augen seiner Rachel stehen sah, „wenn er gesund ist, kommt er noch. Warum soll man gleich Angst haben? Ist das Bitochaun? Haschemjisborach hat uns noch immer behütet, darum Kopf hoch!" Die für From außergewöhnlich lange Rede — er war sonst kein Freund von vielen Redensarten — mit der er die Sorgen feiner Gattin zu verscheuchen suchte, hatten auch ihm wohlgethan. So sind ja die Menschen, wenn ihnen widersprochen wird, bleiben sie um so zäher bei ihrer Meinung; weil From sah, daß sein Trost nicht ganz gläubig ausgenommen wurde, glaubte er selbst um so fester an denselben. . . Nicht weniger unruhig, weil er die Sorgen seiner Eltern ahnte, war David, der so sehnsüchtig Erwartete. Als Lehrling war vor zwölf Jahren in das Geschäft von Julius Löw eingetreten und in demselben als Kommis und schließlich als Leiter des ganzen ausgedehnten Geschäfts geblieben, obschon , er von seinem Prinzipal keineswegs seinen Leistungen entsprechend-, honorirt' wurde. Die Heilighaltung des Schabbos, die . heute V; leider so häufig mißachtet,, hatte ihn in seiner ersten Stelle festgehalten, die altjüdische Pflichttreue wohnte f' in seinem Herzen und ließ ihn freudig die schweren . / Opfer bringen, die für einen jungen,. aufstrebenden Kaufmann darin liegen, bessere, ja glänzende Stellen des Schabbos, unseres größten Gutes,' wegen äuszu- \;i schlagen. '/ 'y'V'V-; War er aber in den ersten Jahren seinem keinrtz- - wegS freundlichen Prinzipal unendlich dankbar..dafür - - gewesen, daß in seinem Geschäfte Schabbos und Jaum-/ 1 tauw so heilig gehalten wurden, und hatte ihn der ge- - ringe Lohn nicht betrübt, so war in der jüngsten Zeit, * seitdem das Geschäft fast ganz in seinen Händen .ruhte und er die Ertragsfähigkeit so gut übersah, cine/gewisse / Verbitterung in seinem Innern aufgestiegen. °. Es war aber nicht etwa der Neid, der in ihm nagte/ . dafür war sein Gemüth zu rein, zu kindlich geblieben, er fühlte vielmehr die Ungerechtigkeit, die ihm wider- . fuhr, jetzt darum so drückend, weil sein Streben darauf. : gerichtet war, sich nach den langen Jahren des Nach- ' gebens und Geduldens eine Lebensstellung zu erringen/ Und daran hatte unbewußt die zu einer lieblichen ~ Jungfrau erblühte, mit Vorzügen des Geistes wie des Körpers gleich reich gesegnete Tochter des Heimischen '' Vezirksrabbiners, der in Laubbach seinen Amtssitz hatte, die Schuld. Unbewußt, denn mit Worten hatten die beiden jungen Menschenkinder noch nie über das .' süße Geheimniß gesprochen, das ihre Brust erfüllte, und ' ahnten auch nicht, daß ihre Eltern mit Wohlgefallen die - Verknüpfung der beiden Herzen beobachteten, die sie, die Erfahrenen, vor ihren Augen sich vollziehen sahen. / Harte Worte hatte Davids Prinzipal erst in.dervergangenen Woche ihm entgegengeschleudert, als er / von seinem geringen Salair sprach, und nur die Rück-, sicht auf den Kummer der Eltern hatten ihn zuruckgc-, halten, sofort zu kündigen. Mit aller Energie wollte er aber jetzt eine seiner würdigere Stelle suchen. . / Eine eigenartige Bedingung hatte From gestellt, als er seinen David als vierzehnjährigen Jungen zu Julius Löw, der früher selbst in Laubbach gewohnt ' hatte, in's Geschäft brachte. From war nämlich Mohel, und da er selbst von der Heiligkeit dieses Berufes so / sehr durchdrungen war, wünschte er mit der ganzen Innigkeit seines Herzens, daß auch sein Sohn diese Mizwoh ausübe. Er hatte darum nicht von Schabbos /•■ und Jomtof gesprochen, das war bei Julius Löw. nicht nöthig, er hatte aber zur Bedingung gemacht,: es solle seinem Sohne später, wenn er bei. Löw.MeiVe,''-^. Gelegenheit gegeben werden, bei dem tortiQtti /öloliei theoretisch und praktisch den heiligen 'Berufzü'ex- - lernen. Lachend hatte Julius Löw, der große Achtung - / vor der biederen Frömmigkeit des Alten hatte,.einge«. - ' willigt, und sein Wort hatte er gehalten, wenigstens/